Neuerlicher Wechsel an der Spitze der russisch-orthodoxen Diözese für Wien und Österreich

Bischof Aleksij (Zanotskin) wurde zum neuen „zeitweiligen Administrator“ der Eparchie ernannt, er löst Metropolit Ioann (Roschtschin) ab

0
177
Foto ©: Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Moskau-Wien, 13.03.20 (poi) Neuerlicher Wechsel an der Spitze der russisch-orthodoxen Diözese für Wien und Österreich: Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats hat am Mittwoch, 11. März, Bischof Aleksij (Zanotskin) zum neuen „zeitweiligen Administrator“ der Eparchie Wien und Österreich ernannt. Bischof Aleksij löst Metropolit Ioann (Roschtschin) ab, der ab Juni 2019 als „Metropolit von Wien und Budapest“ gewirkt hatte. Ioann (Roschtschin) hatte damals Erzbischof Antonij (Sewrjuk) abgelöst, der zum Erzbischof von Korsun (der altrussische Name für die Krim-Stadt Cherson) sowie zum Exarchen des Moskauer Patriarchen für Westeuropa bestimmt wurde (in dieser Funktion hatte er die Integration der Erzdiözese der russischen Pfarrgemeinden Westeuropas in das Moskauer Patriarchat zu begleiten).  Erzbischof Antonij hatte seinerseits die Verantwortung für die russische Wiener Diözese von Bischof Tichon (Zaitsew) übernommen, der im Oktober 2015 vom Heiligen Synod des Moskauer Patriarchats zum Administrator der Eparchie Wien und Österreich bestimmt worden war. Seit der Übersiedlung des früheren Wiener Eparchen, Metropolit Hilarion (Alfejew), nach Moskau im Jahr 2009 war die russisch-orthodoxe Eparchie Wien und Österreich zunächst von Erzbischof Mark (Golowkow) von Jegorjewsk verwaltet worden, der 2015 zum Metropoliten von Rjazan und Michailow bestellt wurde. Der häufige Bischofswechsel hat in Wien Aufmerksamkeit erregt: 1962 war die russisch-orthodoxe Diözese Wien und Österreich kirchenrechtlich errichtet worden, die staatliche Anerkennung erfolgte im März 2012.

Bischof Aleksij trägt als Vikarbischof der Diözese von Korsun, deren geistlicher Leiter sein Wiener Vorvorgänger Erzbischof Antonij ist, den Titel eines Bischofs von Kafa. Hinter dem Namen Kafa verbirgt sich Cafa (oder Caffa), die bedeutendste Stadt der Republik Genua zwischen 1266 und 1475, die als eine der bedeutendsten Handelsstädte des Mittelalters in die Geschichte einging. Wie die römisch-katholische Kirche vergibt auch die russisch-orthodoxe Kirche die Titel „untergegangener“ Bischofssitze an neugeweihte Auxiliarbischöfe. Bischof Aleksij wurde 1975 in der russischen Stadt Orjol geboren. Er studierte an der Technischen Universität seiner Heimatstadt, die er 1998 als Ingenieur abschloss. Dann entschloss er sich für das Priestertum, am 25. Juni 2000 wurde er von Erzbischof Paisij von Orjol zum Diakon und am 11. September desselben  Jahres zum Priester geweiht. 2004 erhielt er im Marienkloster in Orjol die Mönchsweihe. 2010 bis 2016 studierte er an der Moskauer Theologischen Akademie. 2012 wurde er Abt des neugegründeten St. Kukscha-Klosters. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats erhob ihn 2017 zum Vikarbischof für Orjol, am 9. April 2017 erteilte ihm der Moskauer Patriarch Kyrill I. die Bischofsweihe.

Die russisch-orthodoxe Kirche kann in Wien auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurückblicken, die eng mit der russischen diplomatischen Vertretung verbunden war, ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auch mit der Präsenz großer aristokratischer Familien (Razumovsky usw.). Das Herz der russischen Diözese ist die eindrucksvolle Nikolauskathedrale im 3. Wiener Bezirk. Sie wurde in den Jahren von 1893 bis 1899 nach Plänen des russischen Architekten Grigorij I. Kotow (1859-1942) erbaut. Zar Alexander III. schenkte der Kathedrale schon zu Baubeginn vier imposante Granitsäulen und einen prachtvollen Luster. Durch die politischen Umstände ab 1914 war die Kathedrale viele Jahre geschlossen oder zweckentfremdet. Erst 1946 wurde sie auf Grund der Bemühungen des damaligen sowjetischen Stadtkommandanten, General Aleksij Blagodatow, wieder für den Gottesdienst geöffnet. Bei der Restaurierung in den Jahren 2003 bis 2008 erfolgte unter Leitung des in Russland hochangesehenen Malermönchs Archimandrit Zenon auch die Ausmalung der Oberkirche.

