Libanon: Patriarch Rai betont staatliches Gewaltmonopol

Oberhaupt der Maronitischen Kirche kritisiert implizit Hisbollah-Miliz und stellt sich hinter libanesische Armee: Armee muss ein "Bollwerk der Demokratie" und ein "Symbol der nationalen Einheit" sein - Patriarch fordert angesichts der katastrophalen politischen und wirtschaftlichen Lage im Libanon umfassende und rasche Reformen

0
46
Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 15.03.21 (poi) Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Rai äußert implizite Kritik an der schiitischen Hisbollah bzw. der von ihr geführten Miliz. In seiner Predigt beim Sonntagsgottesdienst (14. März) in Bkerke bei Beirut betonte der Patriarch laut dem Nachrichtendienst „asianews“, dass allein die libanesische Armee über das entsprechende staatliche Waffenmonopol verfüge. Die Armee gehöre dem ganzen Volk, niemand habe das Recht auf eine Art Privatarmee. Die Armee müsse ein „Bollwerk der Demokratie“ und ein „Symbol der nationalen Einheit“ sein. Die Armee habe das Heimatland und alle seine Bewohner zu schützen.

Der Patriarch kritisierte, dass die Armee in den vergangenen Tagen dafür eingesetzt wurde, die von Demonstranten abermals blockierten Straßen wieder freizuräumen. Rai bezeugte den Demonstranten und ihren Forderungen einmal mehr seine Sympathie, rief sie zugleich jedoch auf, von der Blockade von Straßen abzusehen und ihre Proteste auf öffentliche Plätze zu verlegen, um so Zusammenstöße mit Armee oder Polizei zu vermeiden.

Das Oberhaupt der maronitischen Kirche zeigte sich in seiner Predigt einmal mehr ungeduldig darüber, dass es immer noch keine Regierung im Libanon gibt. Er mahnte zum wiederholten Mal eine Expertenregierung ein, die die vielfältigen Probleme in Angriff nimmt, anstatt bloß auf die Interessen der eigenen Klientel bedacht zu sein.

HINTERGRUND

Der Libanon wird seit vielen Monaten von einer schweren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und humanitären Krise gebeutelt. Seit dem Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Hassan Diab vor rund sieben Monaten ist der Zedernstaat ohne Regierung. Der erneut als Ministerpräsident designierte Saad Hariri scheiterte bisher an einer Einigung über die Verteilung der Ministerposten. Zuletzt haben die Demonstrationen gegen die herrschende politische Klasse wieder zugenommen.

Erst vor wenigen Tagen hat in dieser brandgefährlichen Situation Interims-Energieminister Raymond Ghajar davor gewarnt, dass dem Land ein vollständiger Zusammenbruch der Stromversorgung droht. Das Land steuere auf eine „komplette Dunkelheit“ am Ende des Monats zu, falls der staatliche Stromversorger keine neuen Finanzmittel erhalte. Der Staatskonzern Electricité du Liban sei dringend auf Geld angewiesen, um Brennstoff für den Betrieb von Kraftwerken zu kaufen. – Mehrstündige Stromausfälle zählen im Libanon zum Alltag. Diese werden mit privat betriebenen Generatoren überbrückt, für deren Kraftstoff die Libanesen dann eine zweite Rechnung zahlen müssen.

„Das Libanesentum vor die Religionsgruppe stellen“

Kardinal Bechara Rai hatte in den vergangenen Monaten angesichts wachsender wirtschaftlicher und sozialer Spannungen wiederholt dazu aufgerufen, den krisengeschüttelten Libanon zu einem neutralen Staat zu erklären. Diese Neutralität sei unter anderem im bis heute verbindlichen Nationalpakt von 1943 zugrunde gelegt, argumentiert Rai. Durch eine „aktive Neutralität“ ließe sich die historische Rolle des Libanon als Brücke zwischen Ost und West auf kultureller, wirtschaftlicher und kommerzieller Ebene wiederherstellen.

Mehrfach betonte der Patriarch auch, dass sich sein Neutralitätskonzept nicht gegen die schiitische Hisbollah richte, sondern im Interesse aller sei. Heute brauche es Loyalität zum Heimatland, nicht zu einer Religionsgemeinschaft, so die Zusammenfassung der Forderung des Patriarchen. Anders ausgedrückt: „Wir müssen das Libanesentum vor die Religionsgruppe stelle.“

Treffen mit „Al-Azhar Monitoring Committee“

An diesem Wochenende traf Rai in seinem Amtssitz in Bkerke auch mit dem interreligiösen „Al-Azhar Monitoring Committee“ zusammen, das vom früheren libanesischen Premierminister Fouad Siniora, einem sunnitischen Muslim, geleitet wird. Das Komitee war 2017 nach der wegweisenden Erklärung der ägyptischen Al-Azahr-Universität ins Leben gerufen worden. Die Universität in Kairo hatte damals eine Erklärung zum muslimisch-christlichen Zusammenleben veröffentlicht, die die Vereinbarkeit des Islam mit religiösem Pluralismus erklärt, die Gleichheit von Muslimen und Nichtmuslimen in Bezug auf Rechte und Pflichten im Rahmen eines nationalen Verfassungsstaates bekräftigt und das staatsbürgerliche Prinzip als einen islamischen Grundsatz hervorhebt.

Das Al-Azhar-Komitee unterstütze die Forderung von Patriarch Rai für die politische Zukunft des Libanon, im Besonderen auch die „aktive Neutralität“, hieß es im Anschluss an die Begegnung.

Die Stimme von Patriarch Rai hat im Libanon großes politisches Gewicht. Er ist religiöses Oberhaupt für rund 3,1 Millionen Maroniten weltweit. Von diesen leben mehr als eine Million im Libanon selbst. Die mit Rom verbundene Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft im Land und stellt laut einer Übereinkunft bei der libanesischen Unabhängigkeit 1943 stets den Staatspräsidenten.