Ökumenischer Empfang Wien: 75. Geburtstag des Kardinals und Gedenken an die koptischen Märtyrer

Schönborn: „Das gemeinsame Zeugnis für das Evangelium ist stärker als ‚alle Wunden der Geschichte‘“ – Bischof Chalupka: „Religionsfreiheit bedeutet nicht in erster Linie ‚Freiheit von Religion‘, sondern ‚Freiheit zur Religion‘“ – Vesper im byzantinischen Ritus im Gedenken an die 21 in Libyen wegen ihres christlichen Glaubens ermordeten afrikanischen Arbeitsmigranten

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Foto ©: Claudia Schneider (Lizenz: Erlaubnis der Fotografin)

Wien, 22.01.20 (poi) Im Zeichen des 75. Geburtstags von Kardinal Christoph Schönborn und des Gedenkens an die koptischen Märtyrer in Libyen stand am Dienstagabend der „Ökumenische Empfang“ des Wiener Erzbischofs anlässlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen, der heuer erstmals im Wiener Priesterseminar stattfand. Eindrucksvoller Auftakt des Empfangs war die vom Vizerektor des „Collegium Orientale“ in Eichstätt, Michael Prohazka (früherer Abt von Geras und „Pro Oriente“-Vorstandsmitglied), in der Kirche des Priesterseminars zelebrierte Vesper im byzantinischen Ritus, bei der jener 20 koptischen Arbeitsmigranten und ihres ghanesischen Kollegen gedacht wurde, die der Mordlust islamistischer Terroristen im Februar 2015 zum Opfer fielen. Für die musikalische Gestaltung sorgte der Chor des „Collegium Orientale“. Mit Kardinal Schönborn, dem orthodoxen Metropoliten Arsenios (Kardamakis), dem evangelisch-lutherischen Bischof Michael Chalupka und dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Domdekan Rudolf Prokschi, an der Spitze nahmen zahlreiche Repräsentantinnen und Repräsentanten der christlichen Kirchen Wiens teil.

Bei der anschließenden Begegnung im Priesterseminar würdigte Kardinal Schönborn das Zeugnis der afrikanischen Märtyrer. Der Wiener Erzbischof berichtete von seinen Eindrücken bei einer Ägyptenreise mit einer „Pro Oriente“-Delegation im Herbst 2016, als er in Salamout – woher die meisten Märtyrer stammten – mit dem örtlichen koptischen Metropoliten Paphnutios und den Familienangehörigen der Ermordeten zusammentraf. Bei aller Trauer hätten die Christen in Salamout eine ungeheure Würde ausgestrahlt. Der Vater eines der jungen Märtyrer habe ihm gesagt: „Mein Sohn war ein Fels des Glaubens“.

Im Hinblick auf die heutige Situation in der Ökumene unterstrich Kardinal Schönborn, dass es nicht mehr so sehr um „die Produktion von Konsenspapieren“ gehe, sondern um das gemeinsame Zeugnis für das Evangelium. Das gelte insbesondere, aber nicht nur, für die Gebiete, in denen Christen verfolgt werden, weil sie Christen sind- „die Verfolger stellen nicht die Frage, ob jemand katholisch, evangelisch oder orthodox ist“. Im gemeinsamen Zeugnis habe es in jüngster Zeit erfreuliche Ereignisse gegeben, sagte der Kardinal und nannte als Beispiele das 500-Jahr-Gedenken der Reformation 2017 oder im Vorjahr die 150-Jahr-Feier der Baptisten in Österreich. Dort sei spürbar geworden, dass das gemeinsame Zeugnis stärker ist als „alle Wunden der Geschichte“. Besonders hob der Wiener Erzbischof hervor, dass in der Retzer Gegend eine Niederlassung der Bruderhof-Gemeinschaft aus der Tradition der Täufer („Hutterer“) zustandegekommen ist. „Ich erlebe es als Geschenk, dass diese Gemeinschaft bei uns wieder Fuß fassen kann“, sagte der Kardinal wörtlich und hob hervor, dass die Bruderhof-Niederlassung im einstigen Landwirtschaftshof des Retzer Dominikanerklosters errichtet wurde. In seinen einführenden Worten präsentierte Kardinal Schönborn auch die soeben erschienene Dokumentation über das im Herbst des Vorjahres auf Initiative von Generalvikar Yuriy Kolasa veranstaltete Symposion zum Gedenken an die interreligiöse Initiative von Kardinal Theodor Innitzer, der 1933 das Gewissen der Welt im Hinblick auf die von der Kommunistischen Partei im Zug der Kollektivierung der Landwirtschaft künstlich herbeigeführte Hungerkatastrophe in der Ukraine und anderen Teilen der Sowjetunion aufrüttelte. Die Initiative Innitzers gilt als einer der größten humanitären Akte des 20. Jahrhunderts, der die Rettung von Menschenleben, die Linderung des Leids und die Erhaltung der menschlichen Würde zum Ziel hatte.

