Machtverlust als „Chance für die Kirchen“

Kardinal Schönborn betont bei traditionellem „Ökumenischem Empfang“ die Notwendigkeit, „an den Rand zu gehen“ –„Auch ihr sollt die Fremden lieben“

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Foto: © BambooBeast (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 29.01.19 (poi) Die Kirchen können heute friedlich miteinander leben, weil sie keine Macht mehr besitzen und auch an Bedeutung verloren haben, zugleich sei dies eine „Chance für die Kirchen“, betonte Kardinal Christoph Schönborn am Dienstagabend beim traditionellen „Ökumenischen Empfang“ im Erzbischöflichen Palais. „Wir sind alle an den Rand gerückt, damit sind wir alle dort, wo der Herr uns haben will“, betonte der Wiener Erzbischof. Denn auch Christus sei „an den Rand“ gegangen, „mitten unter die Sünder“. Man dürfe auch von der Ökumene keine „zu politische“ Erfolgsvorstellung haben, stellte Kardinal Schönborn fest. Bei der letzten Begegnung mit seinem Schülerkreis habe Benedikt XVI. festgestellt, dass es in der Ökumene nicht darum gehe, „aufeinander zu hören“, sondern vielmehr „voneinander zu lernen, was es heißt, heute Christ zu sein“. Diese Feststellung des früheren Papstes präge ihn immer noch, so der Wiener Erzbischof.

Im Rückblick auf die Geschichte stellte Kardinal Schönborn fest, es sei „eindrucksvoll“, wie sehr die Christen heute in „friedlichen Zeiten“ leben, nachdem sie einander Jahrhunderte hindurch verfolgt,  verketzert und gemartert hätten. Die Herrschenden hätten die christlichen Gemeinschaften damals für politische Zwecke „gebraucht und missbraucht“, deshalb habe es Kriege unter Christen gegeben. Der Macht- und Bedeutungsverlust der Kirchen habe diese Situation beendet: „Unter Marginalisierten ist es leichter, sich zu verständigen“. Man könne dies als eine von Gott „gnadenhaft eröffnete“ Entwicklung begreifen. Zum Abschluss erinnerte der Wiener Erzbischof an den Abschnitt aus dem fünften Buch Mose, der bei der Vesper vor dem „Ökumenischen Empfang“ in der orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale proklamiert worden war:  „Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“.

„Pro Oriente“-Präsident Kloss: „Wir müssen Brücken bauen“

Beim „Ökumenischen Empfang“ betonte der neue „Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss, er könne auf Grund  seiner 40-jährigen Erfahrung im österreichischen Außenministerium sagen, dass diplomatische Arbeit viel mit Zuhören, Vermitteln, Respekt vor dem Anderen und Eingehen auf andere Wirklichkeiten zu tun habe. In derartiger Weise Brücken zu bauen, habe er sich auch bei „Pro Oriente“ vorgenommen. Die Stiftung stehe mit ihren vielfältigen ökumenischen Aktivitäten mit den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen seit ihrer Gründung durch Kardinal König vor 55 Jahren für einen derartigen engagierten Dialog.

Ohne Zweifel sei die ökumenische Arbeit derzeit aus verschiedenen Gründen und in unterschiedlichen Bereichen „auch mit Schwierigkeiten konfrontiert“, stellte Kloss fest. Vor diesem Hintergrund habe Papst Franziskus zuletzt wiederholt den Begriff der „Ökumene der Tat“ geprägt. Damit sei gemeint, dass in der Zusammenarbeit der getrennten Christen nicht bis zu einem in ferner Zukunft liegenden Zeitpunkt kirchenrechtlich fundierter Gemeinsamkeit gewartet werden soll, sondern dass auch in der Vielfalt Einheit möglich ist. Die getrennten Christen könnten schon „hier und heute“  vieles gemeinsam tun und damit einen Beitrag zur Solidarität der Menschheitsfamilie leisten. In Zeiten größter globaler Herausforderungen sei ein möglichst geeintes Handeln der Christen im Sinn der Verantwortung aus dem gemeinsamen Evangelium unerlässlich.

„Pro Oriente“ werde sich weiterhin bemühen, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Strömungen des Christentums zum inoffiziellen – „und darum umso vertrauensvolleren“ – Dialog an einem Tisch zu versammeln. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Streitpunkten bereits geklärt worden sei, bestehe die Gefahr, dass dies wieder aus den Augen verloren werde. Hier gelte es anzusetzen und konsequent an die bereits erreichten Übereinstimmungen zu erinnern. Die Frage der Einheit sei letztlich ein „wesentliches Element der Glaubwürdigkeit als Christen in der  Welt von heute“. Die Arbeit von „Pro Oriente“ wolle somit auch in Zukunft einen „konkreten Beitrag zu Frieden und Versöhnung in einer unruhigen Welt“ auf dem Weg in Richtung Einheit leisten.

Kardinal Innitzer und der „Holodomor“

Der neue Superintendent für die evangelisch-lutherische Diözese Wien, Matthias Geist, stellte seine Präsentation in das Zeichen der „Herrnhuter Losung“ für den 29. Jänner: „Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin“ (Erster Korinther-Brief 13,12). In seiner langjährigen Tätigkeit als Gefängnis-Seelsorger habe er die ökumenische Zusammenarbeit an der Basis intensiv kennen gelernt. Als Superintendent sei es sein Ziel, gerade jene Menschen anzusprechen, die sich schon von der Botschaft des Evangeliums verabschiedet haben.

Einen dramatischen Augenblick der kirchlichen Zeitgeschichte beleuchtete der Generalvikar für die ostkirchlichen Katholiken, Yuriy Kolasa. Im Festsaal des Erzbischöflichen Palais, wo am Dienstag der „Ökumenische Empfang“ stattfand, hatte vor mehr als 85 Jahren auf Initiative von Kardinal Theodor Innitzer eine internationale und interreligiöse Konferenz getagt, um Hilfsmaßnahmen für die Opfer der vom stalinistischen Regime ausgelösten Hungerkatastrophe in der Ukraine („Holodomor“) und in anderen  südrussischen Gebieten zu beschließen. An der Konferenz nahmen römisch-katholische, evangelische und orthodoxe Repräsentanten, Vertreter der unierten Kirchen (unter ihnen der armenisch-katholische Mechitharisten-Abt und spätere Erzbischof Mesrob Habozian) und der Israelitischen Kultusgemeinde (mit Oberrabbiner David Feuchtwang an der Spitze) teil. Mit seiner mutigen Aktion habe Innitzer vor der ganzen Welt die von den sowjetischen Behörden verschwiegene Hungerkatastrophe öffentlich gemacht und internationale Hilfe eingeleitet. Wörtlich sagte Generalvikar Kolasa: „Die gemeinsame Stimme der Ökumene kann das Schicksal von Millionen wandeln“. Die Initiative Kardinal Innitzers müsse als eine „der größten humanitären Aktionen“ des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Es habe sich um eine großartige Manifestation der Solidarität mit verfolgten Menschen gehandelt. Mehr denn je gelte es auch heute, eine solche ökumenische Solidarität als „Grundfeste unseres Alltags“ zu betrachten.  Kardinal Schönborn merkte in diesem Zusammenhang an, dass die Erinnerung an die Hilfsaktion für die „Holodomor“-Opfer ein wichtiges Element sei, um der Gestalt Kardinal Innitzers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die Vorsitzende des  „Weltgebetstags der Frauen“-Österreich, Brigitte Zinnburg, schilderte beim „Ökumenischen Empfang“ die Initiativen dieser „ältesten ökumenischen Basisbewegung“, die 1887 in New York begründet wurde. In Österreich ist der Weltgebetstag seit 1952 präsent, derzeit beteiligen sich 340 Gemeinden verschiedener Kirchen in Österreich alljährlich am ersten Freitag im März  an der Initiative. 2020 wird der „Weltgebetstag der Frauen“ seinen Hauptgottesdienst am 6. März im Wiener Stephansdom feiern; die Texte der Liturgie kommen in diesem Jahr aus der afrikanischen Republik Zimbabwe.

