Montenegro ändert das umstrittene Religionsgesetz

Änderung des von serbisch-orthodoxen Gläubigen zurückgewiesenen Gesetzes aus der Ära Djukanovic hat für die neue Regierung höchste Priorität

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Foto: © Sailko (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Podgorica, 13.12.20 (poi) Die Neufassung des umstrittenen montenegrinischen Religionsgesetzes wird im Lauf dieser Woche der Regierung der Adria-Republik vorgelegt werden. Dies teilte der neue Justiz- und Menschenrechtsminister Vladimir Leposavic mit. Die am 4. Dezember ins Amt gekommene neue Regierung von Montenegro hat der Abänderung des Religionsgesetzes höchste Priorität gegeben. Der Text der Gesetzesänderung sei fertig, die umstrittenen Paragraphen des Gesetzes aus der Ära von Präsiden Milos Djukanovic seien gestrichen oder neuformuliert, so Leposavic. Der Streit um das Religionsgesetz war ein Zentralthema des Wahlkampfs gewesen; bei der Wahl unterlagen die Anhänger von Djukanovic, der aus der kommunistischen Jugend kam, aber zum Liebkind der NATO mutierte, knapp, aber doch.
Das Religionsgesetz hatte in Montenegro zu einer heftigen öffentlichen Auseinandersetzung zwischen den Leuten von Djukanovic und der serbisch-orthodoxen Kirche des Landes geführt. Der inzwischen der Corona-Pandemie zum Opfer gefallene montenegrinische Metropolit Amfilohije (Radovic) stand an der Spitze des orthodoxen Widerstands. Präsident Djukanovic, der sich persönlich als Agnostiker bezeichnet, favorisierte eine winzige schismatische Gruppierung, die sich als „montenegrinisch-orthodoxe Kirche“ bezeichnet und deren leitende Persönlichkeiten umstrittene Lebensläufe haben. Dem Präsidenten erschien die Gruppe als Krönung der neu- oder wiedergewonnenen Unabhängigkeit des kleinen Landes (bis zum Ersten Weltkrieg war Montenegro ein Königreich, das regierende Haus Petrovic-Njegos spielte eine wichtige Rolle in der europäischen Spitzenaristokratie; Elena, eine der sechs Töchter des letzten Königs Nikola I. wurde die Frau des italienischen Königs Viktor Emmanuel III., sie war eine karitativ wie intellektuell überaus brillante Persönlichkeit, für die ein katholisches Seligsprechungsverfahren im Gang ist).
Die unklaren Formulierungen des Religionsgesetzes ließen die serbisch-orthodoxe Kirche befürchten, dass die wichtigsten Gotteshäuser und Klöster Montenegros der schismatischen Gruppierung übereignet werden könnten, weil die Geschichte des Landes überaus komplex ist. Einerseits ist es richtig, dass Montenegro im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts (formal bis Ende des Ersten Weltkriegs) unabhängig war. Zugleich war aber Montenegro – eines der Herzländer der serbischen Nation – der einzige Teil dieser Nation, der jahrhundertelang (dank venezianischer und russischer Unterstützung) von der osmanischen Herrschaft frei blieb. Da Montenegro ein fürstbischöfliches Territorium war, ist es nicht möglich, vom späten 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert zu unterscheiden, ob ein Gotteshaus oder ein Kloster eine „kirchliche“ oder eine „staatliche“ Gründung war.