Neuer Hoffnungsschimmer für die beiden entführten Metropoliten von Aleppo

Jordanischer Prinz Hassan bin Talal veröffentlichte Appell an die arabische und internationale Öffentlichkeit, „praktische Maßnahmen“ für die Freilassung der vor sechs Jahren gekidnappten Bischöfe zu ergreifen

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Foto: © Tarawneh (Quelle: Wikimedia: Lizenz: GNU Free Documentation License/ Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International, 3.0 Unported)

Amman-Damaskus, 23.07.19 (poi) Der jordanische Prinz Hassan bin Talal hat verstärkte Bemühungen um die Freilassung der vor sechs Jahren entführten Metropoliten von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim (syrisch-orthodox) und Boulos Yazigi (antiochenisch-orthodox), gefordert. Die UN und der Menschenrechtsrat müssten ihre Verantwortung in diesem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wahrnehmen, sagte er laut der staatlichen jordanischen Nachrichtenagentur „Petra“ in einem Aufruf von Montagabend. Die Entführung vor mehr als sechs Jahren – am 22. April 2013 – bezeichnete der Prinz als kläglichen Angriff, der von Muslimen ebenso wie von Christen verurteilt worden sei. Die internationale Gemeinschaft müsse der Angelegenheit gebührende Aufmerksamkeit schenken und praktische Maßnahmen ergreifen, um das durch diese „Aggression“ verursachte Leid zu beenden.  Die Erklärung des Prinzen – der seit vielen Jahren im islamisch-christlichen Dialog tätig ist – hat im Nahen Osten großes Interesse ausgelöst. Es wurden Vermutungen geäußert, dass es im Hintergrund neue Informationen gebe, die dem Prinzen zugänglich seien. Denn an sich hatte die Erklärung keinen unmittelbaren Anlass, sie passt zu keinem Jahrestag. Die Vermutungen besagen, dass die beiden Metropoliten am Leben sind und höchstwahrscheinlich im Bereich der Provinz Idlib – die als einziger Teil Syriens nach wie vor von islamistischen Milizen kontrolliert wird – festgehalten werden.

Der Aufruf von Prinz Hassan bin Talal hat folgenden Wortlaut: „Seit der Entführung der beiden Metropoliten Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi  sind sechs Jahre vergangen.  Dies war eine abscheuliche Aktion, die zu Recht bei vielen, Christen wie Muslimen, Gefühle der Verurteilung und des Widerwillens ausgelöst hat. Die beiden Bischöfe waren bestrebt, den Söhnen und Töchtern ihrer Gemeinschaften zu dienen, zugleich traten sie für die Werte von Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Frieden und Koexistenz ein.

Indem ich meine Stimme mit der Stimme unserer Brüder in den Kirchen vereine, erneuern wir den Appell an die noblen und ehrlichen Söhne der Nation, diesem  humanitären Anliegen das Interesse zu widmen, das ihm gebührt und die praktischen Maßnahmen zu ergreifen, um die Beendigung des so lang dauernden Leidens zu erreichen, das durch die Entführung und Aggression ausgelöst wurde. Zugleich appellieren wir an die internationale Gemeinschaft, einschließlich der Vereinten Nationen und des Hochkommissariats für die Menschenrechte (OHCHR), ihre Verantwortung in diesem Bereich zu übernehmen. Dies vor allem angesichts der Tatsache, dass diese Causa als ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ angesehen wird, die aber bedauerlicherweise die kraftvolle Stimme der internationalen Gemeinschaft und deren fundamentale Rolle entbehren musste.

Wir dürfen  nicht vergessen, dass unser größeres arabisches Vaterland Heimat von Zivilisationen und kulturellen Strukturen ist, die durch religiöse und kulturelle Verschiedenheit bereichert werden. Die maßvolle Botschaft des Islam hatte einen substanziellen Einfluss auf die Bildung der muslimischen Zivilisation, die in der authentischen Lehre und den Werten verankert ist, die die Heiligkeit des Lebens und die Verankerung der Begriffe der Gerechtigkeit, der Toleranz, des Friedens und des Respekts für den Anderen betonen.

