Montenegro: Polizei ging am Palmsonntag gegen Metropolit Amfilohije vor

Der Bischof hatte in einem Kloster am Stadtrand von Podgorica bei verschlossenen Türen und ohne Anwesenheit von Gläubigen die Göttliche Liturgie zelebriert – Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um das neue „Gesetz über die Religionsfreiheit“ vermutet

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Foto: © Medija centar Beograd (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Podgorica-Nicosia, 13.04.20 (poi)  Der serbisch-orthodoxe Metropolit von Montenegro, Amfilohije (Radovic), wurde am (orthodoxen) Palmsonntag nach der Göttlichen Liturgie im Kloster von Zlatica (einem Vorort der Hauptstadt Podgorica) von montenegrinischen Polizisten angehalten und  zum Verhör in das Polizeipräsidium gebracht. Wegen der Corona-Pandemie gilt auch in Montenegro ein Versammlungsverbot in der Öffentlichkeit, es besteht eine Ausgangssperre an Wochentagen ab 19 Uhr und am Wochenende ab 11 Uhr.  Bei der von Metropolit Amfilohije in der aus der Spätantike stammenden Kirche von Zlatica zelebrierten Liturgie waren aber keine Laienchristen anwesend, nur wenige Priester, die dem Metropoliten assistierten. Auch in der neuen Auferstehungskathedrale im Stadtzentrum wurden mehrere Priester festgenommen, die dort – ebenfalls bei geschlossenen Türen – die Göttliche Liturgie zum Palmsonntag gefeiert hatten. In beiden Fällen wurden die Gläubigen erst nach Beendigung der Liturgie – unter Beachtung aller Sicherheitsvorschriften, angefangen vom Abstandhalten – in die Gotteshäuser eingelassen.

Bischof Joanikije von Niksic erklärte am Sonntag vor Journalisten, es sei nicht klar geworden, ob der Metropolit und die anderen Priester festgenommen waren oder nur zur „Befragung“ ins Polizeipräsidium gebracht wurden. Der „schändliche Akt“ der Polizei von Podgorica sei unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Corona-Pandemie gesetzt worden, tatsächlich handle es sich aber um nichts anderes als einen „neuen Schlag gegen die Kirche und den orthodoxen Glauben“. Wörtlich stellte der Bischof fest: „Wir fühlen uns alle durch diesen Vorgang gedemütigt und verletzt, aber das wird uns nicht hindern, dem lebendigen Gott zu dienen, der die Quelle der Wahrheit und der Gesundheit der Seele und des Leibes ist. Wir bitten den Herrn, dass er uns alle erleuchtet und uns eint im Kampf gegen die Epidemie und noch mehr gegen allen Hass und alle Verständnislosigkeit unter Brüdern“.

Erzpriester Gojko Perovic, der Regens des Priesterseminars in Cetinje, stellte im Kirchensender „Radio Svetigora“ fest, die Normen, nach denen die montenegrinische Polizei handle, seien unklar. In den letzten Tagen und auch am Palmsonntag hätten sich vor Bäckereien und Märkten wesentlich mehr Menschen als vor den orthodoxen Kirchen versammelt gehabt, „denn wir Priester halten uns an die Corona-Regeln und laden die Leute nicht in die Kirchen ein“. Trotzdem hätten die Sicherheitsleute den Metropoliten zum Verhör ins Polizeipräsidium gebracht, obwohl bei der Liturgie im Kloster Zlatica nur Priester und Kirchensänger anwesend waren und keine Rede von einer „Versammlung“ sein konnte. In dem auf der Website der Eparchie veröffentlichten Video von der Liturgie in Zlatica könne man sehen, dass alle Sicherheitsvorschriften penibel eingehalten worden seien. „Wir wollen keine Spannungen vertiefen, der Palmsonntag ist ein schöner Festtag voll göttlicher Gnade, aber was sich in Podgorica ereignet hat, ist unglaublich“, stellte der Regens des Priesterseminars fest.

Das  Polizeipräsidium veröffentlichte später eine Erklärung, dass der Metropolit und die Priester nicht festgenommen, sondern zu einem „Informationsgespräch“ geführt worden seien. Der Polizei von Podgorica sei bei ihren Kontrollgängen im Hinblick auf die Einhaltung der Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie vor der Auferstehungskathedrale und vor dem Kloster von Zlatica die Präsenz einer „großen Zahl von Bürgern und Priestern“ aufgefallen. Der Metropolit und die Priester wurden nach einem langen Verhör wieder freigelassen.

In kirchlichen Kreisen in Montenegro wird das Vorgehen der Polizei gegen Metropolit Amfilohije auf dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um das von der derzeitigen Regierung zum Jahresende 2019 durchgesetzte neue „Gesetz über die Religionsfreiheit“ gesehen. Von orthodoxer Seite wird befürchtet, dass Bestimmungen dieses neuen Gesetzes dazu dienen könnten, der Kirche altehrwürdige Gotteshäuser und Klöster zu entziehen und sie einer schismatischen Gemeinschaft mit wenigen Anhängern zu übergeben. Gegen das Gesetz gab es seit Jahresbeginn alle 14 Tage jeweils an den Donnerstagen und Sonntagen Kreuzprozessionen mit zehntausenden Teilnehmenden.  Im Hinblick auf die Corona-Krise ordnete Metropolit Amfilohije in der ersten Märzhälfte aber an, dass keine Kreuzprozessionen mehr abgehalten werden sollen. Stattdessen wurde die Gebetsbewegung „Jedes Haus ist eine Kirche“ gestartet: „Radio Svetigora“ überträgt an jedem Sonntag das Glockengeläut der Kathedralen und Kirchen, dann beginnen die Familien in den Wohnungen und Häusern mit dem Gebet. Damit soll die Verteidigung der Rechte der Kirche auf die angestammten Gotteshäuser und Klöster durch das ganze Volk auch unter den Bedingungen der Corona-Pandemie fortgesetzt werden.