Montenegro: Regierung ließ orthodoxes Kloster niederreißen

Neuer Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Präsident Djukanovic und der serbisch-orthodoxen Kirche

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Foto: © Medija centar Beograd (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Podgorica, 11.06.20 (poi) Die Auseinandersetzung zwischen dem umstrittenen montenegrinischen Staatspräsidenten Milo Djukanovic und der serbisch-orthodoxen Kirchen des kleinen adriatischen Staates hat am Donnerstag einen neuen Höhepunkt erreicht: Auf behördliche Anordnung wurde das im Bau befindliche Nonnenkloster des Heiligen Vasilije (Basil) von Ostrog auf der Briska Gora beim Küstenstädtchen Ulcinj niedergerissen. Bewaffnete Polizisten verhinderten jede Annäherung an das Gelände. Erst am 9. Mai hatte der serbisch-orthodoxe Metropolit von Montenegro, Amfilohije (Radovic), die Gründungsliturgie für das neue Nonnenkloster gefeiert. In montenegrinischen Kirchenkreisen wird vermutet, dass es sich bei dem Zwischenfall auf der Briska Gora um eine „Antwort“ auf die Ankündigung des Metropoliten handelt, am Sonntag, 14. Juni, nach der corona-bedingten Unterbrechung wieder die Prozessionen im Zeichen des Widerstands gegen das umstrittene neue Religionsgesetz aufnehmen zu wollen.

Metropolit Amfilohije bezeichnete am Donnerstag bei der Feier der Göttlichen Liturgie im Kloster Ostrog (wo die Reliquien des Heiligen Vasilije verehrt werden) das Vorgehen der montenegrinischen Behörden in Ulcinj als „unerhörtes Verbrechen“. Es handle sich nicht nur um ein Verbrechen gegen die orthodoxe Kirche und das Kloster auf der Briska Gora, vielmehr gehe es um einen Ausdruck des Hasses gegen den Heiligen Vasilije (einen der Nationalheiligen Montenegros). Dieses Verbrechen habe die Regierung mit der Verhaftung von Bischof Joanikije (Micevic) von Niksic im Mai begonnen, jetzt setze sich dieses Verbrechen gegen Montenegro, sein Volk und den Heiligen Vasilije fort. Damit entziehe sich die Regierung in Podgorica dem fürbittenden Segen des Heiligen.

Seit 350 Jahren sei der Heilige Vasilije ein „Zeuge der Wahrheit Gottes“, ein Helfer gegen „Lüge und Täuschung, ‚fake news‘ und falsche Lehren“, betonte der Metropolit. Die Gestalt des Heiligen stehe für „geschwisterliche Liebe und Harmonie aller Bewohner von Montenegro, welcher Konfession sie auch angehören mögen“. Metropolit Amfilohije erinnerte an die historische Linie von der Schlacht von Grahovac (1858), als die Osmanen Montenegro vernichten wollten, über die Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkriegs bis heute. Die heutige Regierung in Podgorica bezeichnete der Metropolit als „gottlos“, sie versuche, die Zukunft des Landes „auf Lüge und nicht auf Wahrheit“ aufzubauen.

Als Kirche des jetzt behördlich zerstörten Klosters auf der Briska Gora dient ein Gotteshaus, das der Bekenner-Patriarch Gabriel V. (1881-1950) vor Jahrzehnten geweiht hatte. Gabriel V. war vor seiner Wahl zum Patriarchen 1938 Metropolit von Montenegro, er wurde als Djordje Dozic in dem montenegrinischen Städtchen (und heutigem Wintersportort) Kolasin geboren. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Gabriel von den Deutschen in das KZ Dachau verschleppt. Metropolit Amfilohije bezeichnete es am 9. Mai als ein „wunderbares Zeichen“, dass das von dem späteren Patriarchen geweihte Gotteshaus jetzt Kirche des neuen Klosters werden sollte. Gabriel V. sei während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs von den Feinden Serbiens inhaftiert gewesen, aber das Gotteshaus auf der Briska Gora sei gleichsam der „Berg Zion, auf dem der Heilige Geist auf die Apostel herabkam“. Verfolgung gehöre die ganze Geschichte hindurch zum Leben der Kirche, so der Metropolit.

Im Anschluss an die Liturgie wurde am 9. Mai der Grundstein für das neue Klostergebäude gelegt, die Nonne Olga aus dem nahe gelegenen Kloster Rustovo wurde zur ersten Äbtissin des neuen Konvents erhoben. Das Kloster Rustovo ist eines der Klöster im Gemeindegebiet von Budva, die alle auf die Initiative der Adelsfamilie Pastrovic zurückgehen; Rustovo ist mit seinen zwei Kirchen (eine ist dem Heiligen Benedikt geweiht, die andere dem letzten russischen Zaren Nikolaus II.) ein geistlicher Mittelpunkt.

Bei der Liturgie am 9. Mai war auch der 101-jährige Bogdan Peric anwesend, der als Kind an der Kirchweihe durch den späteren Patriarchen auf der Briska Gora teilgenommen hatte. Peric sagte, er könne sich an die viele Jahrzehnte zurückliegende Kirchweihe erinnern, wie wenn sie heute wäre. Und er sei Metropolit Amfilohije zutiefst dankbar, dass es ihm gelinge, so viele junge Leute für das Evangelium und die Kirche zu begeistern.

Ulcinj hat heute eine zu 70 Prozent albanische, mehrheitlich muslimische Bevölkerung. Bis zur osmanischen Eroberung 1571 war die Stadt unter dem Namen Dulcigno Teil des venezianischen Albanien. Wie in anderen Teilen der venezianischen Gebiete am östlichen Mittelmeer wurden in Dulcigno die Renaissance-Kirchen nach der osmanischen Eroberung in Moscheen verwandelt. 1880 wurde Ulcinj Montenegro zugesprochen.

Der Heilige Basilius von Ostrog (Vasilije Ostroški) ist einer der bedeutendsten aktuellen Heiligen des östlichen Mittelmeerraums (nur vergleichbar mit Padre Pio in Süditalien und Charbel Makhlouf im Libanon). Er wurde 1610 in Mrkonjici bei Popovo Polje in der Hercegovina geboren; 1671 starb er im Kloster Ostrog). Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, seine Familie hatte ein bescheidenes Auskommen, war aber sehr fromm. Schon als Jugendlicher zeichnete sich sein späterer Lebensweg ab, er ging nach Trebinje, um Mönch zu werden. Er wurde im weiteren Verlauf zum Bischof von Zahumlje erwählt. Er verstand es, sowohl mit den – von den Osmanen unterstützten – Muslimen als auch mit den Katholiken – die von der Republik Venedig unterstützt wurden –  gute Beziehungen aufrecht zu erhalten und zugleich seine Gläubigen vor den muslimischen und katholischen Missionierungsbestrebungen zu schützen. Nachdem die Osmanen das Kloster Tvrdoš vollkommen zerstört hatten, zog er in das Kloster Ostrog. Dort starb er 1671. In der Folge entwickelte sich Kloster Ostrog zu einem der meistbesuchten Wallfahrtsorte der orthodoxen Welt, wobei auch viele katholische und muslimische Pilger den Weg in das Felsenkloster finden.