Diakon Johannes Fichtenbauer präsentierte beim „Ökumenischen Empfang“ das Buch „Meilensteine. Auf dem Weg der Versöhnung“, in dem das Miteinander katholischer, evangelischer und freikirchlicher Christen in Österreich in den letzten Jahrzehnten geschildert wird. Aus der Begegnung einzelner Christen, die die Trennung als schwere Last spürten, entstand – auch über den „Marsch für Jesus“ in den 1990er-Jahren – eine Bewegung, die Vertrauensbildung mit theologischer Arbeit und verantwortlichem Dienst an der Gesellschaft verbindet.

An dem traditionellen „Ökumenischen Empfang“ nahmen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der christlichen Kirchen teil, unter ihnen Weihbischof Helmut Krätzl (den Kardinal Schönborn als Nestor der Ökumene in Wien begrüßte), der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, der koptisch-orthodoxe Bischof Gabriel und der armenisch-apostolische Patriarchalvikar Tiran Petrosyan.

Die Aufgabe der Theologie

Die Vesper vor dem „Ökumenischen Empfang“ in der orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale am Fleischmarkt unter Leitung von Metropolit Arsenios (Kardamakis) stand im Zeichen des Festes der drei großen Theologen des 4. Jahrhunderts, des Heiligen Basilius des Großen, des Heiligen Gregorius des Theologen und des Heiligen Johannes Chrysostomus.  Im Vespergottesdienst proklamierten Kardinal Schönborn und der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker Lesungen und Psalmen.

Metropolit Arsenios hob in seiner Predigt hervor, dass die drei großen Theologen – deren Fest in der Orthodoxie gemeinsam gefeiert wird – durch die „Kirchlichkeit“ als grundlegendes Prinzip ihres Denkens hervorgetreten seien.  Die drei  Theologen hätten sehr unterschiedliche Persönlichkeiten besessen, sie seien dynamisch und bahnbrechend mit gegenläufigen Charakterzügen gewesen, aber vom gleichen brennenden Wunsch nach der Begegnung mit Gott erfüllt. Sie hätten sich mit Leib und Seele für die Einheit der Kirche eingesetzt. Wörtlich fügte der Metropolit hinzu: „Sie waren Dichter, mystische Theologen, tatkräftige Oberhäupter, Arbeiter im sozialen Bereich, mutige Kritiker der Lüge, menschenfreundliche Väter“.

Die drei Hierarchen lebten in einer Zeit heftiger Unruhen, inmitten einer sich verändernden Welt, betonte der Wiener Metropolit. Aber sie hätten die Herausforderungen ihrer Zeit angenommen und einen kreativen Dialog mit dem griechischen Geist entwickelt und so eine fruchtbare Synthese geschaffen, „ohne etwas von der Wahrheit des Glaubens preiszugeben“.  Sie hätten auf die heidnische Weisheit zurückgegriffen, um dem biblischen Gott zu dienen. In der heutigen vielfach säkularisierten Gesellschaft erinnere die ökumenische Denkweise der drei Hierarchen auf einzigartige Weise an die Funktion der christlichen Theologie. In der christlichen Tradition werde das Gespräch über Gott nicht als dogmatischer Thesenanschlag formuliert, sondern als Ausdruck der gemeinsamen Erfahrung. Die echte Theologie sei nicht ängstlich, sie verschließe sich nicht in sich selbst, sie fürchte den öffentlichen Raum nicht, sondern sei imstande, alles Ehrliche und Wahre, „so neu es auch erscheinen mag“, in sich aufzunehmen.