Montenegro: Wahlgewinner wollen umstrittenes Religionsgesetz kippen

Serbisch-orthodoxer Patriarch Irinej ist „sehr glücklich“ über den Ausgang der Wahl in der adriatischen Republik – Präsident Djukanovic unterschätzte Kraft der serbisch-orthodoxen Kirche

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Foto: © Sailko (Quelle: Wikimedia; Lizenz:Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Podgorica, 02.09.20 (poi) Der montenegrinische Präsident Milo Djukanovic, einstiger titokommunistischer Funktionär und seit 30 Jahren führender Politiker der adriatischen Republik, dürfte die Kraft der orthodoxen Kirche in seinem Land unterschätzt haben. Der Ausgang der Parlamentswahl am Sonntag ermöglicht der Opposition die Regierungsbildung, wenn die vorläufigen Ergebnisse halten. Der Leader der Oppositionskoalition „Für die Zukunft Montenegros“, Zdravko Krivokapic, eilte noch am Sonntagabend in die neue Auferstehungskathedrale in Podgorica, um Gott zu danken und den montenegrinischen Metropoliten Amfilohije (Radovic) zu informieren. Krivokapic kündigte als erste Maßnahme nach der Regierungsbildung die Aufhebung des umstrittenen Religionsgesetzes an, das darauf abgezielt habe, der orthodoxen Kirche ihr Eigentum an historischen Kirchen und Klöstern zu entziehen. Die orthodoxe Kirche hatte dem Gesetz massiven Widerstand entgegengesetzt, bis zum Beginn der Corona-Pandemie durch eindrucksvolle Kreuzprozessionen mit zigtausenden Teilnehmern, danach durch innovative Formen des Widerstands wie Bootsprozessionen im offenen Meer. Krivokapic sagte, für ihn sei der 82-jährige Metropolit, der im Widerstand gegen das umstrittene Religionsgesetz an vorderster Front stand, „ein Symbol Montenegros“. Der Politiker betonte, er sei überzeugt, dass Montenegro „Frieden und Ruhe“ brauche, die christliche Nächstenliebe, die „in jedem Menschen den Bruder, die Schwester sieht“, werde obsiegen. Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej betonte am Dienstag, er sei „sehr glücklich“ über den Ausgang der montenegrinischen Wahlen. Es freue ihn, dass die neuen tonangebenden Politiker in der adriatischen Republik einen „umfassenderen Blick auf die Probleme“ hätten: „Sie werden die richtigen Wege finden, um die Probleme des Landes zu lösen, Montenegro wird auf den Weg zurückfinden, auf dem es sein soll“.

Die sogenannte demokratisch-sozialistische Partei von Djukanovic erreichte nach 30 Jahren ununterbrochener Machtausübung nicht mehr die Mehrheit der Sitze im Parlament. Mit 35,06 Prozent der Stimmen gewann sie nur 30 der 81 Sitze im Parlament der kleinen Republik. Die Oppositionskoalition „Für die Zukunft Montenegros“ erzielte mit 32,55 Prozent der Stimmen 27 Sitze. Die Liste „Frieden ist unsere Nation“ (die vermutlich mit der Oppositionskoalition zusammengehen wird) wählten 12,53 Prozent, was für zehn Sitze reichte, für die Grünen von „Ura“ entschieden sich 5,53 Prozent (vier Sitze). Die Gegner von Djukanovic erreichen miteinander die notwendige Mehrheit von 41 Sitzen. Im Wahlkampf spielte die Frage des Religionsgesetzes eine zentrale Rolle. Mit 75 Prozent war die Wahlbeteiligung für balkanische Verhältnisse ungewöhnlich hoch.

Der einstige Titokommunist Djukanovic hatte Montenegro einen „West-Kurs“ auferlegt, 2006 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung, 2017 der Eintritt in die NATO. In Washington wurde Djukanovic als ein wichtiger „Verbündeter“ im Ringen um die „atlantische“ Einbeziehung der Balkanregion geschätzt. Djukanovic, der aus einer agnostischen Familie stammt, hatte im Wahlkampf die untere „laizistische Lade“ aufgemacht und erklärt, die Wählerinnen und Wähler müssten sich entscheiden zwischen dem „mittelalterlichen Denken der serbisch-orthodoxen Kirche“ und seinem „europäisch-fortschrittlichen Konzept“. In Verkennung der Realitäten – und möglicherweise auf ausländische Ratgeber vertrauend – hatte sich Djukanovic in den letzten Jahren auch darauf eingelassen, als „Gegengewicht“ zur serbisch-orthodoxen Kirche eine sektiererische Gruppe – die sogenannte, von der Weltorthodoxie nicht anerkannte „montenegrinisch-orthodoxe Kirche“ mit zweifelhaften Führungspersönlichkeiten, zu fördern.

Die Djukanovic-Politik gegen die orthodoxe Kirche war umso weniger verständlich, als die jüngere Geschichte des Landes nur aus der engen Verzahnung von Staat und orthodoxer Kirche verständlich ist. Das Osmanische Reich, das seit dem 15. Jahrhundert den größten Teil der Balkanhalbinsel beherrscht hatte, begnügte sich in Montenegro mit der Kontrolle über die Küstenorte sowie die Gebiete von Grahovo und Nikšić. Das Kerngebiet des heutigen Montenegro, die Zeta, durch unwirtliche Karstnatur sowie das Fehlen strategischer größerer Siedlungen gekennzeichnet, wurde politisch nie gänzlich beherrscht. So blieb in Montenegro ein Kern serbischer Eigenstaatlichkeit erhalten.

