Libanon: Hoffnung trotz der schweren Krise

Prof. Bechealany, die scheidende Generalsekretärin des Nahöstlichen Kirchenrats (MECC), nennt die Realität in der Zedernrepublik „katastrophal“ – „Aber wir sind stark, weil wir als Christen an die Auferstehung glauben“ – Sorge wegen des „religiösen Fundamentalismus“ und der „Disfunktionalität der libanesischen Politik“ – Nachfolge für die Generalsekretärin wird am 18. September in Bkerke entschieden

0
58
Foto: © Vladanr (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 14.09.20 (poi) „Die Realität im Libanon ist katastrophal, verschärft durch die Explosionskatastrophe in Beirut vom 4. August“: Dies betonte die scheidende Generalsekretärin des Nahöstlichen Kirchenrates (MECC), Prof. Souraya Bechealany, in einem Interview mit dem Pressedienst des Weltkirchenrates. „Die Leute haben ihre Ersparnisse und ihre Jobs verloren, viele auch ihre Wohnungen und Häuser und nicht wenige auch Angehörige und Freunde, die der Explosionskatastrophe zum Opfer fielen“, stellte die Generalsekretärin fest, die inmitten von Leid und Elend Hoffnung auf eine hellere Zukunft für den Libanon hegt: „Wir sind stark, weil wir als Christen an die Auferstehung glauben. Das Reich Jesu Christi ist da und jenseits aller bitteren Wirklichkeiten gibt es Hoffnung“. Prof. Bechealany nannte vier Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, damit der Libanon wieder auf dem Weg zu Frieden und Wohlstand voranschreiten kann. Die erste Herausforderung sei der religiöse Fundamentalismus, der die Politik vergifte und das Land gespalten habe. Zweitens gehe es um die demographische Veränderung durch die massive Zuwanderung von Flüchtlingen aus Syrien. Die dritte große Herausforderung sei die Wirtschaftskrise mit der dramatischen Abwertung der libanesischen Lira und den ins Ungemessene steigenden Arbeitslosen-Zahlen. Dazu komme viertens die politische Krise und die „disfunktionale Führungsschicht des Landes“.

Unter den Libanesen gebe es das verbreitete Gefühl, dass es „genug“ sei. Die Leute seien empört über die Unfähigkeit der Regierung, die Versorgung mit Basisgütern wie Elektrizität und Wasser sicherzustellen. „Wir Libanesen haben ein Recht, die Wahrheit zu erfahren. Wir müssen entschlossen gegen die Korruption aufstehen. Es geht um die Gerechtigkeit“, stellte die MECC-Generalsekretärin fest.

Ein Hoffnungszeichen stelle ein im vergangenen Dezember gestartetes gemeinsames Kirchenprojekt unter dem Titel „Kairos Middle East“ statt, sagte Prof. Bechealany. Im Rahmen dieser Serie von Seminaren kämen Experten in Theologie und Geopolitik aus dem Irak, Ägypten, Syrien, Palästina, dem Libanon, Zypern und Jordanien zusammen. „Das ist ein vielversprechendes Projekt, es zielt darauf ab, alle Kirchen zu einem Vorschlag für den Aufbau einer besseren Zukunft zusammenzubringen“, so die Generalsekretärin. Die Tatsache, dass die nahöstlichen Kirchen profunde Erfahrungen im Umgang mit Krisen haben, gibt Prof. Bechealany die Hoffnung, dass die unmittelbar nach der Katastrophe vom 4. August in die Wege geleiteten Solidaritätsmaßnahmen des MECC und seiner Partner in aller Welt hilfreich sein werden. Neben humanitärer Grundversorgung – Nahrung, Medikamente, Unterkunft – betreffen diese Maßnahmen auch Initiativen für schwer betroffene Klein- und Mittelbetriebe, Angebote für die Behandlung von traumatisierten Menschen und für spirituelle Beratung. Prof. Bechealany: „Wir müssen weiterhin auf Frieden und Veränderung setzen und den Menschen im Libanon zur Seite stehen“.

Nach der Katastrophe hatte die Generalsekretärin „ökumenische Besuche“ in besonders schwer betroffenen christlichen Gemeinden organisiert. Aus diesen Besuchen erwuchs ein neues ökumenisches Komitee. Zusammenarbeit und Kommunikation seien in einer Zeit der schweren Krise entscheidend, betonte Prof. Bechealany: „Wir müssen über alle Religionsgrenzen hinweg zusammenarbeiten und unsere Lebenssituation mit Muslimen, Juden, Drusen und anderen teilen“.

Ende des Monats wird die Generalsekretärin ihre MECC-Funktion zurücklegen und ihre Arbeit im Bereich der theologischen Forschung und Lehre  an der „Universite Saint Joseph“ in Beirut wiederaufnehmen. Ihre Nachfolge wird bei einer Sondersitzung des MECC-Exekutivkomitees am 18. September in Bkerke – dem Zentrum des maronitischen Patriarchats – entschieden werden.  Ursprünglich sollte Mitte September die MECC-Generalversammlung stattfinden, sie musste aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. In dem Interview sagte die scheidende Generalsekretärin abschließend: „Es war ein Privileg, als Generalsekretärin arbeiten zu dürfen, aber jetzt ist es Zeit für mich, zu meiner Berufung als Lehrende zurückzukehren“.