Wir flehen zum allmächtigen Gott, dass er den entführten Metropoliten die Freiheit schenken möge, damit sie sicher zu ihren Angehörigen und ihren Gemeinschaften in ihrer Heimat zurückkehren können“.

Die Entführung der beiden Metropoliten hatte sich am 22. April 2013 ereignet, als Mor Gregorios Youhanna Ibrahim seinen antiochenisch-orthodoxen Amtsbruder am türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al-Hawa abholte; Metropolit Boulos (Yazigi) kam von einer pastoral-humanitären Mission aus Antiochien (Antakya). Auf dem Weg nach Aleppo wurde das Auto von Mor Gregorios zwischen Kafr Dael und Mansoura von „Unbekannten“ angehalten. Der Fahrer des Metropoliten, der Diakon Fathullah Kabboud, wurde erschossen, Fouad Eliya, der sich ebenfalls im Wagen befunden hatte, konnte fliehen. Eliya, der heute in den USA leben soll, sagte aus, dass die bewaffneten Entführer untereinander nicht arabisch gesprochen hätten, er hielt sie für Tschetschenen. Möglicherweise hatten die Entführer den beiden Metropoliten eine Falle gestellt, indem sie ihnen die Freilassung von zwei im Februar 2013 aus einem Linienautobus Aleppo-Damaskus entführten Priestern (dem armenisch-katholischen Geistlichen Michel Kayyal und dem antiochenisch-orthodoxen Geistlichen Maher Mahfouz) versprachen. Seit 2013 gibt es eine Fülle widersprüchlicher Versionen über das Schicksal der beiden Metropoliten nach ihrer Entführung.

Weltweit hatte die Entführung der beiden Bischöfe größte Besorgnis ausgelöst. Das kirchliche Österreich nahm besonders intensiv Anteil, weil Mor Gregorios eine der Stützen der Stiftung „Pro Oriente“ war. Kardinal Christoph Schönborn veröffentlichte im September 2013 gemeinsam mit sechs orientalischen Patriarchen einen dramatischen Appell für die Freilassung der entführten Metropoliten.

Prinz Hassan bin Talal ist ein Mitglied des Herrscherhauses von Jordanien. Er war von 1965 bis 1999 Kronprinz. Prinz Hassan studierte Orientwissenschaften am Christ Church College in Oxford. Er war von 1999 bis 2006 Präsident der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ (von 2000 bis 2006 zudem auch Präsident des „Club of Rome“). Er ist auf einen Dialog der Religionen bedacht und rief die Trilaterale Kommission für das islamisch-christlich-jüdische Gespräch ins Leben. Prinz Hassan engagiert sich außerdem im interreligiösen Beraterausschuss der UNESCO und ist Ehrenmitglied ihrer Weltkommission für Kultur und Entwicklung.

Das Königliche Institut für interreligiöse Studien in Amman wurde 1994 von Prinz Hassan bin Talal gegründet. Das Institut ist nach eigenen Angaben eine gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation, die einen Ort für interdisziplinäre Studien interkultureller und interreligiöser Fragen bereitstellt, mit dem Ziel, Spannungen zu entschärfen und Frieden regional und global zu fördern. Prinz Hassan spielte auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des 1980 von König Hussein begründeten „Ahl al-Bayt Institute for Islamic Thought“. Er war bis 1999 der erste Leiter des Instituts. Aus dem „Ahl al-Bayt Institute“ kam im Oktober 2007 der „Offene Brief“ von mehr als 130 islamischen Gelehrten an „die Führer der christlichen Kirchen“ (an der Spitze der damalige Papst Benedikt XVI.) , der unter dem Titel „Ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch“ stand.