Libanon: Kardinal-Patriarch Raï bekräftigt Konzept der Neutralität

In seiner Predigt zum Unabhängigkeitstag prangerte das Oberhaupt der maronitischen Kirche neuerlich die Lähmung der Politik auf Grund von Parteiinteressen an

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 23.11.2 (poi) Die Unabhängigkeit des Libanons habe nicht nur das Ende der französischen Mandatsherrschaft bedeutet, sondern markiere auch „den Ausstieg des Landes aus der Politik der Achsen und den Beginn seiner Neutralität“. Dies betonte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, am Sonntag bei den Feierlichkeiten zum 77. Jahrestag der Verkündigung der libanesischen Unabhängigkeit. Der Nationalfeiertag fand dieses Jahr aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ohne Militärparaden und öffentliche Veranstaltungen statt. Auch heute, in der gegenwärtigen politischen und sozialen Krise, gelte, dass die Neutralität dem Libanon, seiner Wirtschaft und Gesellschaft immer gut getan habe, betonte der Kardinal-Patriarch. Wenn sich dagegen die politischen Eliten auf das Spiel der geopolitischen Kräfte eingelassen hätten, die sich im Nahen Osten feindlich gegenüberstehen, habe das immer negative Auswirkungen auf das libanesische Volk gehabt. Die Gründe für die Bekräftigung einer „aktiven Neutralität“ hatte der Kardinal-Patriarch auch im „Memorandum für den Libanon“ dargelegt, das Mitte Augst veröffentlicht wurde.

Der Libanon ist seit mehr als drei Monate ohne Regierung, nachdem Ministerpräsident Hassan Diab nach der verheerenden Explosion am 4. August im Hafen von Beirut zurückgetreten war. Die Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung zwischen dem designierten Ministerpräsidenten Saad Hariri (ein sunnitischer Muslim) und Staatspräsident Michel Aoun (ein maronitischer Katholik) stehen wegen der Manöver der politischen Parteien still. Die Lähmung der Politik aufgrund von Parteiinteressen, so der Patriarch in seiner Predigt, habe „Korruption und Verschwendung staatlicher Gelder“ gefördert und „das Land zum Bankrott und Zusammenbruch“ verurteilt. Dies sei ein Verrat an der Verfassung, so der Kardinal-Patriarch. Die Verfassung sei erarbeitet worden, um ein interreligiöses Zusammenleben und eine gleichberechtigte Beteiligung von Christen und Muslimen an der Macht zu gewährleisten. Heute stellten sich aber die institutionellen Strukturen als ausschließliche Vertreter partikulärer Interessen dar. Auf der Grundlage dieser missverständlichen Auslegung werde mit „gekreuzten Vetos“ das nationale Leben blockiert.