Moskauer Patriarch appelliert an die Weltorthodoxie, die neue Kirche in der Ukraine nicht anzuerkennen

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Foto: © Patriarchate of Moscow (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Moskau, 21.12.18 (poi) Der kanonischen Orthodoxie wurde in der Ukraine und in der ganzen Welt eine „tiefe Wunde“ zugefügt, betont der Moskauer Patriarch Kyrill I. in einem Schreiben an die Oberhäupter aller autokephalen orthodoxen Kirchen (mit Ausnahme des Patriarchats von Konstantinopel). In dem Schreiben legt der Patriarch seine Sicht der Dinge im Hinblick auf das sogenannte „Vereinigungskonzil“ in Kiew am 15. Dezember dar. Die „Vereinigung“ sei in Wahrheit ein Zusammenschluss zwischen zwei schismatischen religiösen Organisationen gewesen, dem sogenannten „Kiewer Patriarchat“ und der sogenannten „Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“. In dem Brief appelliert Kyrill I. an die Oberhäupter der autokephalen Kirchen und deren Gläubige, die neuetablierten „pseudokirchlichen Strukturen“ in der Ukraine nicht anzuerkennen und nicht in eucharistische Gemeinschaft mit ihnen zu treten. Wörtlich fügte er hinzu: „Ich bitte um das Gebet für die verfolgte ukrainisch-orthodoxe Kirche, für unsere leidenden Brüder und Schwestern, die wegen ihrer Treue zur Orthodoxie der Schmähung und Erniedrigung ausgesetzt sind“.

Die weltweit anerkannte orthodoxe Kirche der Ukraine unter der Leitung von Metropolit Onufrij von Kiew habe sich (in Übereinstimmung mit einem Beschluss ihres Heiligen Synods vom 7. Dezember) geweigert, am „Vereinigungskonzil“ teilzunehmen, weil sie dieses als „ungesetzliche Versammlung“ angesehen habe. Auf die Bischöfe der kanonischen Kirche sei „ungeheurer Druck“ ausgeübt worden, betonte Patriarch Kyrill. Aber von den 90 Bischöfen der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche hätten nur zwei an dem „Pseudokonzil“ teilgenommen. Wegen Abfall ins Schisma und Verletzung ihres Bischofseides seien die beiden Bischöfe umgehend des Amtes enthoben und suspendiert worden.

 

Das Ziel der Zwangsumbenennung

Der Autokephalie-Vorgang in der Ukraine sei von Staatspräsident Petro Poroschenko in Szene gesetzt worden, der seine eigenen politischen Ziele verfolge, unterstrich der Moskauer Patriarch. Das „Vereinigungskonzil“ habe die Tatsache der „offenen Einmischung der Staatsmacht in das kirchliche Leben“ bestätigt. Poroschenko habe nicht nur am „Konzil“ teilgenommen, er sei auch im Präsidium gesessen. Ebenfalls anwesend sei der Vorsitzende der Werchowna Rada, Andriy Parubiy, gewesen, ein „griechisch-katholischer Christ“, der zwei Tage später angekündigt habe, dass jetzt das neue Gesetz über die Zwangsumbenennung der ukrainisch-orthodoxen Kirche zur Verabschiedung anstehe. Das Ziel dieser Umbenennung sei es, eine Neuregistrierung aller Pfarrgemeinden, Klöster usw. durchzuführen und auf diese Weise die Dokumente ungültig zu machen, die derzeit die Rechte der ukrainisch-orthodoxen Kirche auf Gotteshäuser und andere kirchliche Immobilien verbriefen.

