Ökumenischer Patriarch „zutiefst verletzt“

Bartholomaios I. nahm erstmals offiziell zur Umwandlung der Hagia Sophia und der Erlöser-Kathedrale des Chora-Klosters Stellung – Metropolit Hilarion: „Türkische Staatsführung missachtet religiöse Gefühle der Christen in aller Welt“

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Konstantinopel-Moskau, 24.08.20 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. ist tief betrübt über die am vergangenen Freitag offiziell gewordene Umwandlung der bisher als Museum geltenden Erlöserkathedrale, dem „Katholikon“ (Hauptkirche), des einstigen Chora-Klosterkomplexes. Am Sonntag hat der Patriarch in seiner Predigt am Ende der Göttlichen Liturgie im einstigen Faneromeni—Kloster in Kyzikos (osmanisch: Aydincik) in der kleinasiatischen Landschaft Mysien erstmals öffentlich auf die Umwandlung der Hagia Sophia und der Erlöser-Kirche von Chora in Moscheen Bezug genommen. „Diese Umwandlung hat uns verletzt“, stellte Bartholomaios I. fest: „Diese beiden einmaligen Denkmale Konstantinopels wurden als christliche Kirchen erbaut. Sie drücken den universalen Geist unseres Glaubens aus, Nächteslliebe und Hoffnung für die Ewigkeit“. Der Patriarch nahm auch auf die kostbaren Mosaiken der beiden Kirchen Bezug. Sie seien „Nahrung der Seele und außerordentliches Schauspiel für die Augen“, betonte er unter Zitierung des griechischen Schriftstellers und Malers Fotis Kontoglou. Diese vom christlichen Glauben inspirierten Kunstwerke seien Teil des Weltkulturerbes. „Wir bitten den Gott der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und des Friedens, damit er die Seelen der Verantwortungsträger erleuchtet“, stellte Bartholomaios I. abschließend fest.

Die Göttliche Liturgie wurde in im einstigen Faneromeni-Kloster aus Anlass des Abschlusses der Festzeit der Entschlafung der Muttergottes gefeiert. Wie auch sonst nützte Bartholomaios I. auch diesmal die Gelegenheit, um die christliche Vergangenheit dieses kleinasiatischen Gebiets in Erinnerung zu rufen, die durch den von den Westmächten initiierten Vertrag von Lausanne 1923 gewaltsam beendet wurde. Die Städte Mysiens, wie Kyzikos (Aydincik) oder Artaki (Erdek) seien ihrer früheren Größe beraubt, stellte der Patriarch laut „Orthodox Times“ fest: „Es gibt hier keine prosperierenden orthodoxen Gemeinschaften mehr, keine Kirchen, keine Klöster, keine Schulen, keine kirchlichen Einrichtungen. Aber es gibt den Geist der Griechen, der sich als unzerstörbar erweist. Man spürt es, wenn man hierher kommt, man ist nicht einfach ‚Besucher‘. Wir sind demütige Pilger und wir verehren das Heiligtum der Gottesmutter, wenn wir hierher kommen“.

Bartholomaios I. hat heuer zum sechsten Mal die Göttliche Liturgie in den Ruinen des Faneromeni-Klosters zelebriert. Wie viele andere Städte rund um das Marmara-Meer hatte auch Kyzikos bis 1923 eine christliche Bevölkerungsmehrheit. Erst der von den Westmächten initiierte Lausanner Vertrag von 1923 setzte der christlichen Präsenz ein Ende – mit entsetzlichen Folgen für die betroffenen Menschen.

Der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), sagte im Hinblick auf die Umwandlung herausragender oströmischer Kirchen in Moscheen im Gespräch mit der russischen Nachrichtenagentur RIA-Nowosti, es sei „zutiefst  besorgniserregend“, dass die derzeitige türkische Staatsführung „die religiösen Gefühle der Christen in aller Welt missachtet“. Man könne dafür kaum rationale Argumente finden. Es sei unwahrscheinlich, dass es für den türkischen Staat vorteilhaft ist, wenn auf dem „unschätzbaren byzantinischen Erbe“ herumgetrampelt wird. Solche Aktivitäten könnten auch nicht zur internationalen Reputation der Türkei beitragen oder die interreligiöse Situation im Land verbessern.

Die russische Kultur und Geschichte sei zutiefst mit der „glorreichen Vergangenheit des östlichen Römischen Reichs verbunden“, daher könnten Russland und die russische Kirche gegenüber den jüngsten traurigen Ereignissen nicht gleichgültig bleiben. Die Erlöser-Kathedrale von Chora habe ebenso wie die Hagia Sophia den Status einer UNESCO-Weltkulturerbestätte, erinnerte Metropolit Hilarion. Die Kathedrale in Chora habe ihre ursprüngliche Form besser bewahrt als viele andere Kirchen in Konstantinopel. Ihre grandiosen Mosaiken und Fresken seien außerordentliche Beispiele der „Paläologischen Renaissance“. Es sei zu befürchten, dass sie in Zukunft ebenso wenig zu betrachten sein werden wie die Mosaiken der Hagia Sophia., obwohl die türkischen Behörden versprochen hätten, dass man sie jederzeit – außerhalb der muslimischen Gebetszeiten – betrachten könne.