Libanon: Dankbarkeit für Papst-Initiative und Hoffnung auf bessere Zukunft

Libanesische Kirchenvertreter setzen auf positive Impulse des Libanon-Gipfels im Vatikan - Papst nimmt bei ökumenischem Abschlussgebet vor allem Frauen und Jugendliche in den Blick

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Foto: © Yoniw (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rom/Beirut, 02.07.21 (poi) Mit großer Dankbarkeit und Hoffnung haben Vertreter der einheimischen libanesischen Christen den Libanon-Gipfel im Vatikan verfolgt und kommentiert. Papst Franziskus und seine Gäste – Patriarchen und Bischöfe verschiedenster im Libanon beheimateter Kirchen – hatten den eintägigen Libanon-Kirchengipfel Donnerstagmorgen mit einem gemeinsamen Gebet im Petersdom begonnen. Danach fanden mehrere Beratungsrunden der Kirchenführer statt. Am Abend beschloss ein gemeinsames ökumenisches Gebet das Treffen.

Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Boutos Rai bezeichnete den Gipfel als einen wichtigen Schritt, um dem Libanon aus der Krise zu helfen. Der Libanon müsse wieder zu einem „Land des christlich-muslimischen Dialogs, einem Land der Demokratie, des Fortschritts und der Zivilisation werden“, zitierte das in Jordanien ansässige Informationsportal „abouna“ den Patriarchen am Donnerstag.

Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Youssef III. Younan bekräftigte im Anschluss an den Gipfel im Gespräch mit der arabischsprachigen Redaktion von VaticanNews die Bedeutung des Libanons als „Land des Zusammenlebens und als Ort, wo Christen dazu aufgerufen seien, sich für Frieden und Gerechtigkeit inmitten einer politisch turbulenten Region einzusetzen. „Wir als geistliche Führung sind aufgerufen, uns an unsere Mitglieder – insbesondere die Politiker unter ihnen – zu wenden, und sie an ihre Verantwortung gegenüber dem Libanon zu erinnern“, zeigte sich der Patriarch nach dem Gipfeltreffen ermutigt: „Wir sind aufgerufen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um eine vereinte Vision für den Libanon zu entwickeln.“

Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien Johannes X. Yazigi sprach in einer Stellungnahme von einer starken Ermutigung, um weiterhin für den Libanon bzw. dessen Bevölkerung zu arbeiten.

Ökumenischer Kirchenrat: Historischer Tag

Der ökumenische Kirchenrat des Nahen Ostens (MECC) hatte noch unmittelbar vor dem Treffen dazu aufgerufen, sich dem Gebet des Papstes und der Kirchenoberhäupter anzuschließen. Der Heilige Geist möge alle geistlichen und weltlichen Amtsträger erleuchten, „damit sie mit Ehrlichkeit und Glauben daran arbeiten, ihr Land aus seiner Depression zu retten“, hieß es in einer Erklärung wörtlich.

Der Kirchenrat appellierte „an diesem historischen Tag“ an die gesamte Welt, den Libanon nicht im Stich zu lassen. Die internationale Staatengemeinschaft müsse ihre Versprechen wahr machen und sich für einen freien und souveränen Libanon einzusetzen, in den die Menschenwürde geachtet werde. Die Internationale Gemeinschaft wird zudem vom Kirchenrat aufgefordert, den Libanon dabei zu unterstützen, die Folgen der verheerenden Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut im August 2020 zu beheben.

Der Libanon ist eine Botschaft

Für Pater Abdo Abou Kasm vom Centre Catholique d’Information im Libanon ist das Treffen im Vatikan nicht nur für die Christinnen und Christen im Libanon, „sondern für den Libanon als Ganzes bedeutsam, für sein Fortbestehen, für das Ende seiner aktuellen Krise“. Der Libanon sei mehr als ein Land, er sei eine „Botschaft'“, wie es schon Papst Johannes Paul II. mit Blick auf die vielen Religionen, Konfessionen, Menschen und Regionen des Libanon ausgedrückt hatte.

Es gehe nicht um den Schutz der Christen, so Pater Kasm: „Die Christen im Libanon fürchten nicht um ihr Schicksal, denn wenn sie enden, endet das ganze Libanon und genauso verhält es sich mit den Muslimen. Wenn ein Teil dieses Landes aufhört zu existieren, hört der ganze Libanon zu existieren auf.“ Nachsatz: „Wir alle gemeinsam machen dem Libanon aus.“ Der Geistliche äußerte sich im Gespräch mit dem libanesischen Informationsportal „elnashra“.

