Montenegro: Kirche verurteilt Zwischenfälle

Metropolit Amfilohije bezeichnet Attacke auf Moschee in Pljevlja als „schreckliche Schandtat“ – Bischof Atanasije: „Jeder Stein auf die Moschee ist auch ein Stein auf das orthodoxe Kloster“ – „Man will Uneinigkeit und Zwietracht provozieren“

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Foto: © Medija centar Beograd (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Podgorica, 06.09.20 (poi) Die serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro hat scharf Zwischenfälle verurteilt, hinter denen sie eine Strategie zur Erzeugung von Spannungen in der Bevölkerung vermutet. Metropolit Amfilohije (Radovic) bezeichnete einen Vandalenakt gegen eine Moschee und ein angeschlossenes Seelsorgezentrum in Pljevlja als „schreckliche Schandtat“. Es sei „unehrenhaft und feig“, solche Untaten im Schutz der Nacht zu begehen. Wörtlich stellte der Metropolit fest: „Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um eine bewusste Provokation handelt, um in Pljevlja  – und in ganz Montenegro – die guten Beziehungen zwischen Bürgern unterschiedlicher konfessioneller Zugehörigkeit in Gefahr zu bringen“. Er wolle keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber die Serie von ungeklärten Zwischenfällen seit den Parlamentswahlen lege die Folgerung nahe, dass es sich weniger um „spontane Auswüchse von religiösem Hass und Intoleranz“ handle, sondern eher um einen durchdachten Plan, um nach dem unwillkommenen Wahlergebnis Spannungen zu erzeugen. Wer immer die Urheber seien und was immer ihre  – „gegenüber den Bürgern des Landes nicht wohlwollenden“ – Intentionen waren, sie müssten zur Verantwortung gezogen werden. Wörtlich stellte der Metropolit fest: „Die Attacke auf die muslimischen Gläubigen von Pljevlja ist auch eine Attacke auf jeden Christen in der Stadt und auf jeden montenegrinischen Bürger“. Wer immer Hass verbreite, distanziere sich von der Liebe Gottes und von Gottes Segen.

Der Metropolit erinnerte aber auch daran, dass vor den Wahlen die Polizei binnen Stunden zur Stelle gewesen sei, wenn jemand Hassparolen im Internet verbreitete oder dergleichen, jetzt würden gewalttätige Zwischenfälle nicht mit der gleichen Effizienz geklärt.

Auch der für Pljevlja örtlich zuständige serbisch-orthodoxe Bischof Atanasije (Rakita) von Milesevo sagte, die Steine, die auf das islamische Zentrum geschleudert wurden, hätten „unermesslichen Schmerz in den Seelen“ ausgelöst: „Jeder Stein, der auf die islamische Gemeinschaft geschleudert wurde, ist auch ein Stein auf das serbisch-orthodoxe Dreifaltigkeitskloster von Pljevlja“. Bischof Atanasije bedauerte, dass er wegen der Pandemie-Maßnahmen nicht persönlich über die Grenze kommen konnte – Milesevo liegt auf serbischem Gebiet -, aber die orthodoxen Priester von Pljevlja hätten in seinem Auftrag den islamischen Verantwortlichen die Sympathie und das Mitgefühl zum Ausdruck gebracht: „Wir beten, dass Gott die schmerzerfüllten Seelen tröstet und dass bösen Menschen gewehrt wird, die islamische Heiligtümer anzugreifen“. Die Sicherheits- und Justizbehörden müssten die Täter so rasch wie möglich ausforschen und für ihre Bestrafung nach dem Gesetz sorgen.

Pljevlja, heute eine wichtige Industriestadt, gehörte zum Sandschak von Novipazar, dessen Verwaltung 1878 von Österreich-Ungarn übernommen wurde. 1908 zogen die Österreicher und Ungarn wieder ab, 1912 wurde die Stadt montenegrinisch. Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind slawisch sprechende Muslime. Erst vor kurzem, am 28. August, wurde von Bischof Atanasije in Pljevlja das neue orthodoxe Informations- und Kulturzentrum St. Sava eröffnet.

Vor der Attacke auf die Moschee in Pljevlja hatte es in der Nacht zum 2. September einen Angriff auf die Nikolauskirche in Bijelo Polje gegeben. Die Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert, in der Sakristei werden Handschriften und Frühdrucke aus dem 14. bis 18. Jahrhundert aufbewahrt.

In dem Städtchen Rozaje im Norden des Landes kam es ebenfalls zu einem Zwischenfall. Mehr als hundert mit montenegrinischen Fahnen dekorierte Autos umkreisten rund eineinhalb Stunden hindurch laut hupend die orthodoxe Pfarrkirche, die Fahrer riefen „Pater, gehen Sie weg, das ist Montenegro, unser Land“. Offenbar waren die Organisatoren der Meinung gewesen, Pfarrer Slobodan Radojevic und seine Familie seien im Pfarrhaus. Als der Pfarrer von einer Dienstfahrt zurückkehrte, verständigte er sofort die Polizei, die auch eingriff. Der Bürgermeister rief zum Frieden auf und appellierte an die Bürger, alles zu unterlassen, was zu ethnisch oder religiös motivierten Auseinandersetzungen führen könnte.

In einer Presseaussendung der orthodoxen Metropolie von Montenegro wurde die Vermutung geäußert, dass in den Vorfällen die Handschrift von Parteigängern der abtretenden Regierung sichtbar werde, die „Uneinigkeit und Zwietracht“ provozieren wollen.  Die Metropolie appellierte an die Gläubigen, Provokationen nicht zu beachten, sondern der Stimme der Kirche zu folgen und mitzuhelfen, damit die künftige Regierung „friedlich und würdevoll“ arbeiten kann. Orthodoxe Aktivisten haben sich inzwischen zusammengetan, um islamische Heiligtümer vor Angriffen zu schützen.

Der Rat der serbisch-orthodoxen Bischöfe von Montenegro hatte bereits unmittelbar nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses betont, dass jetzt „Friede und Eintracht“ das wichtigste seien. Zum ersten Mal seit 1945 gebe es die Möglichkeit, eine „wirklich demokratische“ Regierung zu bilden.  Das Wahlergebnis dürfe  aber kein Anlass für „Intoleranz“ sein,  weder Freude noch Enttäuschung über das Wahlergebnis dürften zum Konflikt unter Bürgern führen. Die Bischöfe betonten, dass die vielbesuchten Versammlungen vor Gotteshäusern nach den Wahlen nicht von der Kirche organisiert worden seien. Dabei sei es leider auch zu „unnötigen Zwischenfällen“ gekommen. Zudem erinnerten die Bischöfe an die nach wie vor notwendigen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie.