Maronitischer Kardinal-Patriarch übt scharfe Kritik an der Politik des „Westens“

Die Christen des Nahen Ostens sind keine „Minderheit“ und brauchen keine „Schutzpatrone“ – Auch ohne „politische Lösung“ in ihrer Heimat müssen die syrischen Flüchtlinge zurückkehren

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 24.03.19 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, übt scharfe Kritik an der Politik des „Westens“ gegenüber den Christen des Nahen Ostens im allgemeinen und dem Libanon im besonderen. Bei einer Begegnung mit Journalisten aus Europa, die an einer Libanon-Reise der „Opera Romana Pellegrinaggi“ teilnahmen, sagte der Kardinal-Patriarch wörtlich: „Eine gewisse westliche Kultur vertritt die Auffassung, dass die Religionsgemeinschaften im Nahen Osten nicht zusammenleben können. Um dieser Idee Nachdruck zu verleihen, zetteln diese Mächte auch Kriege an, schicken Waffen, unterstützen Terroristen und zerstören Länder“. Die orientalischen Christen müssten dafür die Zeche bezahlen, weil viele Muslime den Westen mit dem Christentum identifizieren und für sie „alles, was aus dem Westen kommt, Politik, Kultur, Wirtschaft, Medien, Kriege ‚christlich‘ ist“. In der derzeitigen Situation müsse zugleich noch deutlicher gesagt werden, dass die Christen des Nahen Ostens keine „Schutzpatrone“ aus dem Westen suchen oder brauchen.

Es müsse auch damit Schluss gemacht werden, die Kategorie der „christlichen Minderheit“ für die Beschreibung der Lage der Christen zu verwenden, sagte der Patriarch: „Wir sind aus einem geschichtlichen und einem theologischen Grund keine Minderheit. In historischer Sicht leben die Christen im Nahen Osten seit 2.000 Jahren. Wir gehören hierher, wir sind keine Ausländer. In theologischer Sicht sind die Christen des Nahen Ostens nicht Einzelpersonen oder isolierte kleine Gruppen. Sie sind die Kirche Christi, die im Nahen Osten ebenso anwesend ist wie in Rom oder in Honolulu oder in Tananarive. Wir sind die Kirche, nicht eine ‚Minderheit‘“.

„Wir sind die Kirche der einen Welt, nicht die Kirche des Westens“, stellte der maronitische Patriarch von Antiochien weiter klar. Dieses Bewusstsein müsse die orientalischen Christen von jeder Opferrolle befreien. Die westliche Politik habe den Christen nie wirklich Wert beigemessen, sagte Rai: „Ihr ging es um wirtschaftliche Interessen, um Erdöl, um Geld und um Strategien. Jetzt laden uns alle zu Konferenzen ein, um von der Situation der Christen im Nahen Osten zu berichten. Wir sagen dann: Ihr habt uns mit den von euch unterstützten und aufgedrängten Kriegen zerstört. Ihr habt uns zerstört und jetzt kommt ihr und fragt, wie es den Christen geht?“

Ausführlich nahm der Kardinal-Patriarch im Gespräch mit den europäischen Journalisten zur Flüchtlingsfrage im Libanon Stellung. Er legte detailliert dar, warum der Daueraufenthalt der Flüchtlinge im Libanon die sensible „institutionelle Architektur des Libanon“ in Frage stellt, mit möglichen negativen Konsequenzen für den ganzen Nahen Osten. Viele syrische Flüchtlinge würden es vorziehen, im Libanon zu bleiben, auch die internationale Gemeinschaft bestärke diese Absicht, wenn sie feststelle, dass die Flüchtlinge nicht zurückkehren könnten, weil es in Syrien keine Sicherheit gibt und zuerst eine politische Lösung gefunden werden müsse. Rai vermutet dahinter politische Ziele und erinnerte im Gespräch mit den Journalisten an das „traumatische Szenario“ durch das Eintreffen der palästinensischen Flüchtlinge. Diese Flüchtlinge und ihre Nachfahren seien im Libanon seit 1948 und „warten seit mehr als 70 Jahren auf die ‚politische Lösung‘“. Wörtlich sagte der maronitische Patriarch in diesem Zusammenhang: „Diese Lösung wird es nie geben. Es war die Rede von der Zwei-Völker-zwei-Staaten-Lösung, aber das ist unmöglich geworden. Denn auf dem Territorium, wo der palästinensische Staat entstehen sollte, sind überall israelische Ansiedlungen gewachsen“. Auch im Hinblick auf die syrischen Flüchtlinge müsse die Frage der politischen Lösung von der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat getrennt behandelt werden. Rai: „Wir können nicht 71 Jahre warten wie mit den Palästinensern, für die es noch immer keine politische Lösung gibt“.

Die Präsenz von mehr als 1,5 Millionen syrischer Flüchtlinge destabilisiere wirtschaftlich den Libanon, betonte der maronitische Patriarch. Schon jetzt würden 30 Prozent der angestammten libanesischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, 40 Prozent der Arbeitsfähigen seien ohne dauernde Beschäftigung. Zudem könnten die Flüchtlinge eines Tages im großen schiitisch-sunnitischen Konflikt manipuliert werden, der den ganzen Nahen Osten in Atem halte. Vor allem aber gerate das institutionelle Gleichgewicht in Gefahr, das im Libanon Demokratie und religiöse Pluralität garantiere. Rai: „Wir befürchten, dass die Flüchtlinge, wenn sie bleiben, in ein paar Jahren die libanesische Staatsbürgerschaft verlangen werden. Und wie das mit den Politikern so ist, werden sie sie auch bekommen. Und dann ist es mit dem demographischen Gleichgewicht zwischen christlichen und muslimischen Bürgern vorbei. Das würde das libanesische System in die Luft sprengen“.