„Mit allen im Gespräch“

„poi“-Themenpaket über die „Fact finding Pilgrimage“ von „Pro Oriente“ ins Heilige Land (1) – Es ging um die „komplexe und komplizierte“ politisch-religiöse Situation und die Möglichkeiten des ökumenischen Dialogs - Ehrenmitgliedschaft für den Theologen P. Frans Bouwen

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Foto ©: Andrew Shiva (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien-Jerusalem, 22.11.19 (poi) Die Stiftung „Pro Oriente“ hat von 14. bis 20. November eine „Fact finding Pilgrimage“ ins Heilige Land durchgeführt. Wichtige Stationen waren u.a. Jerusalem, Bethlehem und Tabgha. Wie „Pro Oriente“-Präsident Alfons Kloss betonte, ging es bei der „Pilgrimage“ darum, einerseits die Situation der Kirchen im Heiligen Land an Ort und Stelle kennenzulernen und andererseits Möglichkeiten des ökumenischen Dialogs und der ökumenischen Kooperation auszuloten. Ein besonderer Akzent war die Begegnung mit den einheimischen palästinensischen Christen, wie „Pro Oriente“-Generalsekretär Bernd Mussinghoff darlegte, der die „Pilgrimage“ inhaltlich konzipiert und organisiert hat (durch seine Teilnahme am „Theologischen Studienjahr“ der Jerusalemer „Dormitio“-Abtei und seine siebenjährige Tätigkeit als Leiter des Jerusalemer Büros des „Deutschen Vereins vom Heiligen Lande“ ist er ein profunder Kenner der Situation).

Bei der Reise waren erstmals die Vorsitzenden der „Pro Oriente“-Sektionen in Salzburg (Prof. Dietmar W. Winkler), Graz (Hofrat Peter Piffl-Percevic) und Linz (Landeshauptmann i.R. Josef Pühringer) gemeinsam mit dem „Pro Oriente“-Präsidium unterwegs. Eine besondere spirituelle Note erhielt die Pilgerfahrt durch die Teilnahme des steirischen Diözesanbischofs Wilhelm Krautwaschl und der früheren Äbtissin des Stiftes Nonnberg, M. Perpetua Hilgenberg. Ein Höhepunkt der „Pilgrimage“ war die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft von „Pro Oriente“ an den in Jerusalem lebenden und wirkenden belgischen Theologen P. Frans Bouwen aus der Missions-Ordensgemeinschaft der Weißen Väter. Bei vielen Begegnungen zeigte sich deutlich, was das Besondere an „Pro Oriente“ ausmacht und den Ruf der Stiftung in der Welt der Ökumene begründet: Die Bereitschaft und Fähigkeit, mit allen ins Gespräch zu treten. Die komplexe und komplizierte politische und religiöse Situation des Heiligen Landes war ständig präsent (am Mittwoch scheiterte neuerlich die Regierungsbildung in Israel), auch die Brüchigkeit des Friedens in der Region, der im Grunde nur ein immer wieder durchbrochener Waffenstillstand ist. Ebenso wurde die prekäre Lage der Christen bewusst, die heute nur zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung des Heiligen Landes ausmachen. Viele Steine künden im Heiligen Land von der Geschichte und dem Glauben der Menschen, die in Jesus Christus die Antwort auf ihre Fragen gefunden haben. Das kirchliche Leben im Heiligen Land ist nicht nur durch eine überaus große konfessionelle Vielfalt gekennzeichnet, sondern auch durch eine institutionelle Dichte (Klöster, Schulen, Krankenhäuser usw.), die weit über das Erscheinungsbild einer minoritären Kirche hinausgeht. So eindrucksvoll die architektonischen und künstlerischen Zeugnisse der christlichen Geschichte im Heiligen Land sind, so sehr geht es „Pro Oriente“ vor allem um die „lebendigen Steine“, die Menschen, die unter mitunter äußerst bedrängenden Umständen in Israel und in den palästinensischen Gebieten die Botschaft des Evangeliums in der Gesellschaft von heute zu leben suchen.

