Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich diskutierte über die Spannungen um die Orthodoxie in der Ukraine

„Keine Konsequenzen“ für die ökumenische Arbeit in Österreich – ÖRKÖ-Vollversammlung will sich mit dem Verhältnis von „Evangelium und Politik“ befassen

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Foto: © Bwag (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 05.04.19 (örkö) Die Spannungen um die Orthodoxie in der Ukraine wurden am Donnerstag bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) ausführlich behandelt. Der Wiener Priesterseminarist Siluan Torsten Gall legte – in Vertretung von Prof. Rudolf Prokschi – die Fakten dar: „Autokephalie“ bedeutet Unabhängigkeit der Kirche eines bestimmten Gebiets in Organisation und Leitung, es gibt aber keinen panorthodoxen Konsens, wie die Autokephalie zu verleihen ist und wer die Vollmacht dazu hat (es gibt in der Orthodoxie keinen Jurisdiktionsprimat, Konstantinopel hat einen Ehrenvorrang). Es war geplant, diese Frage beim Konzil von Kreta 2016 zu behandeln, sie wurde aber im Hinblick auf die Auffassungsunterschiede von der Tagesordnung genommen. Der Primas einer autokephalen Kirche kann nur innerhalb der Grenzen seines Zuständigkeitsbereichs handeln, außerhalb dieses Bereichs darf er nur mit Erlaubnis und Auftrag des lokalen Organs tätig werden.

Auf dem Hintergrund dieses Territorialprinzips zeichnete Gall die Entwicklung seit der offiziellen Anfrage des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Konstantinopel im April des Vorjahrs nach. Poroschenko hatte sich damals auf das Konzept berufen, dass ein eigener Staat auch eine eigene orthodoxe Landeskirche haben sollte. In der Folge kam es zum ergebnislosen Patriarchentreffen zwischen Bartholomaios I. und Kyrill I. am 31. August. Tags darauf, am 1. September, wurde bei einer „Synaxis“ (Versammlung) der Bischöfe des Ökumenischen Patriarchats aus aller Welt die Entsendung von zwei konstantinopolitanischen Exarchen in die Ukraine beschlossen. Konstantinopel argumentierte, dass das Ökumenische Patriarchat nach wie vor die juridische Verantwortung für die Ukraine trage, weil 1686 die Metropolie von Kiew dem Moskauer Patriarchat „nur unterstellt, nicht eingegliedert“ worden sei. Die russisch-orthodoxe Kirche hingegen vertritt die Ansicht, dass das Moskauer Patriarchat in direkter Linie auf die Taufe der Rus im Jahr 988 zurückzuführen sei. Als Antwort auf die Entsendung der Exarchen nach Kiew beschloss das Moskauer Patriarchat, Bartholomaios I. nicht mehr in das Fürbittgebet bei der Liturgie einzuschließen, sich aus allen kirchlichen Gremien zurückzuziehen, in denen ein Vertreter Konstantinopels den Vorsitz hat und die Konzelebration mit Hierarchen des Ökumenischen Patriarchats zu untersagen.

Im Oktober erfolgte dann durch Konstantinopel die Rehabilitierung der beiden von Moskau exkommunizierten und mit dem Kirchenbann (Anathema) belegten Führungspersönlichkeiten der beiden schismatischen Gruppierungen „Kiewer Patriachat“ und „Ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“, Filaret (Denisenko) und Makarij (Maletytsch). Moskau antworte mit dem Abbruch der Eucharistiegemeinschaft mit Konstantinopel (die Eucharistiegemeinschaft ist das gemeinschaftstiftende Element der weltweiten Orthodoxie). Am 15. Dezember fand dann das „Vereinigungskonzil“ in Kiew statt, bei dem die beiden schismatischen Gruppierungen vertreten waren, von der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats hingegen nur zwei – zu diesem Zeitpunkt bereits amtsenthobene – Bischöfe. Bei dem Konzil wurde Metropolit Epifanij (Dumenko) zum Primas der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ gewählt. Dieser Kirche wurde von Bartholomaios I. am 6. Jänner die Autokephalie verliehen.