Zuvor hatte sich das Moskauer Patriarchat seit vielen Jahren um die staatliche Anerkennung seiner 1962 begründeten Wiener Diözese bemüht. Diese Anerkennung wurde durch die 2011 erfolgte Novellierung des Orthodoxengesetzes möglich. Patriarch Kyrill I. von Moskau hatte die im Hinblick auf die österreichischen staatskirchenrechtlichen Vorschriften novellierten Statuten der Diözese am 15. Dezember 2011 genehmigt. Innerhalb der Diözese wurden drei russisch-orthodoxe Kirchengemeinden – Wien, Linz und Graz – gebildet. Mittlerweile ist eine weitere russisch-orthodoxe Gemeinde in Salzburg hinzugekommen, die zur mit dem Moskauer Patriarchat wiedervereinigten russischen Auslandskirche (ROCOR) gehört. Derzeit gibt es in Wien und Niederösterreich neben der Nikolauskathedrale nur zwei weitere russisch-orthodoxe Gottesdienststätten, die Lazaruskapelle auf dem Zentralfriedhof und die neue Kirche in Laa an der Thaya. An mehreren Orten in Österreich gibt es Grabanlagen und Kapellen russischer Kriegsgefangener aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, wo auch Gottesdienste gefeiert werden.

Das 50-Jahr-Jubiläum der russisch-orthodoxen Eparchie wurde im November 2012 im Zeichen der Einheit der orthodoxen Christen in Österreich und der Offenheit für den ökumenischen Dialog begangen. Erzbischof Mark (Golowkow) sagte damals, dass die Orthodoxen in Österreich eine Familie „ungeachtet der verschiedenen Sprachen und Nationen“ bilden. Auch in der Nikolauskathedrale würden sich jeden Sonntag Menschen aus vielen Nationen zum Gottesdienst versammeln. Im Verhältnis zu den Katholiken gebe es „keine Widersprüche“, sondern „gegenseitige Liebe“. Das ermögliche die Zusammenarbeit im sozialen Bereich und auf anderen Gebieten. Erzbischof Mark richtete ein herzliches Dankeswort an den österreichischen Staat, der die Eparchie auch staatskirchenrechtlich anerkannt habe.

In den von P. Bonifaz Tittel OSB auf russisch verlesenen Grußworten von Kardinal Christoph Schönborn wurde auf die durch das „Aggiornamento“ beim Zweiten Vatikanischen Konzil bewirkte „Wiederentdeckung“ der orthodoxen Kirchen verwiesen und an den Einsatz von Kardinal Franz König für die Begegnung mit den Ostkirchen erinnert, was u.a. auch zur Gründung der Stiftung „Pro Oriente“ geführt habe. Kardinal Schönborn betonte, er neige sich – „zusammen mit vielen katholischen Christen“ – in Ehrfurcht vor dem Glaubenszeugnis der russisch-orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert. Die russische Kirche sei Jahrzehnte hindurch die „große Kirche der Märtyrer“ gewesen.

Ursprünglich hätte der Moskauer Patriarch Aleksij II. die Neuweihe der Wiener Nikolauskathedrale nach den Renovierungsarbeiten von 2003 bis 2008 vornehmen sollen. Das Programm für den Wien-Besuch von Aleksij II. war bereits festgelegt, aber der Patriarch verstarb am 5. Dezember 2008, sodass es nicht mehr zu seinem Pastoralbesuch kommen konnte. Zu Jahresbeginn gab es dann Berichte, dass Aleksijs Nachfolger Kyrill I. Ende Mai nach Wien kommen würde, wenig später erfuhr der „Pro Oriente“-Informationsdienst aber aus Moskau, dass der Besuch des Patriarchen auf 2021 verschoben sei. Am Freitag berichteten „Social media“ in Russland, der Patriarch habe wegen der Coronavirus-Epidemie seine Österreich-Reise verschoben, die aber gar nicht mehr für heuer geplant war.