Kosovo: Jesuiten ziehen sich aus Pilotschule in Prizren zurück

Die Jesuitenprovinzen Österreich, Deutschland und Kroatien traten mit sofortiger Wirkung aus dem Trägerverein aus – Die von den Jesuiten gewünschte Ausrichtung des Loyola-Projekts wurde von anderen Mitgliedern des Trägervereins abgelehnt, Misstrauensvotum gegen den Direktor – Das Loyola-Gymnasium ist – ebenso wie die anderen Projekte im Rahmen des Bildungsnetzwerks „Loyola“ – überaus erfolgreich

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Foto: © Julian Nyča, CC-BY-SA 3.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Pristina, 14.04.19 (poi) Die drei Provinziale der Jesuitenprovinzen Österreich (P. Bernhard Bürgler SJ), Deutschland (P. Johannes Siebner SJ) und Kroatien (P. Dalibor Renic SJ) haben am 12. April mit sofortiger Wirkung den Austritt der Jesuiten aus dem Trägerverein des Loyola-Gymnasiums in Prizren (ALG) erklärt. Die Mitgliederversammlung des Trägervereins hatte zuvor mehrheitlich dem Direktor des Loyola-Gymnasiums, P. Axel Bödefeld SJ, das Vertrauen entzogen und seine sofortige Entpflichtung beschlossen.

  1. Bernhard Bürgler SJ, der bisher Vorsitzender des ALG-Vorstands war, erklärte: „Wir bedauern unsere Entscheidung sehr, hat sich doch das Loyola-Gymnasium in den letzten Jahren ganz hervorragend entwickelt. Leider war der Schritt unumgänglich, da die Mehrheit der Mitglieder des Trägervereins kein Vertrauen in den Direktor hat und auch seine Arbeit nicht würdigt; zudem trägt diese Gruppe die Grundausrichtung, die der Jesuitenorden für das Loyola-Gymnasium wünscht, nicht mit. Wir haben uns mit erheblichem persönlichem wie finanziellem Aufwand für dieses Projekt und dieses Land engagiert. Gerade die Arbeit mit den Roma und den Ashkali ist uns ein wichtiger Akzent, der aber von der Mehrheit im Trägerverein nicht unterstützt wird. Das neue Projekt einer Berufsschule (Shkolla profesionale Loyola), das Jugendlichen ausbilden soll, ist in der Vorbereitung sehr weit gediehen und findet breite Unterstützung in Politik und Wirtschaft. Aber auch hierfür fehlt der Rückhalt im Trägerverein. Ohne das Vertrauen in die handelnden Personen hat unser Engagement hier in Prizren leider keine Zukunft. Wir wissen, dass wir hier viele Menschen enttäuschen mit dieser Entscheidung. Wir sind uns zudem der Verantwortung gegenüber vielen institutionellen wie privaten Unterstützern und Wohltätern bewusst (u.a. ‚Renovabis‘), müssen aber auch gerade deswegen diesen Schritt nun gehen“. Die Meinungsverschiedenheiten bezüglich Ausrichtung und Zukunft des Loyola-Projekts hatten sich bereits seit geraumer Zeit abgezeichnet.

In dem Trägerverein ALG, aus denen die drei Jesuitenprovinzen ausgetreten sind, sind weitere Mitglieder: Albanian Youth Action, Apostolische Administratur Prizren, Arbeiter-Samariter-Bund

Landesverband Sachsen, Arbeiter-Samariter-Bund Ortsverband Neustadt/Sachsen, Congregazione delle Suore Angeliche di San Paolo, Verein der Freunde und Förderer der ALG, Verein Grünhelme, Kosova Alternative Education, Loyola-Stiftung, Marianne-und-Rudolf-Haver-Stiftung, Stellaner-Vereinigung Deutschland.