Seine persönliche  Haltung zur Ökumene fasste Kardinal Schönborn in einem humorvollen Rückblick auf seinen ersten Live-TV-Auftritt aus Rom zusammen, als ihm der legendäre TV-Moderator Robert Hochner nach der Ernennung zum Bischof vor 29 Jahren die Ökumene-Frage stellte. Damals hatte Schönborn geantwortet: „Die christlichen Kirchen sind wie Speichen eines Rades. Je näher sie der Nabe – das ist Christus – sind, desto näher kommen sie auch zueinander“.

Nach der von der „Mutter der Ökumene“, Oberin Christine Gleixner, vor vielen Jahren begründeten Tradition stellten sich auch neu ins Amt gekommene ökumenische Persönlichkeiten vor. Der neue evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka berichtete, dass er selbst aus einer gemischtkonfessionellen Familie kommt, seine Mutter ist katholisch, sein Vater war ein evangelischer Christ aus der slowakischen Minorität in der Vojvodina. Wichtige ökumenische Erfahrungen sammelte er im „Centro Ecumenico Agape“ der Waldenser-Kirche in Prali bei Turin, wo schon in den 1980er-Jahren im Hinblick auf die Migration Wert auf den Dialog mit dem Islam gelegt wurde, aber auch im Redaktionsteam des „Ökumenischen Sozialworts“ gemeinsam etwa mit Oberin Gleixner und dem Sozialethiker und Jesuiten P. Johannes Schasching. „Die Erarbeitung des gemeinsamen Sozialworts war damals eine Sternstunde der Ökumene“, stellte Chalupka fest. Als intensiv habe er auch die Zusammenarbeit zwischen Diakonie und Caritas erlebt: „Wir haben nicht nur gemeinsam den ‚Kardinal-König-Preis‘ bekommen, wir sind auch bei der Tagung der katholischen Bischöfe und evangelischen Superintendenten im Burgenland gemeinsam als Beispiel von ‚best practice’ in Sachen Ökumene aufgetreten“.

Bischof Chalupka formulierte beim „Ökumenischen Empfang“ ein kurzgefasstes ökumenisches Vier-Punkte-Programm. Dazu gehöre die Betonung des überall gegebenen Lebensrechtes der Christen. Daher müssten die Kirchen auch den Missionsauftrag Jesu ernst nehmen:  „Wir freuen uns über jeden, der sich bei uns taufen lässt“. Keinesfalls dürften Menschen, die wegen ihrer christlichen Überzeugung geflohen sind oder die jetzt in Österreich das Christentum entdecken, neuerlich Verfolgung ausgesetzt werden. „Es ist die Kompetenz der Kirchen, zu bestimmen, wer zu uns gehört“, sagte der evangelisch-lutherische Bischof und erntete Szenenapplaus. Religionsfreiheit bedeute nicht in erster Linie „Freiheit von Religion“, sondern „Freiheit zur Religion“. Das beinhalte auch Sichtbarkeit von Religion im öffentlichen Raum, wozu auch der Sonntag gehört. Mit dem Verlust des Karfreitags als Feiertag hätten die evangelischen Christen in Österreich da eine schmerzliche Erfahrung machen müssen. Als gemeinsames Anliegen aller Christen bezeichnete Bischof Chalupka die „Bewahrung der Schöpfung“. Er betrachte das als besondere Verpflichtung, da er sein Bischofsamt am 1. September, dem Beginn der alljährlichen kirchlichen  „Schöpfungs-Zeit“, angetreten habe.