Der „Pro Oriente“-Informationsdienst (poi) fasst in einem Themenpaket die wichtigsten Informationen über die „Fact finding Pilgrimage“ zusammen. Das Paket wird in den nächsten Tagen laufend ergänzt – u.a. durch eine umfangreiche Fotogalerie.

 

Ehrung für den Ökumene-Pionier P. Frans Bouwen

„poi“-Themenpaket über die „Fact finding Pilgrimage“ von „Pro Oriente“ ins Heilige Land (2) – Ein Fest der österreichischen katholischen Präsenz in Jerusalem

Jerusalem, 19.11.19 (poi) Zu einem Fest der österreichischen Präsenz in Jerusalem gestaltete sich am 18. November die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft von “Pro Oriente“ an den seit 1969 in der Heiligen Stadt lebenden und wirkenden Pionier der Ökumene und belgischen Theologen P. Frans Bouwen (von 1969 bis 2015 u.a. Chefredakteur der weltweit angesehenen ökumenischen Zeitschrift „Proche-Orient Chretien“). Die Übergabe der Urkunde durch „Pro Oriente“-Präsident Alfons Kloss fand im Beisein des steirischen Diözesanbischofs Wilhelm Krautwaschl im Rahmen der ökumenischen „Fact finding PIlgrimage“ von „Pro Oriente“ im Österreichischen Hospiz in Jerusalem statt. Bei der Begrüßung der Festgäste mit Bischof Giacinto-Boulos Marcuzzo als Repräsentant des Lateinischen Patriarchats an der Spitze erinnerte Rektor Markus Bugnyar daran, dass das Österreichische Hospiz nicht nur ein Gästehaus mit 60.000 bis 80.000 Gästen pro Jahr ist, sondern durch seine akademischen, sozialen und kulturellen Initiativen auch ein Brennpunkt österreichischer katholischer Präsenz im Nahen Osten.

„Pro Oriente“-Präsident Alfons Kloss betonte, dass der ökumenische Dialog nicht Selbstzweck sein kann, er dient auch nicht nur dem großen Ziel, „jene Einheit der an Christus Glaubenden herzustellen, die in den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium gleichsam als Bedingung kirchlicher Existenz gezeichnet wird“. Dieser Dialog habe auch die Absicht, hier und heute, in aller Bescheidenheit und Dienstbereitschaft, das Fundament für das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in der Welt von heute zu legen. Es sei der unverzichtbare Auftrag der Kirchen und jedes einzelnen Christen, den „Geist des Evangeliums“ in die heutige Gesellschaft einzubringen. Angesichts der vielen aktuellen Herausforderungen müssten die Christen „committed citizens“ sein, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Dieser Auftrag sei in jüngster Zeit noch drängender geworden und gelte immer, ganz unabhängig davon, ob die Rahmenbedingungen für seine Erfüllung günstig oder weniger günstig sind.

Papst Franziskus weise oft daraufhin, dass die noch bestehenden Hindernisse und Stolpersteine auf dem langen Weg zum Ziel der Einheit nicht daran hindern dürfen, all das zu tun, „was wir bereits jetzt gemeinsam tun können und gemeinsam tun sollen“. Das gemeinsame Zeugnis in der Gesellschaft sei ein wesentlicher Bestandteil dieser „Ökumene der Tat“, so Präsident Kloss. Dabei gehe es nicht um Machtansprüche oder Ringen um Einflussmöglichkeiten mit allen Mitteln. Vielmehr solle dieser gemeinsame Beitrag der Kirchen für das Gemeinwohl auf einer Gesinnung des Dienstes basieren. Das Österreichische Hospiz könne ein Symbol dieser Gesinnung sein. Mitten in Jerusalem, der Welthauptstadt des Monotheismus, stehe es im Dienst der vielen Menschen, die hierher kommen – inmitten des Lebens der Stadt mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Problemen und seinen Hoffnungen, „inmitten auch der Zeugnisse des Lebens Jesu, die hier zu fühlen sind“. Der ökumenische Dialog sei kein Gespräch im „elfenbeinernen Turm“, er finde in der Mitte der Gesellschaft statt, als Teil der existenziellen Herausforderungen, der Sorgen und Freuden der Menschen, der Getauften, der Andersgläubigen, der Suchenden. Die wichtigen Beiträge von P. Frans Bouwen seien immer in diesem Sinn erfolgt. Dafür gelte ihm ein herzliches Dankeschön und ein österreichisches Vergelt’s Gott, betonte der „Pro Oriente“-Präsident.

