Neuer Primas der syrischen Mar Thomas-Kirche in Südindien

Metropolit Theodosius Mar Thoma wurde am 14. November in Anwesenheit von Spitzenvertretern aus Ökumene und Politik in sein Amt eingeführt

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Public Domain)

Trivandrum, 16.11.20 (poi) Die syrische Mar Thomas-Kirche in Südindien hat ein neues Oberhaupt: Theodosius Mar Thoma wurde am 14. November im Hauptquartier der Kirche in Tiruvalla (Bundesstaat Kerala) feierlich in sein Amt als Metropolit – und damit Primas – der Kirche eingeführt. Er hat die Nachfolge von Metropolit Joseph Mar Thoma angetreten, der am 18. Oktober im 90. Lebensjahr verstorben ist. Die Bischofssynode der Mar Thoma-Kirche hat Theodosius Mar Thoma am 10. November zum neuen Oberhaupt der Kirche gewählt. Sein Vorgänger hatte ihn bereits am 12. Juli mit der interimistischen Leitung der Kirche beauftragt und ihm den Titel eines Suffragan-Metropoliten verliehen. Theodosius Mar Thoma ist der 22. Metropolit der Mar Thoma-Kirche, die ein durch die Begegnung mit der anglikanischen Kirche geprägter Zweig der südindischen Christenheit ist, aber viele Aspekte der syrischen Tradition beibehalten hat.

Theodosius Mar Thoma wurde 1949 geboren. Er studierte zunächst an kirchlichen Akademien in Kottayam und Tiruvalla, dann am (methodistischen) „Leonard Theological College“ in Jabalpur (Jubbulpore) im Bundesstaat Madhya Pradesh. 1973 wurde er zum Priester geweiht und war von da an ständig in der Pfarrseelsorge tätig (u.a. in Bombay, Calcutta, Rochester in den USA und Calicut). Zugleich setzte er aber auch seine Studien fort; zunächst studierte er an der von Rabindranath Tagore begründeten „Viswa Bharati“-Universität in Westbengalen vergleichende Religionswissenschaft, dann an der „Mc Master“-Universität im kanadischen Hamilton. Seine Bischofsweihe erfolgte am 9. Dezember 1989. Er war zunächst als Bischof von Madras tätig. Später übernahm er verschiedene Diözesen der Mar Thomas-Kirche im In- und Ausland (u.a. trug er die bischöfliche Verantwortung für die beiden großen Diaspora-Diözesen Singapur & Australien und Nordamerika & Europa). Zuletzt war er Bischof von drei Diözesen: Einerseits Bombay, andererseits zwei kleine Diözesen in Kerala, Niranam-Maramon und Ranny.

Die feierliche Amtseinführung von Theodosius Mar Thoma am 14. November hatte auch einen ökumenischen Charakter. Beim Gottesdienst wirkte das Oberhaupt der unabhängigen syrischen Kirche von Malabar (Thoziyur-Kirche), Mar Baselios, mit. Die Mar Thoma-Kirche arbeitet mit dieser kleinen Gemeinschaft, die sich im 18. Jahrhundert von der syrisch-orthodoxen Kirche in Südindien getrennt hat und 1862 staatlich anerkannt wurde, seit mehr als 100 Jahren eng zusammen. Bei der an die Liturgie anschließenden Glückwunsch-Zeremonie eröffnete der katholische syro-malabarische Großerzbischof, Kardinal George Alencherry, den Reigen der Gratulanten. Aber auch der katholische syro-malankarische Großerzbischof, Kardinal Isaac Mar Baselios Cleemis, und der Katholikos der indisch-orthodoxen Kirche, Baselios Mar Thoma Paulos II. gratulierten, ebenso der Präsident des Indischen Nationalen Kirchenrates (und Moderator der Church of North India), Bischof P. C. Singh, sowie viele andere Bischöfe der verschiedenen Kirchen. Auch regionale und nationale Parlamentsabgeordnete beglückwünschten den neuen Primas, an der Spitze der frühere stellvertretende Vorsitzende des indischen Oberhauses (Rajya Sabha), Pallath Joseph Kurien, der aus Tiruvalla stammt und in der Kongresspartei eine große Rolle spielte.

Die Zahl der Gläubigen der Mar Thomas-Kirche wird auf 1,5 Millionen geschätzt (in Indien, aber auch in der Diaspora, etwa in den USA); es gibt 13 Diözesen, in der Seelsorge sind mehr als 1.000 Priester tätig. In ihrer Selbstdarstellung beruft sich die Mar Thomas-Kirche auf jene Geschichte, die auch von den katholischen und orientalisch-orthodoxen Zweigen des Thomas-Christentums geteilt wird. Gemeinsam mit den orientalisch-orthodoxen Christen in Kerala gedenkt auch die Mar Thomas-Kirche des Schwurs am „Schiefen Kreuz“ vor der Kirche von Mattancherry im Jahr 1633, als rund 600 Priester und 25.000 Laienchristen die Beschlüsse der Synode von Diamper zurückwiesen, bei der eine weitgehende Angleichung des kirchlichen Lebens in Südindien an die Verhältnisse in Portugal angeordnet worden war. Am Beginn der neueren Entwicklung der Mar Thomas-Kirche stehen zwei englische Anglikaner: Claudius Buchanan und Oberst John Munro, der britische Resident im Fürstentum Travancore. Beide waren der Ansicht, dass das religiöse und soziale Leben in der einheimischen Kirche in Kerala nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Buchanan veranlasste 1811 eine Übersetzung des Evangeliums auf Malayalam, 1813 wurde in Kottayam ein Seminar begründet, dessen Ziel die Reform der Priesterausbildung war. In der Folge spielte der Priester und Theologe Abraham Malpan (1796 -1845) eine große Rolle, er wurde als „Martin Luther des Ostens“ bezeichnet und führte zahlreiche reformatorische Elemente in das Leben der Mar Thomas-Kirche ein. Sein Neffe Mathew Mar Athanasius war dann der erste Metropolit der Mar Thomas-Kirche in ihrer heutigen Gestalt. Der verstorbene Metropolit Joseph Mar Thoma legte Wert darauf, die syrische altkirchliche Tradition in seiner Kirche wieder stärker zu betonen.

Der Salzburger Ostkirchen-Experte (und Vorsitzende der Salzburger Sektion von „Pro Oriente“), Prof. Dietmar W. Winkler, hat beim Ableben von Joseph Mar Thoma daran erinnert, dass es dem Metropoliten ein Anliegen war, seine Kirche am „Syriac Dialogue“ von „Pro Oriente“ zu beteiligen und die Mar Thomas-Kirche auf diese Weise wieder an der Familie der Kirchen syrischer Tradition zu beteiligen. Prof. Winkler, der auch Mitglied der offiziellen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen ist, war in Kontakt mit Metropolit Joseph Mar Thoma.