Neue Aspekte im ukrainischen Kirchenstreit

Dem ukrainisch-orthodoxen Bischof Gedeon (Kharon) wurde nach einem USA-Aufenthalt die Einreise verweigert – Der Bischof und Abt des historisch hochbedeutsamen Kiewer Zehent-Klosters – dessen Wiederaufbau im Gang ist – hatte in Washington US-amerikanische Politiker über die Diskriminierung der ukrainisch-orthodoxen Kirche informiert

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Foto: Dmitry A. Mottl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Kiew, 17.02.19 (poi)  Der ukrainische Kirchenstreit nimmt zunehmend bizarre Züge an. Jüngstes Beispiel ist die Causa um den ukrainisch-orthodoxen Bischof Gedeon (Kharon), Abt des Zehent-Klosters in Kiew, der am 13. Februar nach einem USA-Aufenthalt am Flughafen Kiew-Boryspol an der Einreise gehindert, festgenommen und anderntags von einer Gruppe  junger Burschen mit Sturmgewehren zum nächsten Flug nach Frankfurt am Main eskortiert wurde. Bischof Gedeon hatte in Washington Mitglieder des US-Kongresses (Repräsentantenhaus und Senat) und Außenminister Michael Pompeo über die Diskriminierung der ukrainisch-orthodoxen Kirche informiert und den offiziellen Appell der von Metropolit Onufrij (Berezowskij) geleiteten Kirche im Hinblick auf die Religionsfreiheit überreicht.

Die ukrainische Grenzpolizei berief sich – laut ihrem Sprecher Oleg Slobodian – darauf, der Bischof sei „wegen Problemen mit seinen Papieren“ angehalten worden.  Bischof Gedeon stellte auf seinem Facebook-Account fest: „Mir wurde die Einreise in die Ukraine mit der Begründung verwehrt, dass meine Staatsbürgerschaft annulliert worden sei. Aber 15 Tage zuvor, als ich das Land verlies, hatte es weder Probleme noch gerichtliche Entscheidungen gegeben“.  Als Grund für seine Festnahme sei der Verlust seines Reisepasses angegeben worden, „obwohl ich nie irgendeine Verlustanzeige erstattet habe“. Nach Angaben von Freunden des Bischofs hinderte die ukrainische Grenzpolizei Parlamentarier und Anwälte daran, Kontakt mit Bischof Gedeon aufzunehmen.

Wie vorauszusehen war,  löste die Ausweisung von Bischof Gedeon im Moskauer Patriarchat  entsprechende Reaktionen aus. „Dass er vor US-amerikanischen Politikern die Wahrheit berichtet hat, löste bei den ukrainischen Behörden so viel Hass aus, dass sie ihm die Staatsbürgerschaft entzogen und ihn ausgewiesen haben“, schrieb Wladimir Legojda, der Leiter der Moskauer Synodalabteilung für Kirche, Gesellschaft und Beziehungen zu den Medien, auf seinem “Telegram”-Account.

Ob den Ukrainern bewusst war, dass Bischof Gedeon seit vielen Jahren über hervorragende Beziehungen in Washington verfügt, ging aus den Berichten aus Kiew und Moskau nicht hervor. Die ukrainische religiöse Agentur RISU zitierte den Grenzpolizeisprecher Oleg Slobodian nur mit der Bemerkung, dass “der festgenommene Bischof anti-ukrainische Propaganda betreibt und ein Anhänger des Konzepts der ‘Russischen Welt’ ist”. RISU berief sich auch auf den jungen Abgeordneten und Journalisten Igor Lutsenko von Julija Timoschenkos “Vaterlandspartei”, der in den “Social media” eine Kopie eines “russischen Reisepasses” des Bischofs verbreitete. Lutsenko erklärte auch, es sei “nicht klar”, wie Gedeon (Kharon) 2011 zu einem ukrainischen Reisepass gekommen sei.

