Ökumenischer Patriarch betont Sorge um das „gemeinsame Haus“

Der Rom-Besuch von Bartholomaios I. aus Anlass des internationalen Friedenstreffens stand auch im Zeichen der innigen Verbundenheit des Erzbischofs von Konstantinopel mit Sant’Egidio und mit der Fokolar-Bewegung

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Foto ©: ניר חסון Nir Hason (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rom, 20.10.20 (poi)  Die Sorge um das „gemeinsame Haus“ stellte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. am Dienstag in den Mittelpunkt seiner Ansprache beim internationalen Friedenstreffen von Sant’Egidio mit Papst Franziskus auf dem römischen Kapitol. Das im Assisi-Format gestaltete Treffen biete in diesem „schwierigen Augenblick für die ganze Menschheit“ die Möglichkeit, über die Chancen einer „besseren Gesellschaft“ nachzudenken und zu meditieren, die imstande ist, die „großen Herausforderungen“ zu bewältigen, „die nicht nur einzelne Völker oder Nationen betreffen, sondern das ganze Leben in diesem wunderbaren Haus, das ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist“.

Bartholomaios I. betonte seine Überzeugung, dass eine Geschwisterlichkeit, die zu „Frieden und Gerechtigkeit, zu Respekt und Verständigung“ führt, die Sorge um das „gemeinsame Haus“ voraussetzt, in dem sich alle befinden. Der Ökumenische Patriarch begrüßte die Fortschritte der letzten Jahre im Hinblick auf die Sensibilisierung der öffentlichen Meinung, die Bewegungen, Wissenschaftlern oder einfachen Bürgern zu verdanken sind, die sich für die Heilung der Wunden der Schöpfung einsetzen. All dies sei freilich durch die von der Corona-Pandemie ausgelöste gesundheitliche und wirtschaftliche Weltkrise in Frage gestellt worden, die neue Fragen aufwerfe. Umso mehr gehe es um einen neuen Weg von der „absoluten Herrschaft des Menschen“ über die ganze Schöpfung zu einer ökologischen Haltung, die imstande ist, die Präsenz des Göttlichen in der Schöpfung wahrzunehmen. Die Menschheit müsse ihre Aufgabe als „Hüterin“ des Geschaffenen wiederaufnehmen, unterstrich Bartholomaios I.: „Es gibt keinen Platz für Fundamentalismen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, Hedonismus, Egoismus und Herrschaftsgelüste“. Im „gemeinsamen Haus“ bedeuteten Geschwisterlichkeit und Frieden „wahre Freiheit“, die verständlich mache, dass sich in dieser „dunklen Stunde“ niemand „allein retten“ könne, nahm der Ökumenische Patriarch das Motto des von Sant’Egidio veranstalteten Friedenstreffens auf.

Bereits am Montagabend war Bartholomaios I. beim Abendgebet der Gemeinschaft Sant’Egidio in der Basilika Santa Maria in Trastevere zu Gast gewesen. Dabei brachte der Ökumenische Patriarch bereits eingangs seine freundschaftliche Verbundenheit mit dem Gründer der Gemeinschaft, Prof. Andrea Riccardi, zum Ausdruck. Er sei aus der Stadt Konstantins gekommen, aus der „megali ekklesia“, der „großen Kirche“, um in Rom nicht nur eine Botschaft der „friedlichen Koexistenz der Völker“ zu überbringen, so der Patriarch, sondern die noch bedeutendere biblische Botschaft: „Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt“. Es sei ein Auftrag zur gegenseitigen Anteilnahme und Teilhabe an den Freuden und Schwierigkeiten. Es gebe viele Menschen, viele Religionen, viele Kulturen, sie seien der Reichtum der Kinder Gottes, sagte Bartholomaios I.: „Doch es gibt nur ein Volk, das Volk der Menschen, Geschöpfe Gottes und Bild Gottes, zu dem wir alle gehören, denn Gott hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne, wie in der Apostelgeschichte nachzulesen ist“.

Das von Sant’Egidio organisierte internationale Treffen in Rom stehe im Zeichen des Jesus-Wortes  „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Johannes 15, 9-17), erinnerte der Ökumenische Patriarch. Der Besuch in Rom könne nicht besser begonnen werden, als mit der Versammlung im Gebet, um mit den Geschwistern, den „Freunden“ im tiefsten Sinn des Wortes, den gemeinsamen Vater im Himmel zu loben und zu preisen. Er begleite die Gemeinschaft Sant’Egidio seit langer Zeit – „ein halbes Jahrhundert“ – mit Liebe, so Bartholomaios I.  Man dürfe nicht auf die Liebe verzichten,  die von Gott geschenkt und in Werken konkret wird, „die wir füreinander als Geschwister vollbringen, nicht nur in einer rein philanthropischen Haltung, sondern vielmehr als Lobpreis Gottes“. Christen dürften über Liebe nicht mit Sentimentalität sprechen, vielmehr sollten sie sich in Reue einer vollkommenen Freude an ihr erfreuen. Die Kirchenväter erinnerten daran, dass das Wort „Liebe“ in den Reden nüchtern und wohl bemessen verwendet werden soll, „damit sie nicht der Oberflächlichkeit oder gar der Gotteslästerung verfällt“.

Am Dienstagmorgen besuchte Patriarch Bartholomaios – der während seines Rom-Aufenthalts vom Pariser Metropoliten Emmanuel (Adamakis) begleitet wurde – das Internationale Zentrum der Fokolar-Bewegung in Rocca di Papa. In Rocca di Papa geleitete auch Msgr. Andrea Palmieri, der Vizesekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, den Ökumenischen Patriarchen. Empfangen  wurde der Patriarch von Maria Voce, der scheidenden Präsidentin der Fokolar-Bewegung. In Erinnerung an die Gründerin der Focolarini, Chiara Lubich, sagte  Bartholomaios I.: „Chiara hat die Einsatzbereitschaft für die Geschwisterlichkeit, die Einheit und den Frieden in allen Bereichen vorgelebt, und uns durch ihr Leben und ihre Schriften eine Botschaft übergeben, die wir nicht vergessen können“.

Der Besuch des Ökumenischen Patriarchen in Rocca di Papa war ein Höhepunkt im Rahmen des 100-Jahr-Gedenkens der Geburt von Chiara Lubich. Bartholomaios I. würdigte auch Maria Voce als „sehr geliebte Schwester“, deren Freundschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat lang zurückreiche, „seit ihrer Zeit in Konstantinopel, als sie einen unauslöschlichen Eindruck des Dienstes der Geschwisterlichkeit, der Einheit und der Liebe zu allen hinterließ“. Einige junge Leute der Fokolar-Bewegung stellten dem Patriarchen das „United Word Project“ vor, dessen Schwerpunkt heuer unter dem Motto „dare to care“ (die Sorge wagen) der Einsatz für die Umwelt und die schwächsten Glieder der Gesellschaft in aller Welt ist. Bartholomaios I. äußerte die Hoffnung, dass auch einige junge Orthodoxe an diesem „Projekt für das Wohl der Menschheit“ mitarbeiten können.