Der Trägerverein wurde 2003 gegründet, 2005 wurde der Schul- und Internatsbetrieb aufgenommen. Das staatlich anerkannte, private Gymnasium mit einem Internat für Mädchen und einem Internat für Burschen ist in seiner Art und Ausrichtung einmalig im Kosovo; es ist sehr erfolgreich und stark nachgefragt. Eine seiner Besonderheiten ist der Deutsch-Unterricht auf hohem Niveau. Vor sechs Jahren wurde zudem eine Grundschule gegründet; auch dieses Projekt im Stadtzentrum von Prizren ist überaus erfolgreich. Mit dem Projekt „Loyola Tranzit“ wurde in den letzten zwei Jahren eine Brücke zu benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus den ethnischen Gruppen der Roma und Ashkali aufgebaut. In dem sozialpädagogischen Zentrum engagieren sich Schülerinnen und Schüler des Loyola-Gymnasiums in besonderer Weise, in dem sie in einer geschützten Atmosphäre Roma- und Ashkali-Kinder unterrichten, bei ihren Hausaufgaben betreuen und auf den Besuch einer Regelschule vorbereiten.

Der Wiener Jesuit und Schulexperte P. Friedrich Sperringer, der seit zehn Monaten am Loyola-Projekt in Prizren tätig war, stellte in seinem Newsletter fest: „So sehr ich persönlich die Entwicklung bedaure, so sehr identifiziere ich mich mit der Entscheidung des Jesuitenordens. So weh es auch tut, eine gute und vielversprechende Arbeit zugunsten der jungen Menschen dieses Landes aufzugeben und anderen mit anderen Vorstellungen zu überlassen, so eindeutig ist unsere Haltung und auch unsere Entscheidung. Ich liebe dieses Land und in den zehn Monaten meines Hierseins habe ich viele Menschen liebgewonnen und wäre gerne länger hier geblieben. Aber der Trägerverein bestand eben nicht nur aus Jesuiten, sondern auch aus Firmen und Stiftungen aus Deutschland, die andere Vorstellungen von der Zukunft dieses Projekts haben – und die haben im Trägerverein knapp, aber doch die die Mehrheit“.

  1. Bödefeld leitete seit vier Jahren das Loyola-Gymnasium, das 2005 als das erste Internatsgymnasium für Mädchen und Burschen im Kosovo gegründet worden war. Es ist in seiner Ausrichtung bis heute einmalig im Kosovo und erfreut sich hoher Nachfrage. Unterrichtet werden Schüler aller Ethnien und Bekenntnisse. Am Aufbau waren das deutsche katholische Osteuropa-Hilfswerk „Renovabis“ und mehrere deutsche Diözesen finanziell beteiligt.

Initiator des Loyola-Gymnasiums war P. Walter Happel. Sein Konzept ging davon aus, dass es in einem Land, wo die Hälfte der Bevölkerung jünger als 25 ist, besonders darauf ankommt, dass Kinder und Jugendliche lernen, unabhängig von Herkunft und Religion gut miteinander zu leben. So können sie gemeinsam die Zukunft ihres Landes gestalten. Die Basis für die Entwicklung der Kinder ist Bildung, sie ist der Schlüssel für ihre Zukunft. Unter Bildung verstand P. Happel nicht die reine Wissensvermittlung, es sollten auch Werte vermittelt werden, die die Kultur Europas prägen.

Der offizielle Lehrplan wird bereits ab der ersten Stufe ergänzt – zB mit Unterricht in den Fächern Deutsch und Latein. Englisch wird als weitere Fremdsprache unterrichtet. Damit auch Kinder vom Land das Gymnasium besuchen können, wurden von Anfang an zwei Internate angeschlossen. Mit den Schul- und Internatsgebühren können ungefähr 70 Prozent der Kosten gedeckt werden. Der Rest ist spendenfinanziert. Kinder aus armen Familien erhalten ein Stipendium. Das Wichtigste für das Selbstverständnis der Schule ist: die Schüler lernen nicht nur, sich Wissen anzueignen. Sie lernen auch, als „Menschen für andere“ das Leben in ihrer Gesellschaft bewusst zu gestalten.