Es habe ihn zutiefst gekränkt, dass unter den Teilnehmern der „kirchenfeindlichen Versammlung“ in der Kiewer Hagia Sophia auch Repräsentanten des Patriarchats von Konstantinopel waren, die auf diese Weise die Heiligen Kanones missachtet und die kirchlichen Regeln verletzt hätten, stellte Kyrill I. fest. Der Pariser Metropolit Emmanuel (Adamakis) habe den Vorsitz beim „Konzil“ geführt, zu seiner Rechten Petro Poroschenko, der bei den Griechisch-Katholischen zur Kommunion gegangen sei, und auf der Linken die beiden exkommunizierten Bischöfe Filaret (Denisenko) und Makarij (Maletytsch), der noch dazu nicht in der apostolischen Sukzession stehe. Das Ergebnis der „ungesetzlichen Versammlung“ sei die Wahl von Sergej (Dumenko) zum Primas der sogenannten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ gewesen. Sergej (Dumenko) sei ein „Bischof“ des sogenannten „Kiewer Patriarchats“, der alle seine „Weihen“ aus der Hand des „laisierten und exkommunizierten“ Filaret (Denisenko) empfangen habe. Der neugewählte „Primas“ habe sich daher auch beeilt, öffentlich zu erklären, dass Filaret lebenslang den Titel eines „emeritierten Patriarchen“ behalten werde.

Die ukrainischen Behörden und die Kirche von Konstantinopel versuchten, den „Frevel an Recht und Gerechtigkeit“ als Vereinigung der ukrainischen Orthodoxie zu präsentieren, bedauerte der Moskauer Patriarch in den Schreiben an die Oberhäupter der autokephalen Kirchen. Es habe aber keine Vereinigung stattgefunden. Die Schismatiker seien nach wie vor außerhalb der Kirche. Auch wenn sich die beiden schismatischen Gruppierungen zusammengeschlossen hätten, seien sie nach wie vor eine Minderheit innerhalb der ukrainischen Orthodoxie. Die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche habe mehr als 12.300 Pfarrgemeinden (mehr als doppelt so viele als die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“), rund 10.500 Priester, 211 Klöster und 4.700 Mönche. Die kanonische Kirche habe sich bei ihrer Bischofsversammlung am 13. November einmütig für die Beibehaltung ihres autonomen („sich selbst verwaltenden“) Status innerhalb des Moskauer Patriarchats ausgesprochen, um die jahrhundertealte Einheit mit der russischen Kirche aufrechtzuerhalten.

Trotz ihrer Vereinigung hätten die Schismatiker den wichtigsten Schritt nicht getan, nämlich Reue und Leid über ihre Sünde des Schismas zu erwecken und in die Kirche zurückzukehren, von der sie abgefallen waren, betonte Kyrill I. Was derzeit stattfinde, sei nichts anderes als die „Legalisierung“ des Schismas unter der Verkleidung der „Autokephalie“. Der Moskauer Patriarch stellte wörtlich fest: „Es sind genau diese Schritte, von denen Seine Heiligkeit Patriarch Bartholomaios bei der Synaxis im Jänner 2016 in Chambesy angesichts der Oberhäupter aller orthodoxen autokephalen Kirchen versprach, sie weder vor noch nach dem Konzil von Kreta setzen zu wollen“. Der jetzt vollzogene Wortbruch habe zu einer Tragödie in der orthodoxen Welt geführt. Die ungesetzliche Aktion vom 15. Dezember bedeute, dass 90 Bischöfe, mehr als 10.000 Priester und Dutzende Millionen von orthodoxen Gläubigen der kanonischen Kirche in der ganzen Ukraine für die Kirche von Konstantinopel nicht mehr existieren, einfach weil sie sich dem Autokephalie-Projekt verweigert haben, das ihnen aufgedrängt werden sollte.

Bereits am Tag nach dem „Vereinigungskonzil“ habe Patriarch Bartholomaios I. die Wahl des „Primas“ der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ anerkannt. Bei der Göttlichen Liturgie in der Georgskathedrale im Phanar sei der Name des „Primas“ bereits in den „Diptychen“ (der Ehrenliste der Oberhäupter der autokephalen Kirchen) genannt worden. Am selben Tag habe Filaret Denisenko in der Kiewer Kathedrale St. Wladimir erklärt, dass er die neue Orthodoxe Kirche in der Ukraine gemeinsam mit dem neugewählten „Primas“ leiten werde, solange er lebe. Patriarch Kyrill stellte in seinem Schreiben an die Oberhäupter der anderen autokephalen Kirchen fest, in der Ukraine könne man Augenzeuge sein, wie der „ungesetzliche Eingriff in das innere Leben der Kirche“ zu einer Vertiefung der Spaltung und einer Verschlimmerung des Schismas geführt habe.

