Libanon: Maronitische Kirche startet umfassende Hilfs- und Sozialaktion

Die mehrfache Krise des Landes – politische Krise, wirtschaftliche Krise, Coronavirus-Krise – hat dazu geführt, dass 50 Prozent der Libanesen unter der Armutsgrenze leben müssen

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 12.05.20 (poi) Die maronitische Kirche startet eine umfassende Nahrungsmittelhilfe- und Sozialaktion für die vielen libanesischen Familien, die durch die mehrfache Krise des Landes (politische Krise, wirtschaftliche Krise, Flüchtlings-Krise, Coronavirus-Krise) mittlerweile unter der Armutsgrenze leben müssen. Dies kündigte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, am Patriarchatssitz in Bkerke an. Die Aktion wird vom Dokumentations- und Forschungszentrum koordiniert, das der emeritierte Bischof Samir Mazloum leitet. Der Bedarf wird von den Eparchien, Pfarrgemeinden und Klöstern sowie von der libanesischen Caritas erhoben. Auch zahlreiche maronitische soziale und politische Organisationen arbeiten mit, darunter auch Initiativen der weltweiten maronitischen Diaspora. Wie der Kardinal-Patriarch mitteilte, hat die maronitische Kirche bereits vor dem Start der neuen Aktion 33.456 Personen unterstützt und dafür umgerechnet mehr als 43 Millionen Euro aufgewendet. Darüberhinaus biete die Kirche in ihren Institutionen – vor allem im Erziehungs-, Spitals- und Sozialbereich – Arbeitsplätze für nahezu 19.000 Familienerhalter.

Der diakonische Einsatz der Kirche für die Armen und Bedürftigen sei durch die mehrfache Krise im Libanon – insbesondere auch durch die Preiserhöhungen und durch die Abwertung der Landeswährung – in besonderer Weise herausgefordert, stellte der Kardinal-Patriarch fest. Er begrüßte es, dass es parallel zur neuen großen Sozialaktion der maronitischen Kirche auch eine Initiative des Staatspräsidenten und der Regierung gebe, um die Wirtschaftskrise zu überwinden. „Hoffen wir auf den Erfolg der Initiativen von Staat und Kirche, beide in ihrer jeweiligen Kompetenz und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, damit Allgemeinwohl und Wohlstand wieder wachsen können“, betonte Rai. Nach Angaben des libanesischen Finanzministeriums leben derzeit 50 Prozent der Libanesen unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit beträgt 35 Prozent und steigt durch die Auswirkungen der Coronavirus-Krise ständig.

“Unsere erste Sorge ist, dass niemand Hunger leiden muss. Deshalb versorgen wir die Armen mit Essen und Medikamenten. Familien ohne monatliches Einkommen haben Vorrang“, betonte der Direktor der libanesischen Caritas, der Karmelit P. Michel Abboud, noch vor dem Start der von Kardinal-Patriarch Rai angekündigten neuen großen Sozialaktion im Hinblick auf die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie im Libanon.  Der Ordensmann ist offiziell seit dem 31. März als Caritasdirektor im Amt, übt diese Funktion jedoch bereits seit November 2019 aus. Nach Angaben der Caritas gibt es im Libanon mehr als 20.000 Familien, die dringend auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind.

„Bei Beginn der Corona-Krise hatte die Caritas einen Spendenaufruf gestartet und eine spezielle Telefonnummer zum Sammeln von Spenden eingerichtet: Die Anzahl der Anrufe überschritt in zwei Wochen 33.000″, so P. Abboud. Im Libanon sei es gelungen, die verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie einzudämmen, indem bereits am 21. Februar der „lockdown“ in Kraft trat, der seit 4. Mai wieder schrittweise gelockert wird. Am 11. Mai wurden die christlichen und islamischen Gotteshäuser partiell geöffnet, bei Sonntagsmessen und Freitagsgebeten dürfen aber nur 30 Prozent der vorhandenen Plätze – unter Beachtung aller Sicherheits- und Hygienemaßnahmen – eingenommen werden. Am 8. Juni soll der Flughafen von Beirut wieder den Betrieb aufnehmen.

Die Gesundheitseinrichtungen in den ärmsten Gegenden des Landes seien geöffnet geblieben, um nicht nur den Libanesen, sondern auch den syrischen Flüchtlingen Unterstützung zu garantieren, so der Caritasdirektor. Caritas Libanon habe in Zusammenarbeit mit verschiedenen kirchlichen und staatlichen Stellen und mit Unterstützung der Medien zahlreiche Initiativen und Projekte ins Leben gerufen, darunter Spendenaktionen und Rechtsbeistand für die am stärksten ausgegrenzten Menschen. „Die Krise wird anhalten, die Not wird zunehmen, die Armut wird sich verschlimmern und die Caritas wird nicht in der Lage sein, alle Herausforderungen zu bewältigen. Aber wir werden mit aller Kraft versuchen, unsere Stimme zu erheben, um alle um Hilfe zu bitten und Menschen guten Willens zu bewegen, den bedürftigen Familien Hoffnung zu schenken“, betonte P. Abboud im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR.