Moskau: Demonstranten suchten Zuflucht in einer orthodoxen Kirche

Die Priester der Kosmas-und-Damian-Kirche am Stoleschnikow Pereulok sind Schüler des legendären „geistlichen Vaters“ der Dissidenten, Alexander Men

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Foto: © A. Savin (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic)

Moskau, 29.07.19 (poi)   Im Zug der Auseinandersetzungen mit Bereitschaftspolizisten im Bereich des Moskauer Rathauses an der Twerskaja ulitsa  am Samstag  haben rund 100 meist jugendliche  Demonstranten in der orthodoxen Kosmas-und-Damian-Kirche am unweit gelegenen Stoleschnikow Pereulok Zuflucht gesucht,  was journalistische Aufmerksamkeit auslöste.  Die Priester der Kosmas-und-Damian-Kirche sind alle Schüler des 1990 ermordeten Theologen und „geistlichen Vaters“ der Dissidenten, Aleksander Men.  Einer von ihnen ist Ioann Guaita, der aus Sardinien stammt und als junger „Focolarino“ in den späten 1980er-Jahren nach Moskau kam, wo er P. Men kennenlernte und fasziniert war – so sehr, dass er zur orthodoxen Kirche konvertierte und Priester des Moskauer Patriarchats wurde. P. Guaita, Slawist und Historiker, spricht russisch wie ein Russe, zugleich ist er ein Zeuge der althergebrachten gegenseitigen russisch-italienischen Sympathie.

Im Gespräch mit Journalisten sagte P. Guaita, die Kosmas-und-Damian-Kirche sei am Samstag „wie alle Tage“ offen für alle gewesen: „Alle aufzunehmen, ist unsere Pflicht, deshalb sind wir Kirche, das ist nichts  Besonderes“.  Dass die jungen Leute gerade in der Kosmas-und-Damian-Kirche Zuflucht gesucht hätten, habe auch „geographische Gründe“, weil der Stoleschnikow Pereulok einfach die nächste Fußgängerzone zur Twerskaja ulitsa sei. Wörtlich stellte der Priester weiter fest: „Wir haben sie alle herzlich aufgenommen, ganz unabhängig von ihren politischen Ideen. Dann habe ich dazu eingeladen, dass wir gemeinsam um Frieden und die ‚Besänftigung der zornigen Herzen‘ beten. Alle haben mit großem Interesse und freudig am Gebet teilgenommen“. Es sei ein „Glück“, dass es eine „so aktive und sensible Jugend“ gebe, fügte P. Guaita hinzu: „Es ist gut, wenn die Leute wissen, was sie wollen und bereit sind, für das einzutreten, was ihnen am Herzen liegt“. Als sich die Situation auf der Straße beruhigt hatte,  verließen viele der jungen Leute wieder das Gotteshaus. Aber eine größere Gruppe blieb und betete und diskutierte weiter mit P. Guaita.

Zu den Demonstrationen war es gekommen, weil bei den bevorstehenden Moskauer Gemeinderatswahlen viele Oppositionskandidaten nicht antreten können.