„Ein Appell, der von der Welt gehört wird“

Der Rektor des Heiligtums Unserer Lieben Frau vom Libanon in Harissa, Pater Khalil Awan, hoffte, dass die Gebetsinitiative im Vatikan für das Zedernland auch international wahrgenommen wird. Im Gespräch mit Radio Vatikan hob der libanesische Geistliche die Bedeutung der Christen in seinem Land hervor, die eine „uralte christliche Gemeinde“ bilden. Gleichzeitig betonte er, dass die Christen und Christinnen sowie alle Menschen in seiner Heimat von der grassierenden Armut, von der politischen Sackgasse und dem Pandemie-Notstand erschöpft sind.

70 Prozent der Bevölkerung lebten heute im Libanon unterhalb der Armutsgrenze und es mangele an den grundlegenden Dingen des Lebens, so Pater Awan. Zur politischen Situation sagt er, dass die Dynamik von Korruption und Sonderinteressen sowohl innerhalb des Landes als auch international vorherrscht. „Die Hoffnung ist groß, dass die Aufmerksamkeit, die der Papst dem Libanon schenkt, ein Appell sein kann, der von der Welt gehört wird“, so der Geistliche.

Dankbarkeit für Aufmerksamkeit des Papstes

Tiefe Dankbarkeit für die Aufmerksamkeit von Papst Franziskus für den Libanon unterstrich auch Pater Miled Tarrabay, Leiter der maronitischen Gemeinschaft in Rom. Er bekräftigt die Wichtigkeit der Entscheidung von Papst Franziskus, den Scheinwerfer auf das zu richten, was heute im Libanon geschehe, weil die Gesellschaft durch eine ununterbrochene Serie von Tragödien tief verwundet sei. Aber, so fügt er hinzu, es fehle nicht an Gebet und Zuversicht, dass sich der Dialog im Libanon wie auch in der Welt durchsetzen könne, die, so erinnert er, unter fundamentalistischem Terrorismus und anderen Formen der Dialogverweigerung leide.

Papstbotschaft an Frauen und Jugend

Beim abschließenden ökumenischen Abendgebet im Petersdom forderte Papst Franziskus, dass der Libanon ein Friedensprojekt bleiben müsse. Der Libanon sei „eine universale Botschaft des Friedens und der Geschwisterlichkeit, die aus dem Nahen Osten aufsteigt“, sagte Franziskus. Er bekräftigte zudem den Wunsch, bald den Libanon zu besuchen.

Es sei die Berufung der kleinen Republik, „ein Land der Toleranz und des Pluralismus zu sein, eine Oase der Geschwisterlichkeit, wo die verschiedenen Religionen und Konfessionen sich begegnen, wo unterschiedliche Gemeinschaften zusammenleben, indem sie das Gemeinwohl vor die Partikularinteressen stellen“, führte der Papst weiter aus. Das libanesische Volk sei aber „enttäuscht und abgekämpft“ und brauche Gewissheiten, Hoffnung und Frieden. Daher sei dieses Gebet für Frieden im Libanon und in Nahost dringender denn je und er hoffe, dass daraus fruchtbare Projekte entstünden.

Besonders hob der Papst auch die Rolle der Frauen hervor. „Die Frauen sind Lebens- und Hoffnungsspenderinnen für alle; sie mögen respektiert, wertgeschätzt und in die Entscheidungsprozesse für den Libanon eingebunden werden.“

Zum Ende des Gebets wurden von Jugendlichen Friedenslichter an den Papst und die Kirchenführer überreicht. Papst Franziskus sagte dazu: „Einige junge Menschen haben uns gerade brennende Lampen überreicht. Gerade sie, die jungen Menschen, sind Lampen, die in diesen dunklen Stunden brennen. Auf ihren Gesichtern glänzt die Hoffnung der Zukunft. Sie mögen Gehör und Aufmerksamkeit finden; denn von ihnen geht der Neuanfang des Landes aus.“

An die Verantwortungsträger appellierte der Papst: „Schauen wir alle, bevor wir wichtige Entscheidungen treffen, auf die Hoffnungen und die Träume der jungen Menschen. Schauen wir auf die Kinder: ihre strahlenden, aber von zu vielen Tränen getränkten Augen mögen die Gewissen wachrütteln und die Entscheidungen orientieren.“

An dem Gipfel im Vatikan nahmen unter anderem der Patriarch der Melkitischen Griechisch-katholischen Kirche, Joseph Absi, der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Boutros Rai und der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, Ignatius Youssef III. Younan, teil; weiter der armenische apostolische Katholikos Aram I., der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Aphrem II., der griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien Johannes X. Yazigi sowie Joseph Kassabhas, Präsident des Obersten Rates der evangelischen Gemeinschaft in Syrien und im Libanon. Auch der chaldäische Bischof, Michel Kassarji, sowie der Apostolische Vikar von Beirut, Cesar Essayan, waren in den Vatikan gereist. Von katholischer Seite waren auch der Päpstliche Nuntius im Libanon, Erzbischof Joseph Spiteri, und Kardinal Leonardo Sandri, Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen, mit dabei.