Bischof Krautwaschl sagte, dass er auch im Namen seiner bischöflichen Mitbrüder spreche. Das Pilgerhospiz in Jerusalem sei ein Anliegen aller österreichischen Katholiken und ihrer Bischöfe. Das Haus sei ein Hinweis auf das Interesse des alten Österreich für die Christen im Nahen Osten und für die christlichen Pilgerstätten im Heiligen Land. 1852 habe der damalige österreichische Vizekonsul Giuseppe Pizzamano den Vorschlag gemacht, ein Pilgerspital mit zugehöriger Kirche zu bauen, um den Einfluss Österreichs als Schutzmacht der katholischen Christen im Nahen Osten zu festigen. Heute möge das fremd klingen, aber damals habe es dramatische politische Bedeutung gehabt. Es sollte bis zum 19. März 1863 dauern, dass das Österreichische Hospiz vom damaligen lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Giuseppe Valerga, geweiht und eröffnet werden konnte. 1869 habe dann Franz Joseph I. seine Reise zur Eröffnung des Suezkanals zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land genutzt. Er war der erste europäische Monarch seit dem Mittelalter, der das Heilige Land aufsuchte. Dieser Besuch war ein symbolträchtiges Vorbild für die folgenden Pilgerfahrten aus dem alten Österreich-Ungarn, stellte Bischof Krautwaschl fest: „Wir sind froh, dass diese Tradition nach den dramatischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts heute wieder kraftvoll aufgelebt ist“.

Vieles von damals erscheine aus der Distanz von heute weit entfernt. Und doch sei es ein Hinweis darauf, dass die Christen in Österreich nie vergessen hätten, wo die Wurzeln ihres Glaubens liegen. Mehr denn je sei es heute notwendig, daran zu erinnern, dass die Wurzeln des vielberufenen christlichen Abendlandes im Nahen Osten zu suchen sind: „Von hier kommen die Evangelien, die Theologie, die Liturgie, die Frömmigkeit, die Kunst der Christen. Dafür sind wir dankbar. Zugleich sind wir entschlossen, den Christen des Nahen Ostens zu helfen, ihr Lebensrecht in der angestammten Heimat zu bewahren“. Der Grazer Bischof unterstrich, wie wichtig die jahrzehntelange Arbeit von P. Frans Bouwen für die verschiedenen Dialog-Formate von „Pro Oriente“ sei. Die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Stiftung sei ein wichtiger Schritt, der sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft verbindet: „In diesem Sinn ein ‚Vivat‘ auf P. Bouwen und alle, die seinem Weg folgen“.

Tiefer Wunsch nach christlicher Einheit

Prof. Dietmar W. Winkler unterstrich in seiner herzlichen und humorvollen Laudatio, dass P. Bouwen für einen „tiefen Wunsch nach christlicher Einheit“ stehe und nachdrücklich hervorhebe, dass nach mehr als 50 Jahren des ökumenischen Dialogs eine theologische Reflexion über die von den Kirchen gemeinsam gelebten Reichtümer notwendig sei statt sich auf die Differenzen zu konzentrieren, wie das üblicherweise geschehe. In den Dialogen sei in den letzten Jahrzehnten viel erreicht worden, aber es fehlten oft die „konkreten Schritte nach vorn“. Es bedürfe der Klugheit und der Geduld, aber man müsse auch die Frage stellen, wie die Kirchen bisweilen Seite an Seite weiter so leben können, als ob im ökumenischen Dialog nichts erreicht worden wäre. P. Bouwen sei überzeugt, dass das reiche spirituelle, patristische und liturgische Erbe der östlichen Christenheit im Westen besser bekannt werden müsse, um das Band der Gemeinschaft und Solidarität mit den Kirchen in aller Welt zu stärken. Wörtlich sagte Prof. Winkler: „P. Bouwen ist ein Brückenbauer. Wenn ich ein Journalist wäre, würde ich nach einer Schlagzeile suchen und ‚Ein Pontifex Maximus des Ökumenismus‘ schreiben – aber P. Bouwen würde das sicher scharf missbilligen“.

