Moskauer Patriarch ersucht Papst Franziskus und andere Führungspersönlichkeiten um Schutz für die ukrainisch-orthodoxe Kirche

Kyrill I. bedauert, dass sich die staatliche Einmischung in kirchliche Angelegenheiten in der Ukraine zu „himmelschreiendem Druck auf Episkopat und Klerus“ ausgeweitet hat – Zugriff auf die beiden wichtigsten orthodoxen Heiligtümer des Landes – Kiewer Höhlenkloster und Lawra von Potschajew – befürchtet – Patriarch prangert Aktionen der ukrainischen Staatssicherheit an

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Foto: © Folkerman (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Moskau, 14.12.18 (poi) Der Moskauer Patriarch Kyrill I. hat am Tag vor dem Kiewer „Vereinigungskonzil“ in Briefen an kirchliche und politische Führungspersönlichkeiten in aller Welt auf die „großflächige Verletzung der Rechte und Freiheiten der Bischöfe, des Klerus und der Laienschaft der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ aufmerksam gemacht. Kyrill I. appellierte an die Empfänger der Briefe – unter ihnen Papst Franziskus, der anglikanische Primas Justin Welby, UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der französische Präsident Emmanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel – , alle Anstrengungen zu unternehmen, um Bischöfe, Priester und Laien der ukrainisch-orthodoxen Kirche vor Diskriminierung durch die ukrainischen Behörden zu schützen und die vom internationalen Recht garantierte Gewissens- und Religionsfreiheit zu schützen. In letzter Zeit habe sich die Einmischung von Führungspersönlichkeiten des säkularen ukrainischen Staates in kirchliche Angelegenheiten zu „himmelschreiendem Druck auf Episkopat und Klerus der ukrainisch-orthodoxen Kirche“ ausgeweitet, sodass man vom Beginn einer breitflächigen Verfolgung sprechen könne. Der Druck habe sich gesteigert, nachdem sich der ukrainisch-orthodoxe Episkopat der Teilnahme an dem von der ukrainischen Staatsführung geförderten „Vereinigungskonzil“ verweigert habe. Bei diesem Konzil solle die ukrainisch-orthodoxe Kirche – „die größte des Landes mit 13.000 Pfarrgemeinden, mehr als 200 Klöstern und Millionen von Gläubigen“ – durch eine neue religiöse Organisation ersetzt werden, die Präsident Petro Poroschenko in Zusammenarbeit mit Patriarch Bartholomaios I. schaffen wolle. Man müsse leider feststellen, dass die ukrainischen Regierungsbehörden sich in das kirchliche Leben einmischen und die fundamentalen Menschenrechte verletzen. Es werde offensichtlich der Versuch gemacht, kirchliche Fragen zu politischen Zwecken im Hinblick auf die 2019 bevorstehenden ukrainischen Präsidentschaftswahlen zu benutzen.

Patriarch Kyrill I. zählt in seinen Briefen detailliert Vorfälle aus jüngster Zeit auf, mit denen versucht wurde, eine Teilnahme der ukrainisch-orthodoxen Bischöfe am „Vereinigungskonzil“ zu erzwingen – „in flagranter Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten der ukrainischen Bürger“. So seien Bischöfe zu „Unterredungen“ mit Funktionären der ukrainischen Staatssicherheit „eingeladen“ worden, es habe Schwierigkeiten bei der Einreise in die Ukraine nach Auslandsaufenthalten gegeben, unter verschiedenen Vorwänden seien demütigende Durchsuchungen vorgenommen worden. Von gesamtstaatlichen und regionalen Behörden würden Versuche unternommen, der ukrainisch-orthodoxen Kirche ihr gesetzliches Recht zur Nutzung des Kiewer Höhlenklosters und der Marien-Lawra in Potschajew – der beiden wichtigsten orthodoxen Heiligtümer der Ukraine – zu entziehen. So habe das Justizministerium am 23. November das Recht der Mönchsgemeinschaft zur Nutzung des Gebäudekomplexes der Lawra von Potschajew in Frage gestellt, fünf Tage später habe der Ministerrat eine Instruktion von 2003 aufgehoben, mit der die Lawra aus dem Bereich des staatlichen historisch-architektonischen Schutzgebiets von Potschajew ausgenommen wurde. Beamte des Schutzgebiets hätten dargelegt, dass das berühmte Kloster „einer anderen religiösen Organisation“ übergeben werden könnte. Am 5. Dezember hätten dann Mitarbeiter der Administration des Schutzgebiets eine Inspektion der kirchlichen Wertgegenstände in der Lawra durchgeführt. Auch im Kiewer Höhlenkloster habe das Kulturministerium am 28. November „zum ersten Mal in 30 Jahren“ eine Inspektion der kirchlichen Kulturgüter angeordnet.

Bischöfe und Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirche würden in der Ukraine völlig grundlos des „Hochverrats“ und der „Aufhetzung zum religiösen Hass“ beschuldigt, prangert der Moskauer Patriarch an. Funktionäre der ukrainischen Staatssicherheit hätten in bischöflichen Residenzen, kirchlichen Verwaltungsgebäuden, aber auch in Gotteshäusern und Priesterwohnungen umfangreiche Hausdurchsuchungen durchgeführt. Am 1. Dezember seien 20 Priester der Eparchien Rowno und Sarny von der Staatssicherheit zu Verhören vorgeladen worden. Am 3. Dezember hätten sich Staatssicherheitsdienstler in Schytomir und anderen Städten Zugang zu Kathedralen und kirchlichen Büros verschafft.

In den von der Kiewer Regierung kontrollierten Medien würden persönliche Daten von Bischöfen und Priestern der ukrainisch-orthodoxen Kirche publiziert, bedauert Kyrill I. Er nennt dabei insbesondere die Website „Myrotworets“, der ein inniges Verhältnis zu hochrangigen Funktionären des ukrainischen Innenministeriums zugeschrieben werde. Diese Website habe auch bereits persönliche Daten von ausländischen Journalisten publiziert, die daraufhin Drohungen, Anfeindungen und körperlichen Angriffen ausgesetzt waren.

Der Moskauer Patriarch verweist in seinen Briefen auch auf die öffentlichen Angriffe von Regierungsfunktionären auf die ukrainisch-orthodoxe Kirche. So habe Zoryan Schkiryak, ein Berater des Innenministeriums, den Abt des Kiewer Höhlenklosters, Metropolit Pawel (Lebid), öffentlich als „Vampir“ bezeichnet, der die Ukraine, die Ukrainer und alles Ukrainische hasse. Auch der Vorsitzende der Werchowna Rada, Andriy Parubiy, habe öffentlich verleumderische Unterstellungen gegen die ukrainisch-orthodoxe Kirche formuliert, so habe er ukrainisch-orthodoxe Priester beschuldigt, sie würden zum Mord an ukrainischen Soldaten aufrufen. Auch Präsident Poroschenko verberge seine feindliche Haltung gegen die ukrainisch-orthodoxe Kirche nicht. Es spreche für sich, dass ukrainisch-orthodoxe Bischöfe die von Patriarch Bartholomaios I. unterzeichneten Einladungen zum „Vereinigungskonzil“ von staatlichen Amtsträgern erhalten hätten, obwohl die Verfassung der Ukraine in Artikel 35 festlege, dass Kirche und Staat in der Ukraine getrennt seien.