Ökumene: „Kein Streben nach Gleichmacherei, sondern Zulassen von Vielfalt“

Neugewählter Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Prof. Rudolf Prokschi, im „Sonntag“-Interview: „Die Glaubwürdigkeit der Sendung Jesu hängt davon ab, ob wir ein zerstrittener und gespaltener Haufen sind oder ob wir vor der Welt das Zeugnis der Einheit abgeben“

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Foto: © Bwag/CC-BY-SA-4.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 08.11.19 (örkö/poi) „Für mich ist Ökumene auf keinen Fall das Streben nach Gleichmacherei, sondern das Zulassen der Vielfalt, der Fülle“: Dies betonte der neugewählte Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Prof. Rudolf Prokschi, in einem großen Interview mit der Wiener Kirchenzeitung „Der Sonntag“. Prof. Prokschi, langjähriger Ordinarius für Patrologie und Ostkirchenkunde an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“ und Vorsitzender der Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen, wird das Amt des ÖRKÖ-Vorsitzenden mit 1. Jänner 2020 antreten. Im „Sonntag“-Interview hält er unmissverständlich fest: „Die Glaubwürdigkeit der Sendung Jesu hängt davon ab, ob wir ein zerstrittener und gespaltener Haufen sind oder ob wir vor der Welt das Zeugnis der Einheit abgeben. Es ist der Auftrag des Herrn und nicht das Privatvergnügen von einigen, die meinen, es wäre schön, wenn wir eins wären“. Auf diesem Weg müsse weitergegangen werden: „Das Ziel ist klar; das Ziel ist nicht der Weg, sondern die sichtbare Einheit, die sich ausdrückt in der Communio, in der Kommuniongemeinschaft. Was das Amt und die Eucharistie anbelangt, so haben wir mit den Orthodoxen viele Gemeinsamkeiten. Wir müssen aber achtgeben, dass wir keinen Separatfrieden gegen die anderen machen. Wir müssen den Blick offenhalten und deshalb finde ich die Arbeit im ÖRKÖ für sehr wichtig, weil dort alle christlichen Kirchen vertreten sind und versucht wird, gemeinsam einen Weg zu gehen“. „Mentalitätsmäßig“ seien die Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, den Katholiken oft näher als die Ostkirchen. Aber: „Allein vom theologischen Erbe her gibt es mit den orthodoxen und mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen viel mehr Gemeinsamkeiten“.

Im Hinblick auf die ökumenische „Ungeduld“ wegen der noch ausstehenden Kommuniongemeinschaft plädiert Prof. Prokschi dafür, in der Diskussion den Blick nicht zu sehr auf das zu lenken, was bei den „anderen“ zu kritisieren ist, „vielmehr sollten wir in der eigenen Geschichte nachspüren, ob wir nicht manche Einseitigkeiten auch in der eigenen Tradition haben“. Durch die gemeinsame ökumenische Forschung habe sich herausgestellt, dass die theologischen Positionen gar nicht so weit auseinanderliegen. Aber wahrscheinlich müsse es gelingen, noch stärker in die jeweiligen Materien einzudringen und eine neue Sprache zu finden, wo beide Seiten zustimmen können. Das sei immer ein Vorgang, der sehr schwierig ist. Prokschi: „Ich erinnere mich an die Gespräche der offiziellen Katholisch-Orthodoxen Dialogkommission, in der auch mein Lehrer, Professor Ernst Christoph Suttner, mitgewirkt hat. Er hat erzählt, dass es auf katholischer Seite oft das Gefühl gegeben hat: Der gemeinsame Abschlusstext kommt uns sehr fremd vor – das muss orthodoxe Tradition sein. Und bei den Orthodoxen war genau das umgekehrte Gefühl: Das ist nicht orthodox, das muss katholisch sein. Ich bin selbst Mitglied eines internationalen orthodox-katholischen Arbeitskreises, und mache die gleiche Erfahrung: Das Ringen um Formulierungen, damit sich jede Seite verstanden fühlt, ist gar nicht einfach, weil es natürlich immer um einen Kompromiss geht“.

Prof. Prokschi, der schon länger Mitglied in der Vollversammlung des ÖRKÖ ist (und auch schon eine Periode im Vorstand war), sieht für den Ökumenischen Rat eine doppelte Aufgabe. Der ÖRKÖ wolle einerseits eine gemeinsame Stimme der christlichen Kirchen im Hinblick auf die gesellschaftspolitischen Herausforderungen sein. So hätten etwa die christlichen Kirchen östlicher und westlicher Tradition in Österreich im Ökumenischen Sozialwort von 2003  gemeinsam Stellung zu den sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen genommen. Andererseits greife der ÖRKÖ auch Themen auf, die das praktisch-pastorale Zusammenleben der Christen betreffen, wie zum Beispiel die Situation von Ehepaaren, die aus verschiedenen christlichen Konfessionen stammen. Im ÖRKÖ spüre man deutlich, wie die Christen „im gemeinsamen Ringen um pastorale Fragen, in den ökumenischen Gottesdiensten und in anderen gemeinsamen Veranstaltungen, einander näher gekommen sind“.

