Nach wie vor keine Informationen über den vor sieben Jahren in Syrien entführten Jesuiten P. Dall’Oglio

Kardinal Zenari betont, dass es unzählige Versionen über das Schicksal des Ordensmannes gebe, die sich aber allesamt als nicht stichhaltig erwiesen hätten – Der Nuntius in Damaskus appellierte aber neuerlich an die “Verantwortlichen“, eine „Geste guten Willens“ zu setzen – „Journalistische Freunde von P. Dall’Oglio“ wollen „Schweigespirale“ durchbrechen

0
110
Foto: © Mahmud Balî (VOA) (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Damaskus-Rom, 29.07.20 (poi) Nach wie vor gibt es keine sicheren Informationen über das Schicksal des italienischen Jesuiten P. Paolo Dall’Oglio, der vor sieben Jahren – am 29. Juli 2013 – im damaligen Hauptquartier der IS-Terroristen im syrischen er-Rakka verschwunden ist. Der Apostolische Nuntius in Damaskus, Kardinal Mario Zenari, erklärte im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“, es gebe immer wieder Gerüchte, in den letzten sieben Jahren seien unzählige Versionen über das Schicksal des Jesuiten aufgetaucht, die sich allesamt als nicht stichhaltig erwiesen hätten. Bis heute wisse man nicht, ob der Jesuit tot oder noch am Leben ist. P. Dall’Oglio hatte das syrisch-katholische Kloster Der Mar Musa al-Habashi nördlich von Damaskus revitalisiert und zu einem Brennpunkt der christlich-islamischen Dialogs ausgebaut. Nach der Entführung der beiden Metropoliten von Aleppo – Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi – im April 2013 wollte er direkt bei den IS-Terroristen vorstellig werden, um die Freilassung der beiden Bischöfe zu erreichen. Seither hat sich seine Spur verloren.

Im Gespräch mit „AsiaNews“ erinnerte Nuntius Zenari daran, dass nach Angaben der Vereinten Nationen in Syrien 100.000 Personen verschwunden sind, ohne dass es präzise Informationen über ihr Schicksal gebe. Der Syrien-Beauftragte der Vereinten Nationen, Geir Pedersen, habe sich – ebenso wie sein Vorgänger Staffan de Mistura – mehrfach an den Sicherheitsrat gewandt, um verlässliche Antworten über die Entführten zu erlangen. Kardinal Zenari forderte in diesem Zusammenhang die „Verantwortlichen“ neuerlich auf, „Gesten des guten Willens“ zu setzen und Informationen zu liefern. Die Entführten müssten freigelassen werden, zumindest müsse es „sichere Antworten“ für die Familien geben. Das gelte für P. Dall’Oglio wie für die beiden gekidnappten Bischöfe und alle anderen Entführten. Im Vorjahr hatte das US-amerikanische Justizministerium Belohnungen bis zu fünf Millionen Dollar für Informationen über den Verbleib der beiden Bischöfe, von P. Dall’Oglio und der beiden Aleppiner Priester Maher Mahfouz (griechisch-orthodox) und Michel Kayyal (armenisch-katholisch) ausgeschrieben. Aber es seien keine Informationen gekommen, so der Nuntius.

Kardinal Zenari ist überzeugt, dass das Motiv hinter den Entführungen zumeist die Spekulation auf Gefangenenaustausch war. Diese Spekulation habe sich sowohl auf christliche Bischöfe und Priester bezogen als auch auf höherrangige Offiziere der syrischen Armee. Auch P. Dall’Oglio sei offensichtlich eine „Karte“ gewesen, die seine Entführer im komplexen Schachspiel des Syrien-Krieges ausspielen wollten.

Am Mittwoch forderte Riccardo Cristiano, Gründer der Vereinigung „Journalistische Freunde von P. Dall’Oglio“, bei einer Pressekonferenz in Rom die „Wahrheit über den in Syrien entführten Jesuiten“. Wörtlich sagte Cristiano: „Wir haben nicht genug getan. In den letzten Wochen sind Berichte über Massengräber des IS in er-Raqqa aufgetaucht. Italien hat als Heimatland von P. Dall’Oglio die Verpflichtung, die Feststellung der Identität der von den IS-Terroristen ermordeten Opfer zu verlangen“. Dabei gehe es nicht nur um das Schicksal des Jesuiten, sondern auch um das von ungezählten Opfern in Syrien. Italien müsse hier die internationale Gemeinschaft unter Druck setzen.

Cristiano stellte aber auch die Frage, ob die Personen, die sich zum Zeitpunkt der Entführung von P. Dall’Oglio im Hauptquartier des IS aufhielten „und die heute in er-Raqqa unter Hausarrest stehen“, überhaupt befragt worden seien: „Wir verlangen das seit zwei Jahren. Die Geschichte von P. Paolo ist intensiv verbunden mit dem Konflikt in Syrien. Das sind zutiefst verknüpfte Geschichten: Suche nach der Wahrheit über die Verschwundenen und Suche nach dem Frieden für Syrien“.

Bei der Pressekonferenz pflichtete P. Camillo Ripamonti SJ, der Leiter des „Centro Astalli“ der römischen Jesuiten, dem Journalisten bei: „Es besteht die Gefahr, dass ein ‚Vorhang des Schweigens‘ über den Krieg in Syrien gebreitet wird. Man muss die Fragen um die Entführung von P. Dall’Oglio mit neuer Lautstärke stellen, um nicht Komplizen der Schweigespirale der internationalen Gemeinschaft zu werden“. Die Schwester des entführten Jesuiten, Francesca Dall’Oglio, betonte die Hoffnung, dass der Jesuit noch am Leben ist. In Algerien habe es Fälle von Personen gewesen, die von islamistischen Terroristen zehn Jahre in einem Brunnen festgehalten wurden und überlebt hätten. Sie habe Informationen, dass P. Dall’Oglio noch im Februar/März 2019 in Baghuz – der damaligen Rückzugsposition der IS-Terroristen am Leben gewesen sei: „Wenn wir an Paolo denken, denken wir auch an Syrien und an die Menschen, die dort leiden“.