Der Moskauer Patriarch erinnerte an den Parallelfall des Schismas in der bulgarisch-orthodoxen Kirche nach dem Fall des Kommunismus in den 1990er-Jahren. Auch damals hätten – wie in der Ukraine – die neuen Regierungsbehörden die Aktivitäten der Schismatiker aktiv unterstützt. Der bedeutendste Schritt zur Wiederherstellung der Einheit der Ortskirche sei das panorthodoxe Konzil in Sofia gewesen, auf dessen Einberufung das Moskauer Patriarchat gedrungen habe. Patriarch Bartholomaios sei damals für die „Legalisierung des Schismas“ und den freiwilligen Rücktritt des rechtmäßigen Patriarchen Maxim eingetreten, die Gesamtorthodoxie habe aber die Rechte der kanonischen Kirche und ihres Ersthierarchen verteidigt und damit die kanonische Grundlage für die Überwindung des Schismas geschaffen.

In diesem Zusammenhang stellte Kyrill I. fest, es sei erstaunlich, dass jetzt „die Stimme der kanonischen Kirche in der Ukraine mit ihren Millionen von Gläubigen nicht gehört wird“. Er fügte hinzu: „Es ist meine feste Überzeugung, dass das, was in diesen Tagen in der Ukraine vor sich geht, nicht ein Interessenkonflikt zwischen den Patriarchaten von Moskau und von Konstantinopel ist, wie das manche Leute darstellen wollen, sondern etwas viel Gefährlicheres: Eine tiefe Abweichung des Primas und der Hierarchen der Allheiligen Kirche von Konstantinopel von der orthodoxen kanonischen Tradition und der Ekklesiologie der Kirchenväter. Es kommt der Zeitpunkt, da es nicht länger möglich sein wird, zu schweigen, weil das, was sich vor unseren Augen abspielt, eine Herausforderung für die ganze orthodoxe Welt ist. Es gibt keinen Zweifel, dass das ukrainische Szenario in Zukunft im Hinblick auf jede andere Ortskirche in Gang gesetzt werden kann“. Der Moskauer Patriarch ersuchte alle Oberhäupter der autokephalen orthodoxen Kirchen die Ergebnisse der „ungesetzlichen Versammlung der Schismatiker in Kiew“ nicht anzuerkennen und ihre Stimme zu erheben, um „alles in ihrer Macht stehende zu tun, damit die für die Orthodoxie zerstörerischen Aktionen gestoppt werden“.

 

„Schmerz“ über die „Mutterkirche“

Bei der traditionellen Dezemberversammlung der Moskauer Eparchie sagte Patriarch Kyrill, es sei für ihn sehr schmerzlich, über die ukrainischen Vorgänge zu sprechen, weil sie die führenden Persönlichkeiten jener Kirche (Konstantinopel) betreffen, „die unsere Mutterkirche war“. Es gehe um Personen, die er so oft getroffen habe, mit denen er gebetet und nach dem „gemeinsamen Verständnis dessen, was der Einheit dient“, gesucht habe. Die russisch-orthodoxe Kirche habe keine andere Möglichkeit gehabt, als die Beziehungen mit dem Patriarchat von Konstantinopel abzubrechen, nachdem dieses die Ukraine zu seinem „kanonischen Territorium“ erklärt habe und in eucharistische Gemeinschaft mit den dort bestehenden unkanonischen Strukturen getreten sei. Eucharistische Gemeinschaft („communio“) spiegle die Einheit einer Kommunität, die um „den einen Kelch“ versammelt sei: „Aber wenn es keine Einheit gibt, was wird dann aus dem Sakrament kirchlicher Einheit, der Kommunion? Wenn es keine Einheit gibt, wie ist es dann möglich, gemeinsam zu dienen? Eine solche Profanierung darf nicht erlaubt sein“.

