„Migration ist eine biblische Ur-Erfahrung“

Wiener Pastoraltheologin Regina Polak sprach im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Miteinander für Europa“ in der rumänisch-orthodoxen Kirche St. Andreas zum Thema „Heimat und Migration“ – Es geht um einen Heimatbegriff, „in dem Verschiedenheit normal ist“

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Foto: © CDC (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Wien, 22.03.19 (poi) Migration ist eine biblische Ur-Erfahrung, aus dieser Erfahrung sind die Schlüsseltexte der Heiligen Schrift entstanden. Dies betonte die Wiener Pastoraltheologin Prof. Regina Polak am Donnerstagabend in der Wiener rumänisch-orthodoxen Kirche St. Andreas im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Miteinander für Europa“ zum Thema „Heimat und Migration“.  Migration zwinge die „Einheimischen“ dazu, sich mit dem Begriff Heimat „neu zu beschäftigen“. Denn die Migranten seien „Spiegel und Fenster“ für die „Einheimischen“. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte bedeute, dass jetzt „die eine Menschheit heranwächst“. Christen könnten in der Konfrontation mit dem Lebensschicksal von Migranten das Pauluswort aus dem Philipperbrief „Unsere Heimat ist im Himmel“ neu entdecken.

Kritisch setzte sich die Pastoraltheologin mit dem aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Heimatbegriff auseinander. Dieser habe zunächst der Abwehr gegen die Einflüsse der Französischen Revolution gedient und sei später mit Kultur, Sprache und Staat identifiziert worden. Zugleich habe man die jahrhundertelange Migrationsgeschichte aus dem Bewusstsein getilgt und den Heimatbegriff immer stärker zur „negativen Abgrenzung“ von den „anderen“ benützt. Schließlich sei die Vorstellung einer von Homogenität geprägten Heimat zur Normalität geworden. Heute gehe es darum, einen Heimatbegriff zu entwickeln, „in dem Verschiedenheit normal ist“, auch wenn sich Menschen mit dem Erlebnis der Unterschiedlichkeit schwer tun. Es gebe aber „keine angeborene Fremdenfeindlichkeit“, unterstrich Prof. Polak. Es seien vielmehr die „politischen Diskurse“, die zur Fremdenfeindlichkeit führen. Die Politiker hätten daher eine „enorme Verantwortung“.

Die Pastoraltheologin plädierte dafür, ein positives Narrativ über Migration zu entwickeln, hier seien insbesondere auch die christlichen Kirchen gefordert. Allzu oft werde Migration als „Deutungsrahmen für gesellschaftliche Veränderungen“ nur negativ interpretiert. Eine positive Sicht würde es hingegen möglich machen, dass jemand „mehrere Identitäten zugleich hat“, also die Identität aus dem Ursprungsland nicht aufgeben muss, um in der neuen Heimat akzeptiert zu werden.

Aus ihren Feldforschungen berichtete Prof. Polak über die Erfahrungen mit der kroatischen katholischen Gemeinde in Österreich. Viele Menschen aus dieser Gruppe hätten noch immer das Gefühl, „Fremde zu sein“.  Einer der Gesprächspartner brachte die Erwartungshaltung auf den Punkt: „Wir sollen Trachten anziehen und Kolo tanzen“. In der Beschäftigung mit dieser Gruppe sei deutlich geworden, dass der Heimatbegriff keine Zuckerguss-Idylle bedeutet, sondern  das Teilen von heimatlichen Erinnerungen, Sehnsüchten, Schmerz und Hoffnung in der Fremde. Für die Leute aus der kroatischen katholischen Gemeinde bedeute die sonntägliche Messfeier in kroatischer Sprache und mit kroatischen Liedern „eine Stunde Heimat“.

Was das Spannungsverhältnis von Heimat und Migration im konkreten Leben bedeutet, hatte zuvor der evangelisch-lutherische Altbischof Herwig Sturm im Gespräch mit vier jungen Migranten – ein Mädchen und drei Burschen aus Syrien, Ägypten und Afghanistan – deutlich gemacht. Das Mädchen  ist antiochenisch-orthodoxe Christin, die Burschen sind Muslime, haben aber in katholischen und evangelischen Gruppen verständnisvolle Förderung und Aufnahme gefunden. Alle vier betreiben ernsthaft und erfolgreich ihre Berufsausbildung und haben gut deutsch gelernt. Die Situation der jungen Leute ist aber von Unsicherheit im Hinblick auf ihr Aufenthaltsrecht in Österreich gekennzeichnet.

Zum Auftakt der Veranstaltung erläuterte der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar und Pfarrer von St. Andreas, Nicolae Dura, das Bildprogramm der Ikonostase und der Fresken der Kirche. Altbischof Sturm legte das Programm von „Miteinander für Europa“ dar. Die Veranstaltungsreihe wurde vom gleichnamigen ökumenischen Netzwerk im Hinblick auf die bevorstehenden Europawahlen gestartet.  Sturm: „Wir wollen nicht stumm abwarten, sondern unsere Berufung zur Einheit in das Ringen um die Zukunft Europas einbringen“.  Die nächste Veranstaltung findet am 27. März zum Thema „Judentum in Europa heute – der neue und alte Antisemitismus“ im Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung statt. Die Abschlussveranstaltung  mit dem evangelischen Bischof Michael Bünker und Parlamentariern ist am 11. April im „Haus der Europäischen Union“ in der Wipplingerstraße vorgesehen.

Am Donnerstagabend in St. Andreas überbrachte Gesandter Calin Tantareanu von der rumänischen Botschaft in Wien die Grüße des derzeitigen EU-Vorsitzlandes. Er begrüßte die ökumenisch-christliche Initiative; gerade angesichts der ständigen Diskussion über die Krisen Europas sei es erfreulich, dass ein Zeichen im Geist des Mottos „Einstimmen – Zustimmen – Mitstimmen“ gesetzt werde.