Libanon: Syrisch-katholischer Patriarch kritisiert Politiker

Maronitischer Patriarch wendet sich gegen Manöver, die Aufklärung der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 4. August behindern

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Foto: © Yoniw (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 15.12.20 (poi) Die politische Situation im Libanon ist nach wie vor äußerst gespannt, was bei den christlichen Patriarchen große Besorgnis ausgelöst hat. Dem am 22. Oktober beauftragten (sunnitischen) Premier Saad Hariri ist es noch immer nicht gelungen, ein Regierungsteam zu bilden. Zwischen Hariri und dem (maronitischen) Staatspräsidenten Michel Aoun gibt es schwere Spannungen wegen der Erstellung der Ministerliste. Währenddessen vertieft sich die wirtschaftliche und finanzielle Krise des Landes. Der syrisch-katholische Patriarch Ignatios Yousef III. Younan hat in seiner Predigt bei der Feier des Festes der Heiligen Behnam und Sara in al-Fanar die Verantwortung der christlichen Politiker und Funktionäre in Erinnerung gerufen, die dazu beigetragen hätten, den Libanon in die schwierige Situation zu bringen, in der er sich befindet: „Sie waren nicht auf der Höhe der Aufgabe, die das Volk ihnen anvertraut hat“. Weil unter den Gläubigen viele Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak waren, verwies der Patriarch auch darauf, dass der Libanon ein „Zufluchtsort für alle Unterdrückten“ sein müsse. Leider habe der Libanon die Brüder aus anderen Ländern nicht entsprechend aufgenommen, um ihnen Sicherheit und Würde zu garantieren.
Am Sonntag hatte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, bei der Liturgie in Bkerke scharfe Kritik an der Untersuchung über die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 4. August geübt. Er hoffe, dass die politische Klasse die Arbeit der Justizbehörden zur Aufdeckung der Ursachen der Katastrophe – die 200 Todesopfer und 5.000 Verletzte forderte – nicht behindern werde. Es bestehe die Gefahr eines „nationalen Schismas“ auf „konfessioneller Basis“, was überhaupt nicht gerechtfertigt sei. Ebenso abzulehnen sei die Berufung auf religiöse oder politische Ämter, wenn dies den Gang der juridischen Erhebungen im Hinblick auf die Hintergründe dieses schrecklichen Ereignisses behindere.
Die 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, die am 4. August explodierten, waren seit 2014 ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen im Hangar 12 des Hafens von Beirut gelagert. Im Lauf der Jahre hatte es immer wieder Warnungen vor den Gefahren der „tickenden Zeitbombe“ für Beirut gegeben. Vor wenigen Tagen hat Generalstaatsanwalt Fadi Sawan den ersten Ermittlungsbescheid gegen den damaligen Ministerpräsidenten Hassan Diab und drei Minister erlassen. Daraufhin erhob das sunnitische Establishment – einschließlich der Ministerpräsidenten der früheren Jahre – den Vorwurf, die Justiz mache sich zum Instrument politischer Manöver, die darauf abzielen, den Sunniten das Amt des Premiers zu entziehen, das ihnen auf Grund des „Pacte national“ von 1943 zusteht. In seiner Predigt sagte der maronitische Kardinal-Patriarch (de facto die einflussreichste Persönlichkeit im Libanon): „Wir decken niemanden und wir verteidigen niemanden. Aber wir lassen uns auch nicht in Erhebungen der Justiz hineinziehen. Für uns zählt nur das Recht der Personen“. Kardinal Rai appellierte an die politische Klasse, die Hände von der Justiz zu lassen, damit es dort nur „ehrliche und mutige“ Richter gebe. Ebenso notwendig sei es aber auch, eine „Regierung des nationalen Heils“ zu bilden, damit das Land „auf allen Ebenen wieder in Ordnung kommt“.