Der neugewählte ÖRKÖ-Vorsitzende zitiert Prof. Suttner, der immer das Bild vom Berg gebraucht habe, der vom Süden und Norden, vom Osten und Westen aus betrachtet, jeweils anders aussieht, aber immer derselbe Gipfel ist mit dem Gipfelkreuz als dem gemeinsamen Ziel. Ein Einsiedler auf dem Berg Athos habe ihm einmal erklärt: „Geht ihr euren katholischen Weg, so wie ihn euch eure Kirche lehrt. Geht diesen Weg und verwirklicht ihn in eurem Leben. Und wenn wir unseren orthodoxen Weg gehen, so wie unsere Kirche ihn lehrt, dann bin ich zuversichtlich, dass wir uns bei Christus treffen werden“.

Die östliche Tradition liegt Prof. Prokschi nahe, der aber im „Sonntag“-Interview zugleich deutlich machte: „Wir müssen alle im Blick haben, und dürfen nicht einen Separatweg mit einzelnen christlichen Kirchen gehen“. In der östlichen Tradition seien die Liturgie und die persönliche Spiritualität ein ganz wichtiger und entscheidender Faktor. Es gehe sehr stark darum, dass jeder einzelne Gläubige  in der Begegnung mit Christus – auch durch Betrachtung und Verehrung der Ikonen – tiefer in den Glauben eindringt und ihn auch besser versteht. Von großer Bedeutung für die östlichen Kirchen seien auch die Kirchenväter. Prokschi: „Es war auch für mich an der Fakultät eine schöne Herausforderung, die Patrologie, die Lehre der Kirchenväter, zu vertreten, und die Kirchenväter, die unser gemeinsames Erbe sind, näher kennenzulernen und ausgehend von den Schriften der Kirchenväter unsere heutige Tradition besser zu verstehen“. Natürlich sei die Theologie der „Väter“ auch zeitbedingt, sie gehöre in eine bestimmte Periode der Kirchengeschichte. Die Kirchenväter hätten aber wesentlich die Theologie insgesamt entfaltet: „Wir können unser heutiges Glaubensbekenntnis nur dann verstehen, wenn wir die Schritte sehen, die die Zeit der Kirchenväter geprägt haben, die Entwicklung der Trinitätslehre oder das Ringen um die Christologie: Wer ist Jesus Christus?“

Im Gespräch mit dem „Sonntag“ machte der neugewählte ÖRKÖ-Vorsitzende auch auf die besondere Rolle Wiens für die Ökumene aufmerksam: „Es gibt hier in Wien eine Fülle von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, wie wir sie sonst kaum wo in der Welt an einem Ort finden können. Für mich als Ostkirchen-Fachmann sind schon die orthodoxen, orientalisch-orthodoxen und mit Rom unierten Ostkirchen ein großer Blumenstrauß“. In Wien habe es in den letzten Jahrzehnten große Pioniere der Ökumene in allen Traditionen gegeben, auf katholischer Seite  „gewiss Oberin Christine Gleixner“: „Auf diesem Erbe dürfen wir aufbauen, das ist natürlich auch ein Auftrag! Insbesondere wenn wir nicht die Höhepunkte in der Ökumene erleben, sondern ‚die Mühen der Ebene‘ und deutlich spüren, dass die noch ausstehenden Fragen nicht im Handumdrehen zu lösen sind. Es ist wie bei einer Fußwallfahrt von Wien nach Mariazell: Die einen sind bildlich noch in Heiligenkreuz, die andern hören schon die Kirchenglocken von Mariazell. Da muss man schon sagen: Warten wir einmal zusammen, um dann gemeinsam das Ziel zu erreichen“.

Angesprochen auf das Verhältnis zu den evangelikalen Freikirchen, die sich an der Plattform „Runder Tisch/Weg der Versöhnung“ beteiligen, meinte Prof. Prokschi: „ Nach meinem Gefühl müssen wir in Zukunft auch mit diesen Gruppierungen mehr den Dialog suchen. Ich habe den Eindruck, es ist bisher eher ein Nebeneinander gewesen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in Zukunft stärker aufeinander zugehen, um überhaupt die unterschiedlichen Ansätze und Anliegen näher kennenzulernen. Es gibt oft auf beiden Seiten Irritationen. Da braucht es noch mehr Information und Gespräch. Manches ist uns mentalitätsmäßig fremd, da es oft aus dem angloamerikanischen Raum kommt“.