Libanon: Auseinandersetzung zwischen Maroniten und „Hizbollah“

Medienkommission der maronitischen Bischofskonferenz wies Kritik an Äußerungen von Kardinal-Patriarch Rai über „illegale Waffenarsenale in den Wohnvierteln“ scharf zurück

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 26.08.20 (poi) Im Libanon zeichnet sich eine scharfe Auseinandersetzung zwischen der maronitischen Kirche und der schiitischen „Hizbollah“ ab. Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai hatte am Sonntag in seiner Predigt die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut als „Alarmsignal“ bezeichnet. Alle illegalen Waffenarsenale in den Wohnvierteln der Hauptstadt wie auch in den Dörfern müssten durchgekämmt werden. Wörtlich meinte der maronitische Patriarch: „Manche Teile des Libanons sind Minenfelder, die jederzeit in die Luft gehen können. Da ist eine Gefahr für das Leben der Libanesen“. Es sei an der Zeit, all diese Waffen zu beseitigen. Kardinal Rai, der für eine „aktive Neutralität“ des Libanons eintritt, betonte darüberhinaus, dass das Land mehr denn je Frieden brauche: „Wir haben genug von Kriegen, Kämpfen und Konflikten, die niemand von uns je gewollt hat“. Die Hizbollah-nahe Tageszeitung „Al-Akhbar“ interpretierte den Friedenswunsch des Kardinal-Patriarchen als Mittel, „um den Frieden mit dem israelischen Feind zu fördern“. Die Warnungen vor den geheimen Waffenlagern seien eine Übernahme der „israelischen Propaganda gegen den ‚Widerstand‘“. Die Medienkommission der maronitischen Bischofskonferenz wies die Angriffe von „Al-Akhbar“ auf die „mutigen Vorschläge des Patriarchen für eine positive Neutralität des Libanons“ scharf zurück.

Die Feststellungen des Kardinals über die illegalen Waffenarsenale in Wohnbezirken seien über jeden Zweifel erhaben, so die Medienkommission. „Al-Akhbar“ sollte lieber recherchieren als in unzukömmlicher Weise den Patriarchen zu attackieren. Zugleich zeigte sich die Medienkommission „verblüfft“ über die Panik im Hinblick auf eine internationale Untersuchung der katastrophalen Explosion vom 4. August im Hafen von Beirut. Die Mitglieder der Kommission appellierten an die Sicherheitskräfte, ihre Aufgaben „ohne Ansehen der Person“ zu erfüllen: „Das menschliche Leben ist kostbarer als alle Gleichgewichtsüberlegungen, die dem Libanon nichts anderes als Zerstörung, wirtschaftliche, finanzielle und gesellschaftliche Krisen gebracht haben“.

Der maronitische Kardinal-Patriarch hatte am Sonntag in seiner Predigt scharfe Kritik an einem „Teil der politischen Klasse“ geübt, die die Explosionskatastrophe nur in einer „politischen Perspektive“ sehen könne und eine internationale Untersuchung verhindern wolle, die auf Grund ihrer Neutralität allein in der Lage sei, „Ursachen und Verantwortlichkeiten“ ans Licht zu bringen. Derzeit steigere sich im Libanon der Volkszorn außerdem durch die Verschleppung der Regierungsbildung. Viele Leute hätten den Eindruck, dass die Politiker die Explosionskatastrophe ausschließlich in der „Perspektive der Wahlinteressen“ betrachten.

In seiner Predigt betonte Kardinal Rai die Notwendigkeit einer „aktiven Neutralität“ für den Libanon, um das Land zu retten. Er kritisierte die von persönlichen Motiven gespeisten Manöver der Politiker, die die Bildung einer neuen Regierung verhindern. Für den Libanon sei es von essenzieller Bedeutung, die Beziehungen mit den westlichen wie mit den arabischen Staaten zu vertiefen und den aktuellen regionalen und internationalen Krisen auszuweichen. Eine neue politische Führung müsse den Libanon aus der politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Isolierung herausführen.