Gedeon (Kharon) wurde 1960 in Odessa geboren. Als Priester war er in Russland und in den USA (u.a. als Rektor einer Kirche im kalifornischen Santa Barbara) tätig. In den späten 1990er Jahren kehrte er in die Ukraine zurück, konnte aber – laut RISU – „nicht automatisch die ukrainische Staatsangehörigkeit erwerben“. Nach anderen Angaben war Kharon „selbstverständlich“ ukrainischer Staatsbürger. 2009 wurde Gedeon (Kharon) vom Heiligen Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche zum Abt des im Wiederaufbau befindlichen Zehent-Klosters (und später auch zum Bischof) berufen.

Das Zehent-Kloster hat für die ukrainische Geschichte (und für die Kiewer Stadtgeschichte) besondere Bedeutung. Die ursprüngliche Kirche des Klosters war das erste aus Stein erbaute Gotteshaus Kiews und war der Entschlafung der Muttergottes geweiht, die Erbauung soll in den Jahren 989 bis 996 – also ummittelbar nach der „Taufe der Rus“ – erfolgt sein. Großfürst Wladimir der Heilige widmete dem Bau und der Erhaltung der Kirche „ein Zehntel“ (Zehent) seines Einkommens, daher der populäre Name des Gotteshauses. U.a. wurde in der Kirche auch Großfürstin Anna, die Schwester des oströmischen Kaisers Basilios II., begraben. Ebenso soll die sterbliche Hülle des Papstes Clemens I. dorthin übertragen worden sein. Beim Ansturm der mongolischen Armeen auf Kiew im Jahr 1240 wurde die Kirche weitgehend zerstört.

Auf Initiative des Kiewer Metropoliten Jewgenij (Bolchowitinow) wurde im 19. Jahrhundert (1828-1842) an der Stelle des ursprünglichen Gotteshauses eine neue Kirche errichtet. Diese Kirche wurde 1935 auf Anordnung des sowjetukrainischen Regimes niedergerissen. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes wurden – im Hinblick auf die historische Bedeutung des Gotteshauses – Pläne zum Wiederaufbau der Zehent-Kirche entwickelt. Im Februar 2005 unterzeichnete der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko ein Dekret zum Wiederaufbau der Kirche mit starker finanzieller Beteiligung des Staates. 2006 wurde an der Stelle der einstigen Kirche ein Tabernakel errichtet, 2007 erfolgte der Bau einer provisorischen hölzernen Kirche, die vom damaligen Primas der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Wladimir (Sabodan), geweiht wurde.

 

Auch die OSZE wird einbezogen

Auch die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) wird in den ukrainischen Kirchenstreit einbezogen. Am 11. Februar trafen Priester und Mönche der ukrainisch- orthodoxen Eparchie Tarnopol im Kloster Potschajew mit Repräsentanten der OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine (SMM) zusammen, um Fragen der Religionsfreiheit in diesem westukrainischen Gebiet zu diskutieren. Dabei ging es vor allem um die Kirche-Staat-Beziehungen im Hinblick auf die aus kommunistischer Zeit noch immer in Staatsbesitz befindlichen Immobilien und die „Verletzung der Rechte der Gläubigen“. Von kirchlicher Seite wurden den Mitgliedern der SMM Dokumentationen über die „gewaltsame Inbesitznahme“ von ukrainisch-orthodoxen Gotteshäusern durch Anhänger der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ überreicht. Man kam überein, dass die Zusammenarbeit im Hinblick „auf die Sicherung des interkonfessionellen Friedens und der Stabilität im Land“ fortgesetzt werden soll.

