Libanon: Maronitische Bischöfe fordern Schutz vor Gefahr der neuen Konflikte im Nahen Osten

Appell an die libanesische Politik, alles zu tun, um das Land von den Auswirkungen der aktuellen Turbulenzen abzuschirmen

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Foto: © Mahmoudalrawi (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 09.01.20 (poi) Die libanesischen Politiker sollten alles tun, um den nationalen Zusammenhalt des Libanons zu stärken und das Land vor den Gefahren der neuen Konflikte zu schützen, die die gesamte Region bedrohen. Dies fordern die maronitischen Bischöfe, die am Mittwoch, 8. Jänner, unter dem Vorsitz von Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai in Bkerke zu ihrem Monatstreffen zusammengekommen waren. In ihrer Botschaft äußerten sich die maronitischen Bischöfe besorgt über die neue Eskalation der Gewalt im Nahen Osten nach der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch die USA in Bagdad. Die Bischöfe fordern die internationale Gemeinschaft auf, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um weitere Turbulenzen in einem Gebiet zu verhindern, das in den letzten Jahrzehnten instabil war und von Konflikten geplagt wurde. Dabei erinnerten die Bischöfe auch an die Worte, mit denen Papst Franziskus in seiner Weihnachtsbotschaft „Urbi et Orbi“ das libanesische Volk aufgefordert hatte, „seine Berufung als Botschafter der Freiheit und des harmonischen Zusammenlebens aller“ wiederzuentdecken. „Freiheit hat im Laufe der Jahrhunderte immer im Herzen dieses kleinen Landes gewohnt, in einem Nahen Osten, der sich immer mehr von dieser Freiheit wegbewegt durch Entscheidungen, die allen schaden“, fügten die maronitischen Bischöfe am Mittwoch hinzu.

Im Libanon – insbesondere bei den libanesischen Christen – herrscht ständig die Befürchtung, dass durch die Turbulenzen im Nahen Osten das delikate innere Gleichgewicht der Zedernrepublik in Gefahr gerät. Diese Entwicklung wird auch von Seiten des Heiligen Stuhls und des Weltkirchenrats mit äußerster Besorgnis beobachtet, weil von der Stabilität des Libanons (wo sich in einer Atmosphäre der Freiheit die wichtigsten kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen der orientalischen Christen befinden) die Präsenz der Kirchen im ganzen Nahen Osten abhängt.

 

Scharfe Kritik an Verzögerung der Regierungsbildung

Die maronitischen Bischöfe setzten sich auch intensiv mit der nach wie vor schwierigen innenpolitischen Situation des Libanons auseinander. Die Bildung einer neuen Regierung müsse rasch erfolgen, um auf die Forderungen des durch die monatelange schwere politische und wirtschaftliche Krise erbitterten Volkes eine Antwort geben zu können. Diese Krise habe zu zahlreichen Entlassungen, aber auch zu Lohn- und Gehaltskürzungen geführt und das Bankensystem dem Kollaps nahegebracht. Kritik übten die Bischöfe an den Maßnahmen der Banken – wie den Begrenzungen bei der Abhebung von Bargeld oder bei Kapitaltransfers in Auslands –, weil sie den Libanesen de facto die Möglichkeit nehmen, „frei und autonom über ihr Vermögen zu verfügen“. Die maronitischen Bischöfe treten für eine „integrierte Finanzpolitik“ ein, um die „Demütigung der Bürger“ durch die Kreditinstitute zu überwinden. Zugleich verurteilten sie aber auch die gewalttätigen Angriffe auf Banken, denn die Finanzinstitute seien eine „tragende Säule“ für die Wirtschaft des Staates und der Einzelnen.

Der maronitische Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai hatte am Epiphanie-Fest in seiner Predigt dringend zur Bildung einer Regierung aufgerufen, die nicht den Manövern der politischen Parteien und ihrer Führungspersönlichkeiten ausgeliefert ist. Die Verantwortlichen müssten endlich erkennen, dass sie die Regierungsbildung nicht länger blockieren dürfen. Durch den verfassungswidrigen Klientelismus hätten sie das Land auf wirtschaftlicher, finanzieller und sozialer Ebene in jenen „Zustand des Verfalls“ gebracht, der heute für den Libanon kennzeichnend sei.

Seit dem 29. Oktober des Vorjahrs hat der Libanon nach dem Rücktritt des früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri keine Regierung mehr. Der am 19. Dezember des Vorjahrs mit der Regierungsbildung beauftragte neue Ministerpräsident Hassan Diab will innerhalb von sechs Wochen ein Kabinett aus unabhängigen Experten zustande bringen.