Maronitischer Patriarch begrüßt geplantes Grenzabkommen zwischen Libanon und Israel

Gespräche werden in der UN-Einsatzbasis in Naqoura geführt, aber es geht nicht um eine Gesamtnormalisierung der Beziehungen zwischen den beiden verfeindeten Nachbarländern

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 05.10.20 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, begrüßt Überlegungen für ein künftiges Rahmenabkommen zwischen dem Libanon und Israel über die Festlegung der Land- und Seegrenzen zwischen den beiden Ländern. Am Sonntag, 4. Oktober, betonte der Kardinal-Patriarch bei der Predigt in der Sonntagsliturgie in Bkerke, er unterstütze eine solche Lösung, die eine „Reihe von Konflikten zwischen dem Libanon und Israel gemäß der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates“ beenden könnte. Details zu der geplanten Rahmenvereinbarung, die bereits im Juli ausgehandelt wurden, sind in der Vorwoche medienöffentlich geworden. Auch wenn das Rahmenabkommen nicht das Ziel haben könne, insgesamt die Beziehungen zwischen dem Libanon und Israel zu „normalisieren“, könnte es  doch die Offshore-Förderung von Erdöl und Erdgas in dem Meeresabschnitt erleichtern, der dem Libanon zusteht. Die israelisch-libanesischen Gespräche sollen in Naqoura in der UN-Einsatzbasis im Südlibanon unter der Schirmherrschaft des Büros des UN-Sonderkoordinators für den Libanon stattfinden. Der Grenzstreit zwischen dem Libanon und Israel betrifft ein Meeresdreieck von etwa 850 Quadratkilometern, das von beiden Ländern beansprucht wird. In diesen Gebieten hatte der Libanon Offshore-Lizenzen an ein italienisches und ein russisches Mineralölunternehmen (beide mit französischer Beteiligung) vergeben. Der maronitische Patriarch forderte jetzt zugleich mit der Festlegung der Seegrenze auch eine Lösung des Problems der umstrittenen Schebaa-Bauernhöfe.

Unter dem Namen verbirgt sich eines der kniffligsten, wenn auch klein dimensionierten Nahost-Probleme. Es geht um 14 seit 1967 nicht mehr existierende Bauernhöfe südlich des libanesischen Dorfes Schebaa. Das Gebiet ist ungefähr 28 Quadratkilometer groß, die Israelis betrachten es als Teil der 1967 besetzten und 1981 annektierten syrischen Golan-Höhen. Bis 1941 hatten die 14 Bauernhöfe zum Libanon gehört. Die französische Verwaltung hatte aber die Grenze zwischen Libanon und Syrien nicht genau festgelegt. Von syrischer Seite wird heute angegeben, Damaskus habe das kleine Gebiet 1951 dem Libanon geschenkt, es gibt über diese Schenkung aber keinen völkerrechtlich verbindlichen schriftlichen Vertrag. Syrische Generalstabskarten wiesen das Gebiet 1967 als syrisch aus.

Bei der Sonntagsliturgie nahm Kardinal Rai neuerlich auf die aktuelle Krisensituation im Libanon Bezug. Es gebe im Libanon „keine Regierung, keinen Wiederaufbauplan, keine Reformen, keine Achtung der Verfassung, und keine Skrupel“. Aus dieser Situation müssten die Libanesen selbst einen Ausweg finden, ohne von „den Interessen anderer Länder“ abhängig zu sein. Der Patriarch nahm in diesem Zusammenhang die Auslandskontakte der politischen Klasse des Landes ins Visier. Kein libanesischer Politiker dürfe die Heimat zu einem „bloßen Verbündeten dieses oder jenes Landes“ machen, um die Zedernrepublik in deren militärische und politische Strategien einzubeziehen.

Emigrationswillige junge Libanesen rief der Patriarch auf, ihre Pläne reiflich zu überlegen. Wirtschafts-, Finanz-, Gesundheits- und Sozialkrisen breiteten sich ebenso wie die Corona-Pandemie auf der ganzen Welt aus und erschwerten die Chancen, sich in einem Auswanderungsland niederzulassen. Die jungen Leute würden dringend im eigenen Land gebraucht: „Der Libanon braucht sie besonders: Ihre Moral und ihr Gewissen, ihre Revolution und ihren Zorn, ihr Wissen und ihre Kultur, ihre Zivilisation und ihre Lebensweise“.