Neuer armenischer Patriarch von Konstantinopel wird am Sonntag in sein Amt eingeführt

Sahag II. Mashalian will sich pastoral auch den Krypto-Armeniern widmen, den Nachfahren der 1915-1923 zumeist unter Druck islamisierten armenischen Christen

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Foto: © Public Domain (Quelle: Wikipedia)

Konstantinopel, 08.01.20 (poi) Der neue armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel, Sahag (Isaak) II. Mashalian, wird am kommenden Sonntag, 12. Jänner, in der armenischen Marienkathedrale im Istanbuler Stadtteil Kumkapi – dem traditionellen Patriarchensitz – feierlich in sein Amt eingeführt. Wie schon in seiner bischöflichen Zeit will sich Sahag II. pastoral auch den Krypto-Armeniern widmen, den Nachfahren der 1915-1923 zumeist unter Druck islamisierten armenischen Christen (im Zuge der Armenierverfolgung wurden zB immer wieder armenische Kinder an islamische Familien übergeben). Jahrzehnte hindurch wagten die Krypto-Armenier und ihre Nachfahren nicht, sich zu ihrer Identität zu bekennen. Das hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren geändert. In einem Interview mit einer türkischen Zeitung wies der Patriarch darauf hin, dass während der vergangenen Jahre im östlichen Anatolien wieder 38 armenisch-apostolische Gotteshäuser geöffnet werden konnten. „Die armenische Gemeinschaft erfreut sich einer der besten Zeiten seit Gründung der Türkischen Republik“, betonte Sahag II.: „Wir dürfen die tragischen Ereignisse zu Lasten der Armenier in der Vergangenheit nicht nur beklagen und verurteilen, wie das in der armenischen Diaspora weitgehend geschieht, wir wollen in unserer Heimat das Zerstörte, soweit das nur geht, wieder aufbauen“. Der Patriarch strebt jetzt offensichtlich eine Ausweitung seiner staatskirchenrechtlichen Zuständigkeit auf ganz Anatolien an, allerdings nicht auf das gesamte türkische Staatsgebiet, weil die Kompetenz für Kilikien und einige benachbarte Bezirke an der heutigen türkisch-syrischen Grenze vom armenisch-apostolischen Katholikos von Kilikien, der jetzt im libanesischen Antelias residiert, beansprucht wird. Der Katholikos von Kilikien, Aram I., strebt auf gerichtlichem Weg die Rückgabe der Ruinen der nach 1915 zerstörten Sophienkathedrale und des Patriarchenpalastes in Sis an.

Die offizielle Zahl der armenisch-apostolischen Christen in Istanbul und Umgebung (zb auf den Prinzeninseln) wird mit 80.00 angegeben. Dazu kommen rund 100.000 Arbeitsmigranten aus der Republik Armenien. Die Zahl der Krypto-Armenier ist nicht bezifferbar; es kursieren Angaben von 200.000 bis zu fünf Millionen. Die Präsenz der Krypto-Armenier ist regional sehr unterschiedlich. Besonders stark ist sie etwa in Dersim. Die Bewohner von Dersim retteten während der Armenierverfolgung ab 1915 zahlreiche Christen vor Deportation und Tod. Ethnisch waren und sind die meisten Bewohner der Region Angehörige des von manchen den Kurden zugerechneten, aber eigenständigen Zaza-Volkes, das die nordwestiranische Sprache Zazaki spricht. In konfessioneller Hinsicht sind die Leute von Dersim zumeist Aleviten. Stadt und Region wurden von der kemalistischen Staatsmacht nach dem letzten Aufstand von 1937/38 in Tunceli umbenannt.

Seine pastoralen Ziele im Hinblick auf Neuevangelisierung der Krypto-Armenier sicherte Sahag II. bereits im Dezember durch öffentliche Erklärungen über die von ihm abgelehnte „Instrumentalisierung“ des Themas Völkermord durch die Parlamente anderer Staaten ab. „Es schmerzt uns, zu sehen, dass die Ereignisse, die den Armeniern vor 100 Jahren in diesem Land widerfahren sind, von den Parlamenten anderer Staaten in Instrumente wirtschaftlichen, politischen oder strategischen Drucks verwandelt werden“, erklärte er im Gespräch mit türkischen Zeitungen. Er nahm damit offensichtlich Bezug auf die Resolution, die vom US-Senat am 12. Dezember angenommen wurde (und die die Massaker an Armeniern während des Ersten Weltkriegs in Anatolien als Völkermord qualifiziert). In einem Interview mit „Sabah“ beklagte der Patriarch, dass „die Mobilisierungskampagnen zur Anerkennung des Völkermords an den Armeniern Teil umfassenderer Strategien sind und als Instrumente des geopolitischen Drucks eingesetzt werden“. „Wir hätten es gern gesehen“, fügte der neue Patriarch hinzu, „dass sich mit diesen Ereignisse Menschen befassen, die in diesem Land leben. Wir wollen die Beziehungen zwischen Türken und Armenien verbessern. Und gewährleisten, dass man miteinander reden kann. Denn gerade, weil die beiden Seiten nicht miteinander reden, meinen andere Länder auf der anderen Seite des Atlantiks das Recht zu haben, sich in diese Ereignisse einzumischen“.

In anderen Medien-Äußerungen erinnerte Sahag II. daran, dass sich die Lebensumstände der Armenier in der Türkei von denen der armenischen Diasporagemeinden in aller Welt unterscheiden. Dies betreffe auch die Erinnerung an die blutigen Ereignisse ab 1915, so der Patriarch: „Als Armenier sind wir in die Türkei integriert und unsere Zukunft ist mit der Türkei verbunden. Wir leben in Harmonie mit allen Komponenten dieser Nation“. Die Entscheidung, in der Türkei zu leben, beinhalte – so Sahag II. – auch eine besondere Art und Weise, die Erinnerung an die blutigen Ereignisse zu bewältigen. „Wir haben das Trauma von 1915 erlebt“, betonte Sahag II.: „Und wir haben es irgendwie überwunden und leben hier weiter. Aber natürlich betreffen uns die politischen Entwicklungen außerhalb der armenischen Gemeinschaft in der Türkei. Denn die Aufregung, die dadurch in der Türkei entsteht, schürt nur den Hass“.

Sahag II. ist der 85. armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel. Das Patriarchat wurde 1461 – nach der osmanischen Eroberung des „Neuen Rom“ – errichtet. Außer in Konstantinopel gibt es ein armenisch-apostolisches Patriarchat auch in Jerusalem. Das Katholikat in Akhtamar im östlichen Anatolien erlosch 1895 während der von Sultan Abdulhamid II. zumindest indirekt geförderten Armenier-Verfolgung der Jahre 1894 bis 1896. Das Katholikat von Gandsassar (in Arzach) wurde 1815 von den russischen Behörden zur Metropolie zurückgestuft. Im armenischen Etschmiadzin und im kilikischen Sis (der Sitz musste nach dem Völkermord der Jahre 1915 bis 1923 in den Libanon verlegt werden) bestehen die beiden heute besonders angesehenen Katholikate, die auch für die weltweite Diaspora zuständig sind. Der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier ist Karekin II. Nersissian, der in Etschmiadzin residiert (Sahag Mashalian wurde im August 2008 von Karekin II. in Etschmidazin zum Bischof geweiht).