Maronitischer Patriarch beruft wegen Jerusalem-Krise christlich-islamischen Gipfel ein

Scharfe Kritik Kardinal Rais an der Ankündigung von Präsident Trump, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu wollen

0
705
Foto ©: Rei Momo (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public domain)

Beirut-Amman, 14.12.17 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, hat für Donnerstag ein „Gipfeltreffen“ der christlichen und islamischen religiösen Führungspersönlichkeiten des Libanons zur Erarbeitung einer gemeinsamen Strategie im Hinblick auf die von Präsident Trump angekündigte Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem einberufen. Dies berichtet  die katholische Nachrichtenagentur „Fides“. Am Sonntag hatte der Kardinal-Patriarch bei der Liturgie an seinem Amtssitz Bkerke scharfe Worte für die Ankündigung Trumps gefunden: „Das ist eine Ohrfeige für die Palästinenser, für die orientalischen Christen, für die Muslime und die Araber“. Trump habe die Anstrengungen für einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern torpediert, das Feuer einer neuen Intifada entzündte und Jerusalem, die Stadt des Friedens, in eine Stadt des Krieges verwandelt.

Am Sonntag hatte auch der orthodoxe Patriarch von Antiochien, Youhanna X., an seinem libanesischen Sitz die amerikanische Entscheidung kritisiert und von einer Verletzung des internationalen Rechts gesprochen. Die Ankündigung Trumps stelle ein schweres Unrecht gegen die Palästinenser dar, sie schüre den Konflikt und sabotiere die Versuche, im Heiligen Land und in der ganzen Region Frieden zu stiften.

In der jordanischen Hauptstadt Amman fand am Mittwochabend ein Schweigemarsch gegen die Ankündigung Trumps statt, zu dem die Bischöfe des Landes eingeladen hatten. Der Marsch begann vor der griechisch-orthodoxen Kathedrale und führte zur katholischen Maria von Nazareth-Kirche. Während des Marsches läuteten alle Kirchenglocken in Jordanien. Zuvor hatten die Bischöfe bereits einen gemeinsamen Protestbrief geschrieben. Die Ankündigung Trumps habe die „Parteilichkeit“ der USA unter Beweis gestellt, Washington sei nicht in der Lage, ein „ehrlicher Makler des Friedensprozesses im Nahen Osten“ zu sein.

Libanesische Religionsführer wollen Sonderstatus für Jerusalem

Bei dem vom maronitischen Kardinal-Patriarchen Rai einberufenen „Gipfeltreffen“ wurde von Christen und Muslimen einhellig scharfe Kritik an der Entscheidung von Präsident Trump in Sachen Jerusalem geübt

Beirut, 16.12.17 (poi) Jeder einseitige Versuch, Jerusalem als Hauptstadt Israels zu etablieren, sei „unfair“ und verstoße gegen die internationalen Konventionen zum Profil der Heiligen Stadt. Dies betonte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, bei der Eröffnung des christlich-islamischen „Gipfeltreffens“ in Bkerke, bei dem eine gemeinsame Position zur Entscheidung Präsident Trumps über die Verlegung der US-Botschaft in Israel nach Jerusalem formuliert wurde. „Wir verlangen die Anwendung der 1947 beschlossenen internationalen Regelungen, vor allem der Resolution 181 vom 29. November 1947, die einen Sonderstatus für Jerusalem vorsieht“, stellte Kardinal Rai fest. Bei dem Treffen in Bkerke waren die wichtigsten Oberhäupter der Religionsgemeinschaften anwesend, u.a. der armenisch-apostolische Katholikos Aram I., der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Yousif III. Younan, der griechisch-katholische Patriarch Yousif Absi, der sunnitische Großmufti Abd-el-Latif Deriane und der schiitische Großmufti  Ahmad Kabalan. Kardinal Rai erinnerte erneut daran, dass internationale Resolutionen respektiert werden müssen, die den Sonderstatuts Jerusalems und der heiligen Stätten von Juden, Christen und Muslimen schützen.

Im gemeinsamen Schlusskommunique der religiösen Führungspersönlichkeiten, das vom Generalsekretär des libanesischen Nationalkomitees für den christlich-islamischen Dialog, Mohammad Sammak, verlesen wurde, heißt es wörtlich: „Die Stadt Jerusalem beherbergt historische heilige Orte für die monotheistischen Religionen wie die Grabeskirche und die Al-Aqsa-Moschee. Es ist nicht eine Stadt wie jede andere auf der Welt, sie hat einen privilegierten Platz im Bewusstsein der Gläubigen dieser Religionen inne. Daher stellt die auf dem persönlichen politischen Kalkül des US-Präsidenten beruhende Entscheidung eine Provokation für Milliarden von Gläubigen dar und verletzt zutiefst deren Glauben“. Fast alle Staats- und Regierungschefs der Welt hätten sich entschlossen, die UN-Resolutionen zu respektieren, die Ost-Jerusalem und Cisjordanien als besetzte Gebiete bezeichnen; im Hinblick darauf hätten sie davon abgesehen, Botschaften in Jerusalem einzurichten. Auch die USA hätten bis zur jüngsten Entscheidung von Präsident Trump diese Politik verfolgt.

Die Entscheidung Trumps widerspreche nicht nur internationalen Vereinbarungen, sondern unterminiere auch die symbolische Bedeutung der Heiligen Stadt als universales spirituelles Zentrum, wo „der Name Gottes in der Übereinstimmung der Werte aller monotheistischen Religionen angerufen wird“, heisst es in dem Kommunique von Bkerke weiter. Die in Bkerke versammelten Führungspersönlichkeiten hätten den Widerstand des palästinensischen Volkes gegen die Versuche zur Veränderung der „religiösen und nationalen Identität der Stadt Jerusalem“ begrüßt und die internationale Gemeinschaft aufgerufen, Druck auf die US-Regierung im Hinblick auf einen Widerruf der Entscheidung Trumps auszuüben, der „jene Weisheit abgeht, die für die Architekten des wahren Friedens notwendig ist“. Zugleich sei auch an die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten appelliert worden, damit sie den Präsidenten und seine Regierung darauf verweise, dass die Jerusalem-Entscheidung den Nahen Osten in einen neuen Teufelskreis der Gewalt stürzen könne.

Die religiösen Führungspersönlichkeiten betonten im gemeinsamen Kommunique ihre Verbundenheit mit dem libanesischen Modell des Miteinanders von Christen und Muslimen auf der Basis völliger staatsbürgerlicher Gleichberechtigung; zugleich sprachen sie sich für den Vorschlag von Staatspräsident Michel Aoun aus, dass die Vereinten Nationen den Libanon zum „internationalen Zentrum für den Dialog zwischen den Religionen“ proklamieren sollten.