„Nordmazedonier“ wollen Autokephalie für ihre orthodoxe Kirche

Staatschef und Ministerpräsident appellieren an den Ökumenischen Patriarchen – Es geht um die schwierigste kirchenpolitische Frage der Balkanhalbinsel

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Foto ©: Yemc (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public domain)

Skopje, 23.09.20 (poi) Der nordmazedonische Präsident Stevo Pendarovski folgt den Spuren des früheren ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und hat sich an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. gewandt, um einen „Tomos“ (Anerkennungsurkunde der Selbständigkeit) für die von der Weltorthodoxie nicht rezipierte „mazedonisch-orthodoxe Kirche“ zu erreichen. Pendarovski nützte einen Gratulationsbrief zum Beginn des orthodoxen Kirchenjahres, um Patriarch Bartholomaios I. „im Namen vieler nordmazedonischer Bürger, die sich als orthodoxe Christen verstehen“, zu bitten, seine Appellationsvollmacht zu nutzen, damit die nordmazedonischen orthodoxen Bürger mit „allen anderen orthodoxen Christen in der Welt“ gleichgestellt werden. Der einzige Wunsch seiner orthodoxen Landsleute sei es, „Frieden mit den Nachbarn zu machen, auf eine gemeinsame Zukunft, ein gemeinsames Leben, und wahre Freiheit zuzugehen“. Der seit August diesen Jahres wieder amtierende Ministerpräsident Zoran Zaev sandte ebenfalls ein Schreiben nach Konstantinopel, in dem er Bartholomaios I. und das Ökumenische Patriarchat aufforderte, einzugreifen und der „mazedonisch-orthodoxen Kirche“ die Autokephalie zu gewähren: „Wir respektieren alles, was durch internationale Vereinbarungen festgelegt ist. Aber wir möchten innerhalb der Grenzen unseres Landes frei sein, damit unsere Bischöfe mit den Bischöfen aller orthodoxen Kirchen in der Welt konzelebrieren können“.

Nordmazedonien (mit der Hauptstadt Skopje) gehört kanonisch zum serbisch-orthodoxen Patriarchat. 1967 trennte sich die mazedonische Kirche – unter aktiver Beteiligung des titokommunistischen Regimes – vom serbischen Patriarchat, das den Mazedoniern bereits 1959 ein „autonomes Statut“ angeboten hatte. Für die Weltorthodoxie galt die neue Kirche als „schismatisch“. 2002 wollten mazedonische Bischöfe wieder mit dem serbischen Patriarchat in Gemeinschaft treten, wurden aber von den Politikern in Skopje daran gehindert. Im Mai des Vorjahrs kündigte die Bischofsversammlung der serbisch-orthodoxen Kirche die Wiederaufnahme des Dialogs mit den mazedonischen Abtrünnigen an.  Schon zuvor hatte sich (der jetzt wieder amtierende) Ministerpräsident Zoran Zaev an den Ökumenischen Patriarchen gewandt. Im heurigen Jänner suchte Zaev gemeinsam mit seinem vorübergehenden Nachfolger Oliver Spasovski den Phanar auf. Dabei ins Auge gefasste Konsultationen mit Belgrad dürften nicht zustande gekommen sein.  Der „Primas“ der „mazedonisch-orthodoxen Kirche“, Erzbischof Stefan (Veljanovski), betonte aber trotzdem  seine Hoffnung auf Erlangung der „Autokephalie“. Schon zuvor hatte Erzbischof Stefan voll Stolz berichtet, dass ihn (im Oktober des Vorjahrs) der US-Außenminister Michael Pompeo besucht und seiner Unterstützung versichert habe. Dabei ging der mazedonische Erzbischof nicht auf die Frage ein, ob der – persönlich presbyterianische – amerikanische Politiker und seine Berater sich der Untiefen des orthodoxen Kirchenrechts bewusst waren.

Denn Mazedonien ist die vielleicht schwierigste kirchenpolitische Frage der Balkanhalbinsel, schwieriger als Montenegro. Die Situation hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Am 30. Mai 2018 befasste sich der Heilige Synod des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel unter dem Vorsitz von Patriarch Bartholomaios I. mit der Situation der mazedonischen Kirche. Ausgangspunkt war ein Ersuchen der mazedonischen Kirche, die historische Erzeparchie Ochrid wiederherzustellen; dieses Ersuchen wurde auch von einem Schreiben des (damaligen und heutigen) mazedonischen Ministerpräsidenten Zoran Zaev an den Ökumenischen Patriarchen unterstützt. Im Pressebericht über die Tagung des Heiligen Synods hiess es, man werde sich im Phanar mit der Frage „unter Beachtung der unverletzlichen kanonischen Bestimmungen“ und der „Vorrechte des Ökumenischen Patriarchats“ befassen.

