Libanon: Dramatischer Appell der Patriarchen und Bischöfe

Initiative des maronitischen Patriarchen, Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai – Aufruf sowohl an die neugebildete Regierung als auch an die jugendlichen Demonstranten

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 29.01.20 (poi) Die kirchlichen Führungspersönlichkeiten des Libanons haben am Dienstag, 28. Jänner, bei einem Treffen auf Einladung des maronitischen Patriarchen, Kardinal Bechara Boutros Rai, in Bkerke einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit gerichtet, in dem sie einerseits die neue Regierung zur Überwindung der Wirtschafts- und Finanzkrise und zur entschlossenen Bekämpfung der Korruption auffordern, andererseits aber auch an die jungen Demonstranten – die sie ihrer prinzipiellen Sympathie versichern – appellieren, jegliches Chaos auf den Straßen zu vermeiden. In ihrer Abschlusserklärung sprechen sich die Patriarchen und Bischöfe für eine zielstrebige politisch-ökonomische Reformpolitik aus, zugleich betonen sie das Recht auf friedliche Demonstrationen. Sie rufen die internationale Gemeinschaft auf, den Libanon wirtschaftlich und finanziell zu unterstützen, aber auch für Frieden in der Region zu sorgen. Eindringlich betonen die Patriarchen und Bischöfe, dass ihr Gebet der „sicheren Rückkehr“ der beiden entführten Aleppiner Metropoliten Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi gelte. In Bkerke war ausführlich die gefährliche politische Entwicklung im Libanon in den letzten mehr als zwei Monaten  – durch die alle Bürgerinnen und Bürger „zutiefst beunruhigt“ seien – diskutiert worden.

In der sieben Punkte umfassenden Schlusserklärung heißt es u.a., die Patriarchen und Bischöfe hätten die Bildung einer Regierung von Fachleuten mit Zufriedenheit registriert. Es komme aber jetzt darauf an, dass diese Regierung die Zustimmung der libanesischen Bevölkerung – „insbesondere der jungen Leute in ihrem Aufstand“ – , aber auch das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft und der Geberstaaten gewinnt. Die Regierung habe jetzt die Aufgabe, zielführende Reformen in Gang zu bringen, um den gewünschten wirtschaftlichen Fortschritt zu erzielen und Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit durchzusetzen, die „weit von der Logik der Gruppeninteressen entfernt sind, die im Land seit Jahrzehnten vorherrschen“. Vor allem sei es notwendig, die Bekämpfung der Korruption zu beschleunigen und das gestohlene Geld wiederzugewinnen, sowie die Verschwendung öffentlicher Gelder einzudämmen. Die Produktivität der libanesischen Wirtschaft müsse wiederhergestellt werden, die Finanzbewegungen seien zu kontrollieren, um einen natürlichen Wirtschaftszyklus zu erreichen, der sich an Stabilität orientiert. An die „politische Klasse“ des Libanons richteten die Patriarchen und Bischöfe die Aufforderung, die üblichen Manöver zu unterlassen und die Aktionen der Regierung in einer „positiven Haltung“ zu begleiten-

Es gebe das Recht, friedlich für Reformen zu demonstrieren, zu verurteilen sei jedoch das Chor auf den Straßen und Plätzen, insbesondere in der Hauptstadt Beirut: Die Patriarchen und Bischöfe appellieren an die Demonstrierenden, Gewalt nicht zu schüren und zu „gesunden und soliden demokratischen Maßnahmen“ zurückzukehren. Blutvergießen sei nicht der richtige Weg zur Lösung der nationalen Probleme. Es gehe darum, „weise“ vorzugehen und Verantwortung wahrzunehmen. So könne die Protestbewegung die Ebene wahrer Staatsbürgerschaft im Sinn von Wahrheit, Gerechtigkeit und Gleichheit erreichen.

Die Patriarchen und Bischöfe fordern die internationale Gemeinschaft und die arabischen Länder nachdrücklich auf, den Libanon bei der Reform von Wirtschaft, Finanzen und Entwicklung zu unterstützen, damit er seine offene und friedliche Rolle wiedererlangt und sich für den Frieden und die Unterstützung der humanitären Angelegenheiten in seiner Umgebung einsetzen kann. Zugleich wird auch an die vielen Migranten aus dem Libanon in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Ozeanien appelliert, ihre Bemühungen zur Unterstützung des Mutterlandes zu intensivieren und ihm zu helfen, sich auf allen Ebenen zu erholen.

Abschließend bringen die kirchlichen Führungspersönlichkeiten ihre Sorge über die Lage in den arabischen Ländern, insbesondere in Syrien, im Irak und in Palästina, zum Ausdruck. Dort verschlimmere sich das Leid der Bevölkerung, was die Migrationsbewegung in Richtung sichere Orte beschleunige. Die nationale und die internationale Politik müssten sich dafür einsetzen, dass Kriege, Morde und Zerstörungen beendet werden und auf der Grundlage der Menschenrechte, der Freiheit und der Nächstenliebe „ein gerechter und umfassender Friede hergestellt wird“. Nur so könnten die Voraussetzungen für den Wiederaufbau geschaffen werden.

Die Beiruter Tageszeitung „L’Orient-Le Jour“ zitierte eine ungenannt bleibend wollende kirchliche Quelle, wonach die Patriarchen und Bischöfe bei ihrem Treffen in Bkerke noch tiefer beunruhigt gewesen seien als in der Abschlusserklärung sichtbar wird. Denn die Situation der Libanesen werde von Tag zu Tag schwieriger, die Verarmung sei vor allem in den Pfarrgemeinden und Klöstern spürbar, wo sich immer mehr Menschen mit der Bitte um Hilfe melden, weil sie mit den ständig steigenden Preisen in den Supermärkten und mit den Schwierigkeiten bei der Gesundheitsversorgung nicht mehr mitkönnen. Dazu komme, dass viele Leute ihre Mieten nicht mehr bezahlen können, ein Phänomen, dass vor allem in der nördlichen Hafenstadt Tripoli spürbar sei.

Zu den Teilnehmern des von Kardinal-Patriarch Rai einberufenen kirchlichen Krisengipfels in Bkerke zählten der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatios Aphrem II, der syrisch-katholische Patriarch Mor Ignatios Yousef III. Younan, der armenisch-apostolische Katholikos von Kilikien, Aram I., der armenisch-katholische Patriarch Krikor Bedros XX. Gabroyan, der melkitische griechisch-katholische Patriarch von Antiochien, Yousef Absi, der chaldäisch-katholische Bischof von Beirut, Michel Kassarji, der lateinische Apostolische Vikar von Beirut, Bischof Cesar Essayan, und der Vorsitzende der Evangelischen Synode von Syrien und dem Libanon, Pfarrer Yousef Kassab.