  1. Bouwen präsentiere sich nicht selbst und spreche nicht viel über sich, so Prof. Winkler: „Aber er hat uns viel zu sagen mit seiner Kenntnis des ökumenischen Dialogs auf globaler, regionaler und lokaler Ebene“. Als der Ordensmann der „Weißen Väter“ 1969 nach Jerusalem kam, habe er die Chefredaktion der weltweit herausragenden ökumenischen Zeitschrift „Proche-Orient Chretien“ übernommen und sie bis 2015 innegehabt. Die Zeitschrift sei 1951 von den Professoren des melkitischen griechisch-katholischen Seminars in St. Anna gegründet worden, um der Annäherung der Kirchen im Nahen Osten zu dienen, die dringend der Einheit bedürfen. Die katholische Kirche habe damals auf dem Weg zum Zweiten Vatikanischen Konzil ihre ersten schüchternen Schritte in Richtung Ökumene getan. Zugleich sei durch die israelische Staatsgründung eine Wendung der politischen Situation erfolgt. All dies habe die Gründer von „Proche-Orient Chretien“ überzeugt, dass es an der Zeit sei, die Aufmerksamkeit auf die Leistungen und das Potenzial der Christen des Nahen Ostens zu lenken. Ab 1969 habe P. Bouwen dann nicht nur die Herausforderungen der überaus komplexen ökumenischen Situation in Jerusalem und im Nahen Osten zu bestehen gehabt, er musste auch „besondere politische Probleme“ bewältigen. Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde das melkitische Seminar in den Libanon verlegt, weil es für arabische Studenten zu schwierig war, nach Jerusalem zu kommen. Auch die meisten Mitarbeiter, die Professoren des melkitischen Seminars, seien übersiedelt. Die Zeitschrift habe schließlich in Beirut eine neue Heimat gefunden.

Prof. Winkler, der Salzburger Ostkirchenspezialist und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion, legte witzig dar, dass sich P. Bouwen dem Zugriff der Methoden des Historikers entziehe: „Wenn man seine persönlichen Daten oder seine Publikationsliste ausdrucken will, dann bekommt man nicht einen ‚Weißen Vater‘, der in St. Anna beheimatet ist, sondern ein weißes Blatt Papier“. Das bedeute nicht, dass es über P. Bouwen im Internet nichts zu finden gibt, eine Fülle seiner hochqualitativen Aussagen komme an die Oberfläche. In seinen Interviews, in Medienberichten über seine Vorträge werde deutlich, dass P. Bouwen einer der herausragenden Spezialisten im Hinblick auf Geschichte, Theologie, Liturgie und gegenwärtiges Leben der Kirchen im Nahen Osten ist, mit besonderer Berücksichtigung des ökumenischen Dialogs und der christlich-islamischen Beziehungen. Man sehe aber auch, dass P. Bouwen viele Jahre Mitglied der Weltkirchenrats-Kommission für Glaube und Kirchenverfassung („Faith and Order“) und Konsultor des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen war, heute auch Mitglied der internationalen Kommissionen für den offiziellen theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen bzw. den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Der belgische Theologe und Ordensmann habe in Jerusalem aber auch den Ökumenischen Freundeskreis zusammengeführt, er sei Mitglied der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der katholischen Kirche Jerusalems. Und er arbeite eng mit dem nahöstlichen Kirchenrat (MECC) und vor allem mit „Pro Oriente“ zusammen – als „unverzichtbarer Ratgeber und essenzielle Quelle des Wissens“ im Hinblick auf die nichtoffiziellen Dialoge mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen und mit den Kirchen der syrischen Tradition.