Mit dem Appell an Konstantinopel hatte die mazedonische Kirchenleitung eine neue Karte ausgespielt. Zuvor hatte der Eindruck bestanden, Skopje versuche, durch Anlehnung an die bulgarisch-orthodoxe Kirche eine kirchenrechtlich abgesicherte Basis seiner Existenz zu erlangen. Aber es kam anders. Der Stolperstein war das 1.000-Jahr-Jahr-Jubiläum der Erzeparchie (später sogar Patriarchat) Ohrid (Achrida) am 27./28. Mai 2018. Sowohl im mazedonischen als auch im bulgarischen Narrativ spielt dieses Jubiläum eine zentrale Rolle. Das Oberhaupt der mazedonisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Stefan (Veljanovski), hatte die Spitzenpersönlichkeiten von Staat und Kirche aus Bulgarien nach Ohrid eingeladen. Aber der Heilige Synod in Sofia beschloss am 15. Mai  mehrheitlich, keine Delegation nach Ohrid zu entsenden, wenngleich es unterschiedliche Meinungen gab. Der Sekretär des Heiligen Synods, Metropolit Naum (Andonov Dimitrov) von Ruse, erklärte in aller Deutlichkeit, dass die bulgarische Kirche ihren kanonischen Anspruch als Rechtsnachfolgerin der Erzeparchie Ohrid nicht aufgebe, auch wenn Ohrid heute auf mazedonischem Staatsgebiet liege. Eine Entsendung von Repräsentanten der bulgarischen Kirche nach Ohrid wäre einem “nationalen Verrat” gleichgekommen, weil damit implizit die Anerkennung des mazedonischen Anspruchs auf das Erbe von Ohrid verbunden gewesen wäre. Den bulgarischen Bischöfen gehe es um die Verteidigung sowohl der “nationalen Identität” als auch der orthodoxen kirchenrechtlichen Vorschriften. Vor allem müsse man aber bedenken, dass eine Anerkennung der mazedonischen Kirche durch die bulgarisch-orthodoxe Kirche allein ein Schisma in der orthodoxen Welt auslösen würde, eine solche Vorgangsweise sei “eines orthodoxen Christen nicht würdig”. Auch einer der Vertreter der pro-mazedonischen Fraktion, Metropolit Nikolai (Metodiev Sevastianov) von Plovdiv, meldete sich am 23. Mai öffentlich zu Wort. Er erinnerte daran, dass der Ökumenische Patriarch die bulgarische Kirche als “erstgeborene Tochter” unter den slawischen Kirchen bezeichnet hatte. Daher könne die bulgarische Kirche zwar nicht die Autokephalie verleihen, wohl aber die “jüngeren Schwesterkirchen” in der Region konsultieren.

Am 24. Mai 2018 – am Festtag des Heiligen Kyrill – fanden sich dann am Grab des Slawenapostels in der römischen Basilika San Clemente erstmals offizielle staatliche Delegationen aus Sofia und Skopje (unter Führung der Ministerpräsidenten Bojko Borisov und Zoran Zaev) gemeinsam ein (ein solches Miteinander hatte es bisher noch nie gegeben). Beiden Delegationen gehörten auch orthodoxe Bischöfe an. Allerdings gab es keine gemeinsame Göttliche Liturgie am Grab Kyrills, die bulgarischen Hierarchen konnten mit den offiziell als Schismatiker geltenden Mazedoniern nicht konzelebrieren.

Begonnen hatte alles im November 2017, als die mazedonisch-orthodoxe Kirche in einem offiziellen Schreiben an Sofia erklärte, man sei bereit, die bulgarisch-orthodoxe Kirche als ”Mutterkirche” zu akzeptieren, wenn Sofia zuvor die “Autokephalie” (Selbständigkeit) der Mazedonier offiziell anerkenne. Der Heilige Synod in Sofia beschloß daraufhin am 27. November, man werde alles unternehmen, um die “Normalisierung” der kanonischen Situation der Mazedonier zu erreichen. Am 21. Dezember kam es tatsächlich zu einer Sitzung eines bulgarisch-mazedonischen bischöflichen Komitees, nachdem zuvor schon am 11. Dezember die Entsendung des bulgarischen Bischofs Sionij (Radev) von Velitsa zur Feier der 15 Märtyrer von Tiberiopolis im mazedonischen Strumica Aufsehen erregt hatte (bei der Feier war auch Ministerpräsident  Zaev anwesend). Bischof Sionij überbrachte auch eine Grußbotschaft des bulgarischen Patriarchen Neofit, die von den mazedonischen Kirchenvertretern mit großem Wohlgefallen aufgenommen wurde. Dass Metropolit Nikolai von Plovdiv dann im Februar 2018 den bulgarischen Präsidenten Rumen Radev bei einem Besuch mazedonischer Klöster begleitete, löste aber in Konstantinopel, Athen und Belgrad Missfallen aus.