„Mnogoja leta“

Auch der neue ÖRKÖ-Vorsitzende Prof. Prokschi – seit 1. Jänner im Amt – skizzierte seinen ökumenischen Weg, der ihn auf Einladung von Oberin Gleixner zunächst in die Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen geführt hatte, deren Vorsitzender er seit längerem ist und die jetzt neu konstituiert wurde. Prokschi stellte auch die Theologin Raphaela Pallin als Sekretärin der Diözesankommission vor; sie arbeitet im Pastoralamt der Erzdiözese als Referentin für Ökumene und für Erwachsenenkatechumenat. Prokschi machte auch auf die neue Podcast-Serie der ökumenischen Radioagentur „Omega“ aufmerksam; in den ersten Podcasts der neuen Serie sind Kardinal Schönborn und Bischof Chalupka zu hören.

Prof. Prokschis Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Patrologie und Ostkirchenkunde an der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Thomas Mark Nemeth, bezeichnete Wien als einen guten Ort, um – gemeinsam mit orthodoxen Kollegen – Impulse der Ostkirchenkunde in die Gesellschaft einzubringen. Als einen seiner wissenschaftlichen Schwerpunkte nannte Prof. Nemeth die Geschichte der Ostkirchen in der Habsburgermonarchie. Kardinal Schönborn verwies darauf, dass die dauerhafte Verankerung der Ostkirchenkunde im Programm der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät ein großes Anliegen seines Vorvorgängers Kardinal Franz König war.

Am Ende des offiziellen Teils des „Ökumenischen Empfangs“ gab es einen bewegenden Akzent, als der Vorsitzendes des „Rates der Freikirchen in Österreich“, Reinhard Kummer, einen Brief an Kardinal Schönborn verlas, der die Antwort an die Vergebungsbitte des Wiener Erzbischofs darstellt, die dieser bei der 150-Jahr-Feier der Baptisten formuliert hatte („Vergebt uns, was unsere Kirche den Täufern in der Reformationszeit angetan hat“). In dem Brief heißt es u.a.: „Ja, wir vergeben…Uns ist schmerzhaft bewusst, dass manchen Begegnungen mit anderen Traditionen unsererseits mit freikirchlicher Arroganz begegnet worden ist, was Verletzungen und Distanzierungen verursacht hat. Deswegen sagen auch wir ‚vergebt uns‘. Im respektvollen Umgang im Geistes unseres Herrn Jesus Christus wollen wir uns gemeinsam mit Ihnen, Herr Kardinal, und mit allen christlichen Traditionen den Herausforderungen einer zunehmend säkularen Gesellschaft stellen und das Evangelium von Jesus Christus verkündigen“.

Zum Abschluss überreichte Prof. Prokschi mit Glück- und Segenswünschen unter dem Applaus der Wiener Ökumene dem Kardinal einen Blumenstrauß zum Geburtstag, der Chor aus Eichstätt sang das ostkirchliche Gratulationslied „Mnogoja leta“ (viele Jahre). Kardinal Schönborn antwortete mit dem Hinweis, er wolle die ihm zuteil gewordene „Spielverlängerung“ Christus, der Gemeinschaft der Glaubenden und der Liebe zu allen Menschen zur Verfügung stellen.