In der Diskussion wurde von den orthodoxen Vertretern im Ökumenischen Rat einhellig betont, dass die Auseinandersetzung um die Ukraine für die ökumenische Arbeit in Österreich „keine Konsequenzen“ habe. Der Wiener serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) verwies darauf, dass durch das Eingreifen der Politik in die Kirche „Unruhe“ entstanden sei, man müsse jetzt versuchen, Ruhe in die Sache zu bringen. Insbesondere gehe es darum, sich in systematischer und gründlicher Weise mit den kirchenrechtlichen Texten zu beschäftigen. Die Situation sei für die Orthodoxie insgesamt eine Herausforderung, ihre Struktur neu zu überdenken.

In seinem Vorstandsbericht hob der Vorsitzende des Ökumenischen Rates, Landessuperintendent Thomas Hennefeld, u.a. das Märtyrer-Symposion vom 11. Oktober 2018 und die Teilnahme an der Initiative „Thursdays in black“ des Weltkirchenrats hervor (im Rahmen von „Thursdays in black“ werden Frauen und Männer eingeladen, an Donnerstagen schwarze Kleidung zu tragen als Ausdruck der Solidarität mit Frauen, denen Gewalt angetan wird). Das Märtyrer-Symposion (bei dem u.a. der Linzer Bischof Manfred Scheuer und Superintendent Gerold Lehner referierten) nahm einen Impuls der letzten Vollversammlung des Weltkirchenrats im koreanischen Busan auf. Österreich war das einzige Land in Europa, wo das geschah. Bei dem Symposion wurden das Bild und das Verständnis von Märtyrern in den verschiedenen Traditionen der christlichen Kirchen beleuchtet und diskutiert. Es habe sich um einen gelungenen Beitrag zu einem tieferen Verständnis der jeweils anderen Kirchen gehandelt, so Hennefeld. Er kündigte an, dass in Zukunft weitere ökumenische Symposien zu unterschiedlichen Themen folgen sollen. Im Vorfeld der Wahlen zum Europäischen Parlament – „die für die EU richtungweisend sein können“ – wird der ÖRKÖ-Vorstand eine Erklärung vorlegen.

In der Diskussion der Vollversammlung wurde die Notwendigkeit betont, sich intensiv mit der Spannung von „Evangelium und Politik“ auseinanderzusetzen. Der Vorstand wurde beauftragt, die Sozialentwicklung in Österreich in den Blick zu nehmen. Beschlossen wurde, dass der ÖRKÖ als Kooperationspartner des von Prof. Ernst Fürlinger geleiteten „Zentrums Religion und Globalisierung“ an der Donau-Universität Krems beim Lehrgang „Klimagerechtigkeit – Vom Wissen zum Handeln“ fungieren soll.

Bei der ÖRKÖ-Vollversammlung wurde ein Überblick über die ökumenischen Termine der nächsten Monate gegeben. Am 24. Mai führt die Bewegung „Christen in Not“ (CiN), die im ÖRKÖ Beobachterstatus hat, von 17 bis 19 Uhr einen Schweigemarsch im Vorfeld der Eröffnung der „Langen Nacht der Kirchen“ durch, beim „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ vor der Albertina wird dabei das Wiedererstarken des Antisemitismus angeprangert werden. Am 29. Juni findet der Abschiedsgottesdienst für den scheidenden evangelischen Bischof Michael Bünker in der Lutherischen Stadtkirche in der Dorotheergasse statt (Bischof Bünker wurde bei der Vollversammlung für sein langjähriges Engagement im ÖRKÖ mit lebhaftem Beifall bedacht). Von 10. bis 12. Juli ist Stift Kremsmünster Schauplatz der Ökumenischen Sommerakademie, die heuer das Thema „Die gespaltene Gesellschaft“ behandelt (Referenten sind u.a. der Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner, „Diakonie“-Direktorin Maria Katharina Moser, Caritas-Präsident Michael Landau und der Linzer Sozialwissenschaftler Prof. Christian Spieß).

Der offizielle Gottesdienst des ÖRKÖ zur „Schöpfungszeit“ (1. September bis 4. Oktober) findet am 11. September um 18:30 Uhr in der Reformierten Stadtkirche in der Dorotheergasse statt. Der Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ am 17. Jänner 2020 ist in der reformierten Erlöser-Kirche in der Wielandgasse in Wien-Favoriten angesetzt. Der ÖRKÖ-Gottesdienst zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen wird am 23. Jänner 2020 in der koptisch-orthodoxen Kirche Maria vom Siege am Gürtel nächst dem Westbahnhof stattfinden.