Montenegro: Metropolit Amfilohije als „Mediator“ der neuen Koalition

Bei einem Treffen im Kloster Ostrog wurden die Auseinandersetzungen der Wahlgewinner um die Spitzenpositionen beigelegt – Bischöfe erwarten von der neuen politischen Garde „den Geist der Selbstaufopferung, der Solidarität und der gegenseitigen Verständigung“

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Foto: © bilko2/ William Hall (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Podgorica, 24.09.20 (poi) In Podgorica ist am Mittwoch, 23. September, das neugewählte montenegrinische Parlament erstmals zusammengetreten. Drei Parteien, die zusammen eine knappe Mehrheit von 41 von 81 Sitzen haben, bilden eine Koalition. Die 30-jährige Herrschaft des einstigen Jungkommunisten und späteren „Atlantikers“ Milo Djukanovic, der sich in den letzten Jahren zunehmend mit der orthodoxen Kirche angelegt hatte, ist damit beendet. Das Miteinander der drei Koalitionsparteien war bis zuletzt von dramatischen Auseinandersetzungen um die Besetzung der Spitzenposten gekennzeichnet. Am Dienstag lud Metropolit Amfilohije (Radovic) – gemeinsam mit Bischof Joanikije (Micovic) von Niksic – die Parteichefs Zdravko Krivokapic („Für die Zukunft Montenegros“), Aleksa Becic („Friede ist unsere Nation“) und Dritan Abazovic („Schwarz auf Weiß“) in das Kloster Ostrog ein.  Im Kloster scheinen die Politiker einander nähergekommen zu sein, jedenfalls wurde am Mittwoch Aleksa Becic zum Vorsitzenden des Parlaments gewählt, Zdravko Krivokapic wurde als Regierungschef vorgeschlagen. Das Treffen im Kloster Ostrog wurde von den Djukanovic-Anhängern scharf kritisiert („bildet jetzt der Metropolit die neue montenegrinische Regierung?“); Krivokapic und seine Verbündeten wiesen die Vorwürfe aber entschieden zurück, die Bischöfe hätten keinerlei Namensvorschläge gemacht.

In jedem Fall zeigte der Vorgang aber die Bedeutung des serbisch-orthodoxen Metropoliten von Montenegro und seine Einflussmöglichkeiten als „Mediator“ in der diffizilen politischen Landschaft der kleinen Adria-Republik. Die orthodoxen Bischöfe von Montenegro veröffentlichten am Dienstag einen Brief an das Volk von Montenegro, in dem es u.a. heißt: „Wir schulden allen Bürgern von Montenegro Dank, die den Schrei der Kirche gehört und nach 75 Jahren erstmals frei gegen die Totalitarismen abgestimmt haben, die ein Gesetz wollten, das die Existenz der Kirche und ihr spirituelles und materielles Erbe in Gefahr gebracht hätte“. Die Bischöfe machten deutlich, dass sie von den Gewinnern der Wahlen „den Geist der Selbstaufopferung, der Solidarität und der gegenseitigen Verständigung erwarten“. Die Politiker müssten sich der historischen Bedeutung der neuen Situation bewusst sein, auch der Anstrengungen, die das Volk für den Wahlsieg erbracht habe.

Der jetzt zum Regierungschef erkorene Technikprofessor Zdravko Krivokapic hatte immer deutlich gemacht, dass die Abschaffung des umstrittenen Religionsgesetzes der Ära Djukanovic für ihn oberste Priorität habe. Das unklar formulierte Gesetz hätte dazu führen können, dass viele historische Kirchen und Klöster im Land der serbisch-orthodoxen Kirche entzogen und einer dem früheren Präsidenten Djukanovic nahestehenden Sekte übergeben worden wären. Die historischen Kirchen und Klöster stammen aus der Zeit, als Montenegro ein geistliches Fürstentum war, der einzige Teil des alten Serbiens, der auf Grund der Unterstützung durch die Republik Venedig und Russland von der osmanischen Herrschaft frei blieb.