Nach 1528 standen die orthodoxen Bischöfe von Cetinje an der Spitze des Gemeinwesens, was 1603 auch vom Sultan anerkannt wurde. Ab 1697 war das Amt des Fürst-Bischofs in der Familie Petrović-Njegosch erblich. Es wurde in orientalischer Weise stets vom Onkel an den Neffen weitergegeben. Diese Onkel-Neffe-Nachfolge der Petrović überdauerte sogar die Abschaffung des geistlichen Fürstentums im Jahre 1852, da der erste weltliche Fürst aus dem Hause Petrović, Danilo I., kinderlos blieb und 1860 daher mit Nikola I. ebenfalls einen Neffen als Nachfolger erhielt. Nikolaus I. (1860–1918) führte die Modernisierungspolitik seiner Vorgänger geschmeidiger und erfolgreicher weiter. Er versuchte, sein Land aus der Abhängigkeit von Österreich zu befreien, dazu band sich das Fürstentum an Russland. Verbindungen gab es schon seit der Zeit Peters des Großen.

Beim Berliner Kongress wurde 1878 die im Frieden von Santo Stefano vereinbarte Unabhängigkeit Montenegros von den europäischen Großmächten anerkannt, und das Land bekam den Hafen Bar (Antivari) zugesprochen. Montenegro hatte erstmals eigenen Zugang zum Meer. In der Folgezeit konnten die Montenegriner ihr Staatsgebiet bis 1913 verdoppeln. Das Land erhielt ein an ausländischen Vorbildern orientiertes Gesetzbuch, baute eine moderne Bürokratie auf, an deren Spitze 1879 erstmals ein Regierungskabinett unter einem „Ministerpräsidenten“ trat, und im Militärbereich wurde neben den traditionellen Freiwilligenverbänden eine kleine, von Russland geschulte und finanzierte Armee aufgebaut.

Nach 1900 verschlechterte sich die innen-, aber auch die außenpolitische Lage des Fürstentums Montenegro. Die „südslawische“ Einheitsidee, die bisher Fürst Nikolaus für sich als Vertreter der ältesten Balkan-Dynastie zu reklamieren versucht hatte, ging sehr schnell an den ökonomisch und militärisch potenteren Nachbarstaat Serbien über. Nikolaus I. gelang es aber, seine Herrschaft nochmals zu stabilisieren: 1910 ließ er sich vom Parlament anlässlich seines 50. Regierungsjubiläums vom Fürsten zum König von Montenegro befördern – nicht zuletzt, um damit im Rang mit seinem serbischen Konkurrenten gleichzuziehen. Außenpolitisch lehnte sich das kleine Königreich an Russland und Italien an. Nach den Balkankriegen, die 1912 von Montenegro ausgingen, sah sich das Königreich im Frühjahr 1914 – sowohl unter russischem als auch unter innenpolitischem Druck – gezwungen, mit Serbien über die Errichtung eines gemeinsamen Bundesstaates zu verhandeln. Nur der plötzliche Beginn des Ersten Weltkrieges zerschlug diese Einigungspläne.

Im August 1914 trat Montenegro in den Ersten Weltkrieg auf der Seite Serbiens ein. Die Österreicher und Ungarn besetzten das kleine Land. König und Regierung flohen ins Exil (zunächst nach Italien, dann nach Frankreich). Sie sollten auch nach der Niederlage der Mittelmächte nicht mehr zurückkehren. Montenegro verlor im Weltkrieg 20.000 Soldaten, das waren 40 Prozent aller Mobilisierten. Bei der Nationalversammlung 1918 stimmten 70 Prozent der Abgeordneten für die Vereinigung mit einem gemeinsamen südslawischen Staat. Im Zweiten Weltkrieg wurde Montenegro von Italien besetzt, die Gattin des italienischen Königs Viktor Emmanuel III., Königin Elena, war eine Tochter von König Nikolaus (für die fromme Königin ist ein katholischer Seligsprechungsprozess im Gang). Italien proklamierte ein unabhängiges Montenegro unter der traditionellen Dynastie. Tatsächlich amtierte aber nur ein von Rom gesteuertes „Nationalkomitee“ unter Blazo Djukanovic. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch in Montenegro die titokommunistische Ordnung eingeführt.

1992 verblieb Montenegro – nach dem Austritt Kroatiens und Sloweniens aus dem föderativen Jugoslawien – im Verband mit Serbien. Nach den Jugoslawienkriegen in den 1990er-Jahren wuchsen die Differenzen zwischen Montenegro und Serbien, weil viele in Montenegro die Isolation und die Last des Krieges nicht mehr mittragen wollten. Im Zuge der NATO-Angriffe auf Serbien im Kosovokrieg wurde Montenegro von den Angriffsstrategien der westlichen Allianz zwar offiziell ausgeklammert, de facto kam es aber zum Bombardement montenegrinischer Städte. Angesichts der Krise, in der Serbien nicht zuletzt durch den Kosovokrieg war, trachtete die Djukanovic-Regierung danach, die Verbindung mit Serbien zu lösen. In einer am 21. Mai 2006 erfolgten Volksabstimmung zur Unabhängigkeit und damit über den weiteren Status der Union mit Serbien, votierten 55,5 Prozent der Wahlberechtigten für deren Auflösung und somit für die Unabhängigkeit Montenegros. Mit der Unabhängigkeitserklärung des montenegrinischen Parlaments am 3. Juni 2006 wurde diese formal vollzogen.