Der 1938 in Flandern geborene Frans Bouwen sei mit 18 in die Ordensgemeinschaft der Afrika-Missionare, der „Weißen Väter“, eingetreten, erinnerte Prof. Winkler. Die 1868 vom legendären Erzbischof von Algier, dem späteren Kardinal Charles Lavigerie, begründete Ordensgemeinschaft sei von Anfang an auch dazu bestimmt gewesen, das Evangelium in der islamischen Welt zu bezeugen. 1878 kamen die „Weißen Väter“ nach Jerusalem, 1882 wurde dort das melkitische Priesterseminar begründet. Frans Bouwen erhielt seine Ausbildung mit den Schwerpunkten östliche Theologie, arabische Sprache, ökumenische Beziehungen und Islam u.a. in Carthago, Rom und Athen, 1963 wurde er in Nordafrika zum Priester geweiht. Prof. Winkler unterstrich, dass P. Bouwen in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils Priester geworden sei, er gehöre zu denen, die vom Geist dieses bedeutendsten Ereignisses der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts zutiefst geprägt seien.

In seiner Dankansprache betonte P. Bouwen die Verbundenheit mit „Pro Oriente“, seit 1991 habe er fast 30 Jahre in verschiedensten Bereichen mit der Stiftung zusammenarbeiten können, vor allem im Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen und im Dialog mit den Kirchen der syrischen Tradition. Wörtlich sagte P. Bouwen: „Das waren für mich reich erfüllte Jahre. Ich habe viel mehr gelernt und empfangen, als ich selbst beitragen konnte. Der Dialog mit den orientalischen Kirchen eröffnete eine neue Welt für mich: ich entdeckte diese Kirchen nicht nur durch akademisches Studium, sondern durch den persönlichen Kontakt mit Repräsentanten dieser Kirchen, ich hörte ihnen zu und lernte ihr Denken und Fühlen kennen, durch die gemeinsamen Tage bei den Treffen und durch das Entstehen wahrer Freundschaft“. Der syrische Dialog wiederum habe ihm erlaubt, mit der großen syrischen Tradition vertraut zu werden, die es verdiene, neben der griechischen und lateinischen Tradition in Theologie, Liturgie und Spiritualität „viel mehr bekannt und geschätzt zu werden“.

Die Gäste des Abends im Österreichischen Hospiz aus verschiedenen Kirchen und Traditionen hätten die 50 Jahre seiner Präsenz in Jerusalem zu einer „unvergesslichen und unschätzbaren Lebenserfahrung“ gemacht, sagte P. Bouwen: „Gemeinsam haben wir der christlichen Präsenz in Jerusalem und im Heiligen Land zu dienen gesucht, vor allem im Bemühen um Annäherung und Gemeinschaft im Hinblick auf gemeinsames Zeugnis und gemeinsamen Dienst, auf der offiziellen und auf der nichtoffiziellen Ebene“. Die persönlichen Beziehungen und Freundschaften spielten eine unersetzbare Rolle im ökumenischen Leben Jerusalems. Es sei sein Wunsch, diese Erfahrung, die in einem „multireligiösen und komplexen geopolitischen Umfeld“ so essenziell sei, an die nächste Generation weiterzugeben.

„In Demut und mit liebender Geduld“

  1. Bouwen unterstrich, dass es überaus wichtig sei, aufeinander „in Demut und mit liebender Geduld“ zu hören. Es sei überaus bereichernd, den „Anderen“ kennenzulernen, ihn so zu sehen und zu verstehen, wie er sich selbst sieht und versteht und zugleich zu entdecken, wie man selbst von den „Anderen“ wahrgenommen werde. Dann könne ein neues gemeinsames Verständnis entstehen: „Wir werden in unseren persönlichen Ideen und Gefühlen herausgefordert und entdecken in uns neue Dimensionen, die wir zuvor nicht gekannt haben. Dank dieses neuen gegenseitigen Verständnisses können wir wahrhaft gemeinsam künftige gegenseitige Akzeptanz und Zusammenarbeit angehen“.