Am 12. Februar trafen die SMM-Repräsentanten mit Erzbischof Warsonofij (Stoliar) in Winnitsa zusammen. In der Eparchie Winnitsa und Bar sind die Auseinandersetzungen besonders hart. Das dürfte damit zusammenhängen, dass der frühere Metropolit von Winnitsa, Simeon (Schostatskij), einer der beiden ukrainisch-orthodoxen Bischöfe ist, die zur „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ übergegangen sind. Metropolit Simeon, der als persönlicher Freund von Präsident Poroschenko gilt, dessen Wahlkreis Winnitsa ist, hatte am 15. Dezember in Kiew am „Vereinigungskonzil“ teilgenommen. Der Heilige Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche entband ihn umgehend des Amtes, der Metropolit ging daraufhin am 28. Dezember zu Gericht, um von der zivilen Gerichtsbarkeit wieder ins Amt eingesetzt zu werden. In der Folge gab es nach ukrainischem Brauch eine Fülle von Gerüchten. So erkrankte der mit der Causa von Metropolit Simeon betraute Richter Sergej Fedtschin schwer, am 30. Jänner fanden sich vor dem Gerichtsgebäude Anhänger von Erzbischof Varsonofij ein, um für die Genesung des Richters zu beten. Dann tauchte das Gerücht auf, Metropolit Simeon habe bereut und sei in die Moskauer Jurisdiktion zurückgekehrt, was aber von allen Beteiligten dementiert wurde. Die ukrainischen Behörden hatten es zunächst abgelehnt, die Amtsübernahme von Erzbischof Warsonofij zu akzeptieren. Erst am 5. Februar erfolgte ein positiver Gerichtsbeschluss zu Gunsten des Erzbischofs, parallel wurde die Eingabe von Metropolit Simeon abgewiesen.

Erzbischof Warsonofij brachte im Gespräch mit den OSZE-Repräsentanten seine Sorge über die Aktionen von Anhängern der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ zum Ausdruck, die massiven Druck ausüben würden, um ukrainisch-orthodoxe Pfarrgemeinden zum Übertritt zu veranlassen.

Auf der Krim

Auch die „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ hat sich an die OSZE gewandt. Dabei geht es um die St. Wladimir-und-Olga-Kathedrale dieser Kirche in Simferopol; auch dieses Gotteshaus ist aus kommunistischer Zeit in Staatsbesitz. Nach Angaben der zuständigen Ministerin Anna Anikina ist die Regionalregierung der Krim bereit, die Kathedrale gratis zur Nutzung zur Verfügung zu stellen (das Gotteshaus wurde ursprünglich vom sogenannten „Kiewer Patriarchat“ genutzt, das jetzt schrittweise in der „Orthodoxen Kirche in der Ukraine“ aufgeht). Man habe sich deshalb bereits mehrmals an den zuständigen Erzbischof Kliment (Kuschtsch) gewandt und ihn eingeladen, die „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ als „religiöse Organisation“ nach russischem Religionsrecht registrieren zu lassen.

Erzbischof Kliment appellierte seinerseits bei einer Pressekonferenz in Kiew an die internationale Gemeinschaft sowie an die Botschafter der EU-Staaten, der USA und Kanadas in der Ukraine, die Situation um die Kathedrale in Simferopol „unter ihre persönliche Kontrolle“ zu nehmen. Im Fall einer Aufkündigung des Nutzungsvertrags für die Kathedrale oder einer Liquidierung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ auf der Krim müssten umgehend Sanktionen gegen alle Verantwortlichen – „auch gegen die Regierung der Russischen Föderation“ – verhängt werden.

Der Nutzungsvertrag für die Kathedrale wurde 2002 abgeschlossen und läuft in den ersten Märztagen aus. Erzbischof Kliment befürchtet, dass nach einer Schließung der Kathedrale auch acht weitere Pfarren seiner Kirche, die auf der Krim nur schwach vertreten ist, ihre Aktivität einstellen müssten. Das würde das Ende der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ auf der Halbinsel bedeuten. Eine Registrierung  nach russischem Religionsrecht kommt für den Erzbischof nicht in Frage, weil dies eine „Anerkennung der Legitimität der Annexion der Krim durch die Russische Föderation“ darstellen würde.

Bei der Sitzung des Ständigen Rates der OSZE sagte der ukrainische Vertreter Igor Prokoptschuk am Donnerstag in Wien, die Maßnahmen der „Okkupationsmacht“ seien darauf ausgerichtet, die Präsenz der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ auf der Krim zu beenden. Die Gremien der OSZE – und vor allem die SMM – müssten sich mit diesem Fall befassen und diesen Entwicklungen entgegentreten.