Mazedonisch-orthodoxe Kirche erhofft sich Autokephalie vom Ökumenischen Patriarchat

Bulgarisch-orthodoxer Metropolit warnt vor einem solchen Schritt – Nur die serbische „Mutterkirche“ oder eine panorthodoxe Synode könnten den Nordmazedoniern die kirchliche Selbständigkeit zusprechen

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Skopje-Sofia, 27.01.20 (poi) Die schismatische „mazedonisch-orthodoxe Kirche“ hofft, vom Ökumenischen Patriarchat die Autokephalie (kirchliche Selbständigkeit) zu erhalten, nachdem Patriarch Bartholomaios I. Mitte Jänner den nordmazedonischen Ministerpräsidenten Oliver Spasovski und dessen Vorgänger Zoran Zajev empfangen hat. Der Primas der „mazedonisch-orthodoxen Kirche“, Erzbischof Stefan (Veljanovski) von Ohrid, brachte seinen Optimismus im Hinblick auf die Haltung des Phanars bei einem Gottesdienst am 19. Jänner öffentlich zum Ausdruck. Der nordmazedonische TV-Sender „Sitel“ zitierte jetzt Erzbischof Stefan mit der Äußerung, „mit der Hilfe Konstantinopels“ würden alle autokephalen orthodoxen Kirchen „die Wahrheit über die mazedonisch-orthodoxe Kirche erkennen“ und diese Kirche in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Der Erzbischof von Ohrid dankte Patriarch Bartholomaios I. ausdrücklich dafür, dass er „den Appell der mazedonisch-orthodoxen Kirche und die Stimme des orthodoxen Volkes in Nordmazedonien, das sich nach der eucharistischen Einheit mit allen orthodoxen Christen sehnt“, gehört habe. Er bete, dass „der Herr die serbisch-orthodoxe Kirche und die mazedonisch-orthodoxe Kirche erleuchten“ möge, damit eine Lösung der kirchlichen Probleme gefunden werden könne, sagte der Erzbischof. Er musste aber einräumen, dass es bisher keine offiziellen Kontakte zwischen dem Phanar und der mazedonisch-orthodoxen Kirche gegeben habe.

Die mazedonisch-orthodoxe Kirche entstand 1967 mit tatkräftiger Hilfe der titokommunistischen Politiker durch ein Schisma mit dem Belgrader serbisch-orthodoxen Patriarchat. Im November 2017 wandte sich die mazedonisch-orthodoxe Kirche an die bulgarisch-orthodoxe Kirche, die im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die mazedonische Kirche als zu ihr gehörig betrachtet hatte. Auf das Hilfeersuchen aus Skopje reagierte Sofia positiv und sagte Hilfe beim Streben nach kanonischer Anerkennung zu, was sowohl in der serbisch-orthodoxen Kirche als auch in der orthodoxen Kirche von Griechenland großes Missfallen auslöste. Im Mai 2018 wandte sich die mazedonisch-orthodoxe Kirche direkt an den Ökumenischen Patriarchen. Bartholomaios I. antwortete, er werde sich mit der Frage des kanonischen Status der mazedonisch-orthodoxen Kirche „unter der essenziellen Bedingung“ befassen, dass „die historischen und kirchenrechtlichen Befugnisse und Privilegien des Ökumenischen Patriarchats respektiert werden“. Im September 2018 machte der Ökumenische Patriarch deutlich, dass eine Anerkennung der Kirche von Ohrid auf keinen Fall in Frage komme, wenn der Begriff „mazedonisch“ in der Selbstbezeichnung der Kirche vorkomme. Im Oktober 2018 stellte Bartholomaios I. fest, dass die Mazedonien-Frage in die Kompetenz der serbisch-orthodoxen Kirche falle.

Im Mai 2019 beschloss die Bischofsversammlung der serbisch-orthodoxen Kirche, Verhandlungen über den kirchenrechtlichen Status der mazedonisch-orthodoxen Kirche aufzunehmen, ohne dass es seither zu Fortschritten gekommen wäre. Dass der US-amerikanische Außenminister Michael Pompeo im Oktober 2019 Erzbischof Stefan einen Besuch abstattete, wurde bei den orthodoxen Kirchen Serbiens und Griechenlands mit gemischten Gefühlen registriert, weil Erinnerungen an die Vorgänge in der Ukraine wach wurden.

Vor wenigen Tagen stellte der bulgarisch-orthodoxe Metropolit von Lovetsch, Gavriil (Metodiev Dinev), in einem Radio-Interview fest, es wäre ein „schwerer Fehler“, wenn der Phanar einen Tomos zur Verleihung der Autokephalie an die mazedonisch-orthodoxe Kirche ausstellen sollte. Nur das serbisch-orthodoxe Patriarchat – von dem sich die Mazedonier 1967 getrennt hatten – oder ein Panorthodoxes Konzil könnten die Autokephalie verleihen. Nach der Auffassung des Metropoliten, der einer der einflussreichsten bulgarischen Bischöfe ist und dem Heiligen Synod seiner Kirche angehört, ist nur die jeweilige „Mutterkirche“ bzw. die panorthodoxe Synode für Fragen der Gewährung der Autokephalie an eine Teilkirche zuständig. Metropolit Gavriil erinnerte daran, dass die mazedonische Kirche zwar in fernerer Vergangenheit Teil der bulgarischen Kirche war, nach den Balkankriegen von 1912/13 aber Teil der serbischen Kirche geworden sei, die der mazedonischen Kirche nach 1945 Autonomie gewährt habe. Daher könne die bulgarische Kirche nicht als „Mutterkirche“ der mazedonischen Kirche betrachtet werden. Es habe großen politischen Druck auf die bulgarische Kirche gegeben, „aber wir haben nicht das kanonische Recht, die Mazedonier vom Schisma zu befreien oder ihnen die Autokephalie zu verleihen“. Verschiedene autokephale orthodoxe Kirchen hätten Sofia ausdrücklich vor einem solchen Vorgehen gewarnt, weil es bedeuten würde, dass „die bulgarische Kirche ihrerseits wieder ins Schisma fällt“. Das bulgarisch-orthodoxe Exarchat war 1870 durch einen „Ferman“ des Sultans und Kaisers in Konstantinopel begründet worden, aber bereits 1872 hatte das Ökumenische Patriarchat die bulgarische Kirche für schismatisch erklärt; dieser Zustand wurde erst 1945 beendet.