Demut habe er als fundamentale Haltung vor allem für die „Expatriates“ gelernt, die mit ihrem westlichen Hintergrund und ihren Ideen nach Jerusalem kommen, berichtete P. Bouwen. Zweifellos seien westliche Kirchen bisweilen eine große Hilfe für die örtlichen christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land gewesen. Und doch müsse man erkennen, dass die westliche Einmischung mehr als einmal die Spaltung der örtlichen Gemeinschaften vervielfacht und vertieft hat, sei es durch Bevorzugung bei materieller Hilfe, durch das Aufdrängen kultureller Überlegenheit oder durch fehlgeleiteten Proselytismus. „Diese Fehler dürfen wir nicht wieder machen“, sagte der Ordensmann wörtlich. Die Zukunft der christlichen Präsenz im Heiligen Land und eine authentische ökumenische Annäherung könne nur durch die örtlichen Christen und ihre Gemeinschaften gesichert werden. Die Christen aus dem Westen seien berufen, den Weg für gegenseitige Beziehungen und Zusammenarbeit zu bereiten und sich dann zurückzuziehen, wenn die Arbeit getan ist. Dieser demütige Dienst bedeute keine Verarmung, er sei vielmehr eine fruchtbare Bereicherung für alle. Jerusalem biete eine einmalige Gelegenheit, dank der Anwesenheit aller christlichen Traditionen. Es gehe darum, die Verschiedenheit und die Gemeinsamkeit zu entdecken und zu versuchen, diese Entdeckungen mit den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaften und den vielen Pilgern in einem authentisch ökumenischen Dienst zu teilen. Bisweilen könne es dann auch dazu kommen, diese Entdeckungen mit den örtlichen Gemeinschaften zu teilen, sodass sie ihre gegenseitige Anerkennung und Zuneigung vertiefen können. Im übrigen sei die Fortführung des Werks und seine Vollendung dem Heiligen Geist anzuvertrauen, der „allein uns auf den richtigen Weg führen kann“. Zum Abschluss seines Berichts über „einige Aspekte seiner Jerusalemer Erfahrung“ lud P. Bouwen dazu ein, gemeinsam für „einen gerechten und dauerhaften Frieden im Heiligen Land“ zu arbeiten.

Vor dem Festakt hatte Bischof Krautwaschl mit den Teilnehmenden der „Fact finding Pilgrimage“ von „Pro Oriente“ in der Kirche St. Anna, die seit 1969 von P. Bouwen betreut wird, die Heilige Messe gefeiert. Sie gilt als eine der schönsten Kirchen Jerusalems. Das Gotteshaus wurde von der Witwe König Balduins I. im Jahr 1142 erbaut, weil man neben dem Bethesda-Teich die Wohnung von Joachim und Anna, der Eltern Marias, vermutete. Nach der Eroberung Jerusalems durch Sultan Saladin war die Kirche ab 1192 eine „Madrasa“ für Juristen der schafi’itischen Rechtsschule. 1856 übergab Sultan Abdülmecid das Gebäude als Dank für die Unterstützung des Osmanischen Reiches im Krimkrieg an Napoleon III. Damals befand sich der Bau allerdings in einem beklagenswerten Zustand, u.a. hatte der türkische Gouverneur die Kirche als Pferdestall benutzt. Bei der von der französischen Regierung in Auftrag gegebenen Restaurierung wurde das Gotteshaus von Einbauten aus der Zeit der profanen Nutzung befreit. Die Kirche wurde dann von der französischen Regierung den „Weißen Vätern“ übergeben. Die „Weißen Väter“ richteten dort ein Priesterseminar für die melkitische griechisch-katholische Kirche ein, seit 1967 wird St. Anna von den „Weißen Vätern“ als spirituelles Zentrum genutzt.