Moskauer Patriarch sendet Signal nach Konstantinopel

Patriarch Kyrill betont im Hinblick auf die Ukraine-Krise, dass er den „Mitbruder“ am Bosporus nicht kritisieren wolle, aber bedaure, dass dieser dem „entsetzlichen Druck einer der stärksten Mächte der Welt“ nachgegeben habe – „Wir müssen füreinander beten, um die Krise zu überwinden, die der Orthodoxie von außen auferlegt worden ist“

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Foto ©: www.kremlin.ru (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 License)

Moskau, 08.01.21 (poi) Die Äußerungen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. in einem TV-Interview mit dem ersten Kanal des russischen Fernsehens am orthodoxen Weihnachtsfest haben zu starken Reaktionen in der orthodoxen Welt geführt. In der Transkription des Interviews ist zu lesen, dass Patriarch Kyrill betonte, er wolle seinen Mitbruder in Konstantinopel, Patriarch Bartholomaios I., in keiner Weise kritisieren, aber alles, was in Konstantinopel nach der Gründung der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ geschehen sei, trage die Zeichen einer göttlichen Missbilligung. Daraus wurde in der Rezeption durch die Medien, die dem Ökumenischen Patriarchat nahestehen, eine „Strafe Gottes“. Wörtlich lautete die Aussage des Moskauer Patriarchen: „Du hast die Hagia Sophia in Kiew dem orthodoxen Volk, der orthodoxen Kirche, genommen und hast die Schismatiker an die Heilige Stätte Kiews geführt und du hast deine Hagia Sophia verloren, sie wurde eine Moschee… Ich denke, dass man sich schwerlich eine offensichtlichere Konsequenz des Willens Gottes vorstellen kann“.

Die zentrale Aussage von Patriarch Kyrill aber bezog sich darauf, dass Patriarch Bartholomaios bei der Gründung der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ einem „entsetzlichen Druck einer der stärksten Mächte der Welt“ ausgesetzt war, womit das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche auf das US-amerikanische Establishment zielte, ohne es beim Namen zu nennen. Diese Aussage wurde offensichtlich durch einen Tweet des scheidenden US-amerikanischen Außenministers Michael Pompeo (der persönlich einem unabhängigen Zweig der Presbyterianischen Kirche angehört) vom 3. Jänner ausgelöst. Darin hatte Pompeo erklärt, er sei an „vielen Fronten mit Russland“ tätig gewesen, „einschließlich der Religionsfreiheit“. Wörtlich stellte der Außenminister fest: „Ich habe dafür gesorgt, dass die USA die internationale Anerkennung der ‚Orthodoxen Kirche der Ukraine‘ unterstützt haben und dem Metropoliten geholfen, dem russischen Einfluss zu entkommen“. In dem – von der ukrainischen Nachrichtenagentur „Unian“ umgehend verbreiteten – Tweet blieb offen, wer mit dem „Metropoliten“ gemeint war, aber die unvorsichtige Äußerung Pompeos wurde sofort von den Medien aufgegriffen, die dem Moskauer Patriarchat nahestehen.

Patriarch Kyrill selbst ließ seine Aussage im ersten Kanal des russischen Fernsehens versöhnlich ausklingen, obwohl er auch anmerkte, dass Patriarch Bartholomaios als „wahrer Christ“ dem Druck aus Washington hätte widerstehen müssen. Die Krise müsse „gemeinsam überwunden“ werden, sagte Patriarch Kyrill: „Wir müssen füreinander beten. Zumindest was das private Gebet angeht, denn es ist für uns schwer, das in der Liturgie zu tun, weil wir den Patriarchen von Konstantinopel nicht mehr in den ‚Diptychen‘ (den kirchlichen Ehrenlisten, Red.) nennen. Und doch müssen wir füreinander beten, um so bald wie möglich die Krise zu überwinden, die der Orthodoxie von außen auferlegt worden ist“.