Nahost-Krise: Kardinal-Patriarch Sako ruft zu „Mäßigung und Weisheit“ auf

Im Irak herrscht die Sorge, dass das Land im Konflikt zwischen den USA und dem Iran zerrieben wird – „Der Irak darf kein Schlachtfeld werden“

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Foto ©: Mar Louis Raphael I Sako / Facebook

Bagdad, 08.01.20 (poi) Im Irak herrscht auf dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran nach der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani Hochspannung. Der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, formulierte am Epiphanie-Fest einen dringenden Appell zur „Mäßigung“ an alle Beteiligten. Wörtlich sagte der Kardinal-Patriarch: „Es bedarf der Weisheit, um einen Ausbruch des Vulkans zu verhindern, der wegen einer bestürzenden Zuspitzung, emotionaler und impulsiver Entscheidungen und einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein vor der Explosion steht“. Das Oberhaupt der chaldäisch–katholischen Kirche wandte sich eindringlich an die Führungspersönlichkeiten der internationalen Gemeinschaft, damit sie diese Explosion verhindern, die vor allem die Schuldlosen treffen würde. Sowohl die christlichen als auch die muslimischen  Gläubigen rief der Kardinal-Patriarch zum Gebet für die verantwortlichen Politiker auf, damit diese „weise handeln und die Konsequenzen ihrer Strategien bedenken“. Das Epiphanie-Fest habe die Liebe Gottes zu den Menschen offenbart, betonte Sako; die Menschen seien berufen, in einer „brüderlichen Verbindung der Nächstenliebe und des Friedens miteinander zu leben“.

Bereits am 5. Jänner hatte der chaldäische Kardinal-Patriarch eine Erklärung veröffentlicht, in der es wörtlich hieß: „Die Menschen im Irak stehen wegen des Ereignisses von Bagdad am 3. Jänner (die Tötung von General Soleimani, Red.) zutiefst unter Schock. Ihre größte Sorge ist, dass ihr Heimatland Irak in ein Schlachtfeld verwandelt wird, das nicht mehr ein souveränes Vaterland ist, das seine Bürger beschützen und ihren Wohlstand garantieren kann“. In dieser so kritischen und immer gefährlicher werdenden Situation erscheine es ihm „weise und opportun“, dass sich im Irak alle Beteiligten am runden Tisch versammeln: „Von allen ist Mäßigung verlangt, die Bereitschaft zu einem vernünftigen und zivilisierten Dialog, rationales Handeln und Weisheit, damit dem Irak Konsequenzen von unvorstellbarer Tragweite erspart bleiben“. Alle sollten um eine friedliche, stabile und sichere Zukunft  für den Irak und die ganze Region beten, „für ein normales Leben, nach dem wir uns schon so lang sehnen“.

Auch der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, Bashar Warda, brachte im Gespräch mit dem Pressedienst des Hilfswerks „Kirche in Not“ seine tiefe Sorge zum Ausdruck: „Dieses Land ist unsere Heimat und wir wollen es nicht verlassen. Um zu überleben und zu prosperieren, benötigen wir die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft“. Die derzeitige Situation bedrohe das „delikate Gleichgewicht“, in dem das irakische Volk lebe, das nach Jahrzehnten des Krieges der Leiden überdrüssig sei. Die religiösen Minderheiten wie Christen, Jesiden und Mandäer seien dabei noch mehr gefährdet, weil ihre Gleichberechtigung noch immer nicht durchgesetzt sei.

Die Christen hätten vor allem die Befürchtung, dass sie auf Grund der geläufigen Ansicht „Christen=Westen=Vereinigte Staaten“ wieder zur Zielscheibe von Attacken werden. Leider baue das Regierungssystem noch immer auf Ungleichheit auf und rechtfertigt damit die Verfolgung, bedauerte Erzbischof Warda: „Wir Christen sind ein leichtes Ziel und wer uns attackiert, bleibt zumeist straflos“. Nach wie vor werde den Angehörigen der muslimischen Mehrheit in verschiedenen Bereichen eingeredet, dass sie „besser“ seien als die Christen oder Angehörige anderer religiöser Minoritäten. Der Erzbischof von Erbil betonte, dass er nach wie vor auf einen Besuch des Papstes im Irak hoffe: „Dieser Besuch wird sicher erfolgen, auch wenn ich nicht weiß, wann das sein wird. Ich überlasse das dem Gebet und dem Willen des Heiigen Geistes“.

Nach dem iranischen Raketenangriff auf eine Militärbasis bei Erbil, die sowohl von den US-Amerikanern als auch von den kurdischen Pesh Merga benützt wird, hat die Sorge und Angst unter den Christen in Erbil und in der Ninive-Ebene noch zugenommen. P. Paul Mekko, der chaldäisch-katholische Pfarrer der Kleinstadt Karamles in der Ninive-Ebene, der oft nach Erbil kommt, berichtete der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR, dass jetzt die größte Angst die Ungewissheit sei, niemand wisse, was noch alles passieren könne: „Es ist eine Angst, die blockiert“. In Erbil gebe es nach wie vor viele Christen, die 2014 nach dem Überfall der IS-Terroristen aus der Ninive-Ebene geflüchtet sind und jetzt darauf warten, dass sie in ihre zerstörten Heimatdörfer und –städtchen zurückkehren können, um sie wieder aufzubauen. Dass der Irak ein Schlachtfeld zwischen den USA und dem Iran wird, das sei die Hauptsorge der Leute: „Wir bekommen einen Krieg ins Haus, den niemand will“. Der Albtraum vieler Iraker – nicht zuletzt der Christen .- sei es, dass ihr Land im Konflikt zwischen den USA und dem Irak zerrieben wird. Der Priester erinnerte daran, dass im Irak seit dem Oktober des Vorjahrs protestiert wird, weil die Menschen „Reformen und Veränderung wollen, das Ende der Korruption, bessere Lebensbedingungen und die Respektierung ihrer Rechte“. Diese Proteste würden nicht aufhören, „das Volk weiß, was es will, sicher nicht den Krieg“.