Neuer armenisch-apostolischer Patriarch von Konstantinopel gewählt

Sahag Mashalian ist der 85. armenische Patriarch von Konstantinopel – Seit der Erkrankung von Patriarch Mesrob Mutafyan war die Situation der armenischen Gemeinschaft in der Türkei von Spannungen gekennzeichnet

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Konstantinopel, 13.12.19 (poi) Der neue armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel ist Sahag Mashalian. 102 der 119 Wahlmänner stimmten am Mittwoch für ihn. Sein Gegenkandidat, Erzbischof Aram Ateshyan, erhielt 16 Stimmen, eine Stimme war ungültig. Der dritte Kandidat, Erzbischof Karekin Bekdjian (der von 1998 bis 2017 für die armenisch-apostolische Kirche in Deutschland verantwortlich war), hatte auf seine Kandidatur verzichtet, nachdem das armenische Kirchenstatut von 1863 durch das türkische Innenministerium verändert worden war. Durch diese Novellierung wurden zehn der 13 ursprünglich ins Auge gefassten Kandidaten für das Patriarchenamt ausgeschlossen, Bekdjian betrachtete dies als „undemokratisch“. Sahag Mashalian, der nun der 85. armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel ist, stammt aus Istanbul, wo er 1962 geboren wurde, er studierte in seiner Heimatstadt, in London und Dublin. Als Priester war er in Istanbul, in Jerusalem, aber auch in Armenien (als Dekan des Kevorkian-Seminars in Etschmiadzin) tätig. Im Patriarchat von Konstantinopel war er zuletzt für die ökumenischen und interreligiösen Beziehungen zuständig. Nach dem Tod von Patriarch Mesrob Mutafyan, der nach jahrelanger Krankheit am 8. März verstarb, wurde Mashalian im Juli  zum „Locum tenens“ (vorübergehenden Verwalter) des Patriarchats gewählt. Die damalige Wahl Mashalians erfolgte am 4. Juli in Kumkapi, am Sitz des Patriarchats. Mashalian erhielt 13 Stimmen, sein Gegenkandidat, Erzbischof Aram Ateshyan, elf Stimmen (Ateshyan hatte während der jahrelangen Krankheit von Patriarch Mesrob die Geschäfte geführt).

Mesrob Mutafyan war der 84. armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel gewesen. Das Patriarchat wurde 1461 – nach der osmanischen Eroberung des „Neuen Rom“ – errichtet. Außer in Konstantinopel gibt es ein armenisch-apostolisches Patriarchat auch in Jerusalem. Das Katholikat in Akhtamar im östlichen Anatolien erlosch 1895 während der von Sultan Abdulhamid II. zumindest indirekt geförderten Armenier-Verfolgung der Jahre 1894 bis 1896.  Das Katholikat von Gandsassar (in Arzach) wurde 1815 von den russischen Behörden zur Metropolie zurückgestuft. Im armenischen Etschmiadzin und im kilikischen Sis (der Sitz musste nach dem Völkermord der Jahre 1915 bis 1923 in den Libanon  verlegt werden) bestehen die beiden heute besonders angesehenen Katholikate, die auch für die weltweite Diaspora zuständig sind. Der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier ist  Karekin II. Nersissian, der in Etschmiadzin residiert (Sahag Mashalian wurde im August 2008 von Karekin II. in Etschmidazin zum Bischof geweiht).

Patriarch Mesrob Mutafyan hatte sein Amt als „Dienst im Sinn der Versöhnung“ verstanden, innerhalb der armenischen Gemeinschaft, aber auch im Hinblick auf das Verhältnis von Armeniern und Türken. Im Juli 2008 wurde bekannt, dass der Patriarch an Alzheimer litt. Die Geschäfte wurden seitdem von Erzbischof Aram Ateshyan geführt. In der Folge kam es zu schweren Spannungen innerhalb der armenischen Gemeinschaft in der Türkei, diese Spannungen führten zum Rücktritt von Bischof Mashalian als Vorsitzender des Geistlichen Rates des Patriarchats. Katholikos-Patriarch Karekin II. berief schließlich im Februar 2017 einen Versöhnungsgipfel nach Etschmiadzin ein, an dem auch die Bischöfe Ateshyan und Mashalian teilnahmen.

Am 15. März 2017 wurde zunächst Erzbischof Karekin Bekdjian zum „Locum tenens“ mit der Aufgabe der Vorbereitung einer Patriarchenwahl gewählt, Erzbischof Ateshyan weigerte sich jedoch, seine Funktion als Patriarchalvikar aufzugeben. Es ergab sich eine „Blockade“, auch weil sowohl das armenische Kirchenrecht als auch die türkische Gesetzgebung die Neuwahl eines armenischen Patriarchen zu Lebzeiten des vorhergehenden Patriarchen verbieten. In den folgenden Monaten war die Situation in der armenischen Gemeinschaft über den Tod von Patriarch Mesrob Mutafyan hinaus von Auseinandersetzungen gekennzeichnet, die auch von Seiten der türkischen Politik beeinflusst wurden.

Das armenisch-apostolische Patriarchat von Konstantinopel hat geschätzte 80.000 Gläubige, dazu kommen Arbeitsmigranten aus Armenien und eine unbekannte Anzahl von „Krypto-Armeniern“, Nachfahren  von während des Völkermords islamisierten oder muslimischen Familien übergebenen Armeniern.