In seinem Jahresbericht legte Patriarch Kyrill die Situation der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche dar, wo der Druck auf Klerus und Volk ständig steige, weil man sich nicht an den „antikanonischen Initiativen von politischen Intriganten und Schismatikern“ beteiligen wolle. Die höchsten Repräsentanten des ukrainischen Staates hätten jetzt öffentlich erklärt, dass die Anhänger der kanonischen Kirche der Ukraine „Fremde“ seien, die in ihrer Heimat keinen Platz hätten. Dabei gehe es um Millionen von ukrainischen Bürgern. Leider hätten sich der Heilige Synod des Patriarchats von Konstantinopel und der Patriarch „auf die Seite der Verfolger“ gestellt.

 

„Es war nicht das erste Mal“

Patriarch Kyrill erinnerte bei der Eparchialversammlung daran, dass genau zum Zeitpunkt der 1.030-Jahr-Feiern der „Taufe der Rus“ Repräsentanten der orthodoxen Ortskirchen nach Moskau und Kiew gekommen seien, „um mit uns zu beten“, während die Abgesandten aus Konstantinopel „mit anderem beschäftigt waren: sie verhandelten mit Politikern und Leuten, die der orthodoxen Kirche fremd sind“. Dann sei es Schlag auf Schlag gegangen, zunächst mit der unter Verletzung der Kanones erfolgenden Ernennung der „Exarchen“ Konstantinopels in Kiew, dann mit der Rehabilitierung der schismatischen Bischöfe, der Aufnahme der eucharistischen Gemeinschaft mit den von diesen Bischöfen geleiteten Gruppierungen, der Rücknahme des Synodalbriefes von 1686 über den Transfer der Kiewer Metropolie an das Moskauer Patriarchat. Und während der Heilige Synod von Konstantinopel im letzten Punkt seiner Erklärung vom 11. Oktober heuchlerisch an alle Beteiligten appelliert habe, die „Besitzergreifung von Kirchen, Klöstern und anderen Besitztümern“ wie auch „alle Akte von Gewalt und Vergeltung“ zu vermeiden, sei der Druck auf Bischöfe, Klerus, Mönche und Laienschaft der ukrainisch-orthodoxen Kirche gestiegen, die nicht in die „antikanonischen Initiativen von politischen Intriganten und Schismatikern“ einbezogen werden wollten.

Leider zwinge die Wahrheit dazu, daran zu erinnern, dass das, was jetzt in der Ukraine geschehe, nicht das erste Mal sei, sagte Patriarch Kyrill. Man müsse an die 1920er und 1930er Jahre, an die Zeit des Heiligen Moskauer Patriarchen Tichon, erinnern. Die russisch-orthodoxe Kirche sei damals durch die atheistischen Kommunisten der härtesten Verfolgung ausgesetzt gewesen, aber Konstantinopel habe alles getan, was es konnte, um aus dem Leib der russischen Kirche jene Gebiete herauszureißen, wo der Phanar Zugang hatte: Polen, Finnland, Estland, Lettland. Der damalige Patriarch von Konstantinopel, Gregorios VII., habe den Heiligen Tichon bedrängt, damit dieser um des „Friedens“ der Kirche willen auf den Patriarchenthron verzichte, für den Triumph jener „Liebe“, von dem auch der heutige Nachfolger von Patriarch Gregorios spreche.

In der heutigen Situation müsse die Kirche ihre Kraft im Gebet finden, betonte der Moskauer Patriarch bei der Eparchialversammlung. Schon im September habe der Moskauer Heilige Synod zu besonderen Gebeten für die Einheit der Orthodoxie aufgerufen. Dieser Aufruf zum inbrünstigen Gebet für die Einheit der heiligen Kirchen Gottes, für den Frieden der ukrainisch-orthodoxen Kirche gelte allen, Bischöfen, Klerikern, Mönchen, Laien. Der Patriarch lud die Versammelten ein, die Fürbitte des heilig gesprochenen Märtyrers und Metropoliten von Kiew, Wladimir (Bogojawlenskij), anzurufen. Der Metropolit wurde vor 100 Jahren – 1918 – von den Bolschewiken ermordet, als erster einer langen Reihe von Bischöfen.