Libanon: Patriarch Rai signalisiert Gesprächsbereitschaft in Sachen Zivilehe

Die zivile Eheschließung dürfe aber nicht als Alternative zur religiösen Eheschließung eingeführt werden, sondern könne nur dazu dienen, die zivilen Auswirkungen aller ehelichen Verbindungen im Libanon festzuschreiben, unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Eheleute

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 24.02.19 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, hat signalisiert, dass er nicht von vornherein gegen die Einführung einer verpflichtenden zivilen Eheschließung im Libanon ist. Derzeit ist das Personenstandsrecht im Libanon ausschließlich religiös geregelt, je nach den Bestimmungen der 18 anerkannten Religionsgemeinschaften. Nach einer Begegnung mit Staatspräsident Michel Aoun am Freitag sagte der Kardinal-Patriarch, er sei nicht „absolut“ gegen ein Gesetz, dass die Ehe auch als eine Verbindung zivilen Charakters definiert. Was er sich nicht vorstellen könne, sei die Einführung einer zivilen Eheschließung als Alternative zur religiösen Eheschließung. Denn dann würde das Land „gespalten“.

Nach Einführung der verpflichtenden zivilen Eheschließung werde er den maronitischen Katholiken in Erinnerung rufen, dass die Ehe eines der sieben Sakramente der Kirche ist, sagte Rai. Wer als Christ leben wolle, müsse eine sakramentale Ehe eingehen. Ausdrücklich wies der Kardinal-Patriarch öffentliche Polemiken zurück, wonach sich die christlichen und muslimischen Hierarchien gegen die Zivilehe wenden würden, weil sie befürchten, die bei Abhaltung und Registrierung der religiösen Eheschließungen anfallenden Gebühren zu verlieren.

Schon bei früheren Gelegenheiten hatte sich der maronitische Patriarch – wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ erinnert – für ein Gesetz über die „obligatorische Zivilehe“ ausgesprochen, um die zivilen Auswirkungen aller ehelichen Verbindungen im Libanon festzuschreiben, unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Eheleute. Dazu wäre allerdings auch eine Änderung des Artikels 9 der libanesischen Verfassung notwendig, der vorsieht, dass der persönliche Status jedes Bürgers und jeder Bürgerin durch die Bestimmungen und die juridische Praxis der Religionsgemeinschaft geregelt wird, der er oder sie angehört.

Die neue Debatte um die Zivilehe wurde durch Äußerungen der neuen libanesischen Innenministerin Sunni Raya Hassan ausgelöst. Sie hatte erklärt, man wolle Raum für die Anerkennung der Zivilehe in der libanesischen Gesetzgebung schaffen und hoffe auf eine Debatte zu diesem Thema. Bereits seit 2013 ist bekannt, dass der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri – ein sunnitischer Muslim – die gesetzliche Anerkennung der standesamtlichen Eheschließung nicht unbedingt ablehnt. “Persönlich” würde er nicht wollen, dass seine Tochter sich für eine standesamtliche Ehe entscheidet, aber er könne sich in seiner Rolle als Premierminister dem nicht widersetzen, sagte Hariri damals.

Positiv reagierten auf den Vorstoß der Innenministerin der drusische Fürst Walid Jumblatt und der christliche frühere Staatspräsident Amin Gemayel. Die schärfste Ablehnung kam vom Dar-al-Fatwa, dem Ordinariat des sunnitischen Islam: Der Vorschlag der Zivilehe widerspreche radikal den von der Scharia inspirierten Ehegesetzen. Auch Pfarrer Abdo Abu Kassem vom Katholischen Informationszentrum bekräftigte, dass sich libanesische Christen und Muslime in diesem Punkt einig seien und die katholische Kirche keine Gesetze unterstützen könne, die die Ehe nicht als Sakrament anerkennen. Ähnlich äußerte sich der maronitische Erzbischof von Beirut, Boulos Matar. Nach Ansicht des schiitischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri gibt es keinen Spielraum für politische Verhandlungen zu diesem Thema.

Bereits Anfang 2013 hatte eine Debatte zur Frage der Zivilehe stattgefunden. Damals war diese angestoßen worden, nachdem ein junges schiitisches Paar seine Ehe vor einem Anwalt und nicht vor einer religiösen Instanz geschlossen hatte und das Eheschließungsdokument in Erwartung einer offiziellen Stellungnahme bei den zuständigen Behörden des Innenministeriums hinterlegte.