Die Haltung des Heiligen Synods von Sofia wurde sowohl in Belgrad als auch in Athen scharf kritisiert. Für die serbische Kirche geht es nicht nur um die Vorgänge von 1967, sondern auch die Situation der serbisch-orthodoxen Metropolie Ohrid und ihres Erzbischofs Jovan (Vraniskovski), der jahrelang von den mazedonischen Behörden verfolgt und auch ins Gefängnis geworfen wurde. Der 15 Jahre dauernde Rechtsstreit endete am 16. November 2017 mit der Verurteilung der Republik Mazedonien durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wegen Verletzung der Versammlungs- und Vereinsfreiheit und der Gedanken-, Gewissens- und –Religionsfreiheit. Am Bosporus erklärte der Heilige Synod, Sofia müsse sich bewusst sein, dass die Kirche von Konstantinopel die “Mutterkirche aller Balkan-Nationen” ist, wie Bartholomaios I. betonte.

Die Auseinandersetzung um die mazedonische Kirche hat ihre Wurzeln in der Geschichte. Als Bischofssitz reicht Ohrid in frühchristliche Zeit zurück, ging möglicherweise in der Völkerwanderungszeit unter und blühte ab Ende des 9. Jahrhunderts im Bulgarischen Reich wieder auf – als eines der wichtigsten Zentren des altkirchenslawischen Schrifttums. 976 erhob Zar Samuel die Erzeparchie von Ohrid zum Patriarchat. Aber schon rund 50 Jahre später (1018) wurde das Bulgarische Reich wieder dem Oströmischen Reich, der Basileia ton Romaion, eingegliedert, aus dem Patriarchat wurde eine „autokephale Erzeparchie“. Nach dem Überfall der Lateiner auf Konstantinopel 1204 wurde Ohrid wieder bulgarisch, dann griechisch und schließlich serbisch. Aufgrund ihrer Loyalität zu den osmanischen Herrschern konnten die Erzbischöfe von Ohrid ihre Jurisdiktion im 16. Jahrhundert ausbauen. Um 1520 wurde das serbische Patriarchat von Pec aufgelöst und dessen Eparchien an Ohrid übergeben; das Patriarchat von Pec wurde jedoch 1557 unter dem (serbischen) Großwesir Mehmed Sokolovic wieder erneuert. Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1767 umfasste die Erzeparchie Ohrid nunmehr neun Metropolien und fünf Eparchien. Im 16. und 17. Jahrhundert warb Ohrid verstärkt um Unterstützung durch Wien und Rom, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gingen vier Erzbischöfe kurzfristige Unionen mit der römischen Kirche ein. 1767 verfügten die osmanischen Machthaber die Auflösung der Erzeparchie, ihre Eparchien wurden dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel übergeben.

Als Reaktion formierte sich eine bulgarische Nationalbewegung, die nach kirchlicher Unabhängigkeit vom Phanar strebte. Im 19. Jahrhundert verschärfte sich der Konflikt, bis 1870 durch einen Ferman des Sultans eine eigene bulgarisch-orthodoxe Kirche unter einem Exarchen mit Sitz in Konstantinopel geschaffen wurde. Nach Artikel 3 des Fermans musste der gewählte Exarch vom Sultan und vom Ökumenischen Patriarchen bestätigt werden. Der Exarch hatte nach Artikel 4 den Namen des Patriarchen im Gottesdienst zu nennen und sollte nach Artikel 7 weiterhin das Myron (Salböl) vom Patriarchen entgegennehmen. Bis zu den Balkankriegen 1912/1913 umfasste das bulgarische Exarchat 23 Eparchien (Diözesen) in Bulgarien, Thrakien und Mazedonien. Als der erste Exarch Antim I. 1872 die Unabhängigkeit vom Ökumenischen Patriarchat proklamierte, erklärte eine nach Konstantinopel einberufene orthodoxe Synode das Exarchat als schismatisch und bezichtigte es der Häresie des „Philetismus“ (kirchlich verbrämter Nationalismus). Erst 1945 nahm das Ökumenische Patriarchat auf Druck der russisch-orthodoxen Kirche die Kirchengemeinschaft mit der bulgarisch-orthodoxen Kirche wieder auf.

Politisch stand in den schweren Auseinandersetzungen („mazedonische Wirren“) der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts in dem damals noch osmanisch beherrschten Gebiet außer Frage, dass die slawischen Bewohner Mazedoniens Bulgaren seien. Im Zuge der Balkankriege wurde aber das nördliche Mazedonien serbisch, das südliche griechisch. Sofia verfolgte das Ziel der „Befreiung“ der Gebiete am Vardar auch nach dem Ersten Weltkrieg konsequent weiter und konnte dieses Ziel als Verbündeter NS-Deutschlands auch 1941-1944 kurzfristig erreichen. Die Schaffung der mazedonischen Nation war dann eine titoistische Initiative. Erst 1999 anerkannte Sofia formal die Existenz einer mazedonischen Nation und einer mazedonischen Sprache. Auch heute noch gibt es in Bulgarien Strömungen, die eine eigenständige mazedonische Nation nicht akzeptieren wollen.