Montenegro: Spannungen wegen Verhaftung von Bischof Ioanikije halten an / Montenegro: Bischof von Niksic wieder freigelassen

Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), bekundet „tiefe Beunruhigung“ über die Situation

0
71
Foto: © Predrag Bubalo (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Podgorica-Moskau, 15.05.20 (poi) In Montenegro halten die Spannungen wegen der Verhaftung des orthodoxen Bischofs Ioanikije (Micovic) und von sieben seiner Priester an. Der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), hat in einem Interview die „tiefe Beunruhigung“ der russisch-orthodoxen Kirche über die Vorgänge in der adriatischen Republik zum Ausdruck gebracht. Das Moskauer Patriarchat unterstütze den vom serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej und vom Heiligen Synod der serbischen Kirche am Mittwoch veröffentlichten Aufruf zur umgehenden Freilassung des Bischofs und seiner Priester. In Montenegro müsse zwischen den staatlichen Behörden und der orthodoxen Hierarchie ein „konstruktiver Dialog“ geführt werden. Nur ein solcher Dialog könne den inneren Frieden und die Harmonie der Gesellschaft wiederherstellen, die durch eine Reihe von „feindseligen Maßnahmen“ gegen die orthodoxe Kirche in Gefahr gebracht worden seien. Metropolit Hilarion erinnerte in diesem Zusammenhang insbesondere an das im Dezember beschlossene, „ohne Zweifel diskriminierende“ neue montenegrinische Gesetz über Religionsfreiheit.

Nach der Festnahme von Bischof Ioanikije in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ereigneten sich am Mittwoch und Donnerstag in mehreren montenegrinischen Städten Zwischenfälle. In der Hauptstadt Podgorica, in Niksic, Pljevlja, Budva und Berane kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten. Die Demonstranten verlangten die sofortige Freilassung des Bischofs und der sieben anderen Priester. Über den Hergang der Auseinandersetzungen gab es unterschiedliche Darstellungen. In Berichten der Demonstranten und auch in journalistischen Darstellungen war von exzessiver Polizeigewalt unter Einsatz von Tränengas die Rede, die Sicherheitsbehörden beriefen sich darauf, dass die Demonstranten Steine geworfen hätten. Der Regens des Priesterseminars in Cetinje, Gojko Perovic, klagte die Behörden in einer Presseaussendung der „exzessiven Gewaltanwendung“ an: „Wir fordern die Polizisten auf, ihr Gewaltverhalten gegenüber friedlichen und nicht gewalttätigen Protesten einzustellen. Es besteht der Eindruck, dass die Ungerechtigkeit jedes Maß verloren hat“.

In Niksic wurde am Mittwoch Velisa Kadic, Korrespondent der serbischen Zeitung „Vecernje Novosti“, festgenommen, als er Fotos von den Auseinandersetzungen machte. Kadic wies sich als Journalist aus, die Polizisten hätten aber Pfefferspray eingesetzt und alle Fotos auf seinem Handy gelöscht.

Vertreter der Zivilgesellschaft warnten davor, dass die Spannungen – im Zusammenhang mit den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise und den bevorstehenden Wahlkämpfen – zu ernsthafteren Auseinandersetzungen führen könnten.

Der Heilige Synod der serbisch-orthodoxen Kirche hat am Mittwoch die „Verfolgungsmaßnahmen“ gegen die Kirche in Montenegro im Zusammenhang mit der „unter dem Vorwand des Kampfes gegen das Coronavirus“ erfolgten Verhaftung von Bischof Ioanikije und sieben seiner Priester scharf verurteilt. Zugleich wurde die sofortige Freilassung des Bischofs und seiner Priester gefordert.

Die montenegrinischen Behörden wurden dringlich erinnert, die Verfolgung der Kirche einzustellen und sich entsprechend den Normen der Zivilisation zu verhalten. Diesen Normen gemäß sei die Glaubensfreiheit eines der wichtigsten Rechte jedes Menschen. Der Heilige Synod brachte seine Sorge über die Zuspitzung der Situation in Montenegro zum Ausdruck. Die Bischöfe appellierten an die serbisch-orthodoxen Gläubigen in dem adriatischen Land, auf die „Provokationen“ der Behörden nicht einzugehen, die offensichtlich einen Konflikt herbeiwünschten, um die orthodoxe Kirche und ihre Mitglieder beschuldigen zu können.

Am Mittwoch veröffentlichte auch der Diözesanrat der Eparchie von Budimlje und Niksic eine detaillierte Darstellung der Vorgänge am Dienstag aus kirchlicher Sicht. Das Fest des Heiligen Basil (Vasilije) von Ostrog sei in Niksic seit jeher überaus eindrucksvoll gefeiert worden. Seit 1996 gebe es die Prozession zu Ehren des Heiligen. Heuer habe Bischof Ioanikije – in Übereinstimmung mit Metropolit Amfilohije (Radovic) und dem Klerus – beschlossen, dass es wegen der Maßnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie nur ein Gebet in der Kathedrale, aber keine Prozession geben sollte. Als sich aber eine große Menge von Gläubigen spontan zu einer Prozession formierte, sei den Klerikern nichts anderes übrig geblieben, als dabei zu bleiben, auch um sicherzustellen, dass sich die Menschen möglichst an die räumliche Distanz halten.

„Es war ein freundliches und friedliches spirituelles Ereignis, ohne jegliche politische Anspielungen“, heißt es in der Erklärung wörtlich. Als das Gebet endete, habe die Polizei “selektiv und beleidigend“ eingegriffen. Auf diese Weise habe sich die Polizei eindeutig als „bloßes Werkzeug der politischen und ideologischen Verfolgung der Kirche“ erwiesen. Die Festnahme des Bischofs und der Priester sei weder legal noch berechtigt gewesen. Die Kirche sei nicht gegen die Durchführung der Gesundheitsmaßnahmen, sie stelle sich aber gegen eine selektive und diskriminierende Auslegung.

In der Erklärung des Diözesanrats wurde die sofortige Freilassung des Bischofs und der Priester gefordert. Die Festnahme der Kleriker habe eine „Atmosphäre der Verfolgung“ erzeugt, der Staat zeige seine Macht, heize Konflikte an und verletze die Würde der freien Bürger und Gläubigen. Ohne Freilassung des Bischofs und seiner Priester sei es nicht möglich, in das normale Leben zurückzukehren und einen Dialog mit den staatlichen Behörden zu führen.

Abschließend lud der Diözesanrat zum Gebet um Einheit und Versöhnung „und zur Abwehr aller Viren“ ein, „vor allem des schlimmsten Virus des Gottes- und Bruderhasses“. Wahrheit und Gerechtigkeit seien auf der Seite des Volkes, das sich um Christus und seine heilige Kirche sammle.

 

Fürbittgebet für die orthodoxe Kirche in Montenegro in der Krypta der St. Sava-Kathedrale in Belgrad

Podgorica-Belgrad, 16.05.20 (poi) Der serbisch-orthodoxe Bischof Joanikije (Micovic), der am Dienstag zusammen mit sieben seiner Priester in seiner montenegrinischen Bischofsstadt Niksic verhaftet worden war, ist am Freitag wieder freigelassen worden. Die Verhaftung des Bischofs und der Priester wegen angeblicher Verletzung der gesundheitspolizeilichen Vorschriften zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie hatte in Montenegro zu einer Vertiefung der latenten Spannungen zwischen der serbisch-orthodoxen Kirche und der Regierung in Podgorica geführt. Tagelang kam es in verschiedenen Städten der Adria-Republik zu Demonstrationen, in denen die Freilassung des Bischofs gefordert wurde. Die Kirche in Montenegro stellte klar, dass der Bischof nicht zu einer Prozession zu Ehren des Heiligen Vasilije (Basil) von Ostrog eingeladen hatte, vielmehr hätten sich die Gläubigen spontan zu der Prozession versammelt. In Niksic versammelten sich am Freitag hunderte Menschen, als der Bischof und die Priester freigelassen wurden. Bischof Ioanikije kritisierte in seiner kurzen Ansprache die Regierung scharf. Deren Maßnahmen hätten gegen die Verfassung verstoßen. Zugleich lobte er die Polizisten, die sich während seiner Haft ihm gegenüber „mehr als korrekt“ verhalten hätten.

Am Donnerstag hatte mit dem Segen von Patriarch Irinej in der Krypta der St. Sava-Kathedrale in Belgrad ein Fürbittgebet („moleben“) für die „Bischöfe, den Klerus und das ganze Gottesvolk“ der serbisch-orthodoxen Kirche in Montenegro stattgefunden. Das Fürbittgebet wurde von Bischof Stefan (Saric) von Remesiana, Vikar des Patriarchen, geleitet.