„Offener Brief“ des orthodoxen Erzbischofs von Berlin zur Ukraine-Krise

Erzbischof Mark, einer der angesehensten Hierarchen der russischen Auslandskirche (ROCOR), bedauert das Vorgehen Konstantinopels und sieht ernste Konsequenzen auch für die orthodoxe Diaspora – Aber der Informations- und Meinungsaustausch unter den in Deutschland tätigen orthodoxen Hierarchen muss in anderer Form als bisher weitergehen

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Foto: © Kremlin.ru (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Berlin, 14.02.19 (poi) Einer der angesehensten Hierarchen der russischen Auslandskirche (ROCOR), Erzbischof Mark (Arndt) von Berlin, hat in einem „Offenen Brief“ an die Mitglieder der Orthodoxen Bischofskonferenz in  Deutschland zur Krise um die Ukraine Stellung genommen. Die „Anerkennung der neuen pseudo-kirchlichen Struktur in der Ukraine und die Erteilung eines Tomos an diese durch das Patriarchat von Konstantinopel“ sei ein Schritt, „der auf Jahre hinaus zu sehr viel Verwirrung, Leid und Unstimmigkeiten führen wird“, schreibt der Erzbischof und fügt hinzu: „Das offiziell verlautbarte Ziel des Patriarchats von Konstantinopel, eine kirchliche Einigung in der Ukraine herbei zu führen, ist nicht erreicht – vielmehr in noch weitere Ferne gerückt. Die genannten Schritte haben nicht nur den Graben zwischen den orthodoxen Gläubigen in der Ukraine vertieft und die Spaltung zementiert, sondern – wie sich nun herausstellt – innerhalb der gesamten orthodoxen Kirche zu extremen Verwerfungen geführt. Die durch den einseitigen Schritt ausgelösten Beziehungsstörungen zwischen den Kirchen der orthodoxen Kirchenfamilie sind gewaltig. Sie werden uns wohl noch lange begleiten“.

Inzwischen werde die kirchliche Situation in der Ukraine immer alarmierender, betont der Berliner orthodoxe Erzbischof. Der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche unter Führung ihres von allen orthodoxen Landeskirchen anerkannten Oberhaupts, Metropolit Onufrij (Berezowskij), werde eine Namensänderung per Gesetz aufgezwungen. Ziel sei es offensichtlich, sämtliche Pfarrgemeinden zur Umregistrierung zu nötigen und alle Vereinbarungen und Verträge zwischen den staatlichen und kirchlichen Strukturen zu revidieren. Weigere sich die Kirche, die Namensänderung durchzuführen – „was logisch wäre, denn normalerweise geben sich Organisationen ja selbst den Namen und erhalten ihn nicht vom Staat“ – , dann stehe ihr mit „unabsehbaren, gewiss äußerst negativen Konsequenzen“ der Verlust des Status einer juristischen Person ins Haus. Gleichzeitig würden Bischöfe und Priester durch den ukrainischen Inlandsgeheimdienst (SBU) vorgeladen und gedrängt, die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche zu verlassen und sich der neuen Struktur anzuschließen. Klöster würden mit staatlichen Schikanen überzogen und mit Übereignung an Dritte bedroht. Das gelte nicht zuletzt für die beiden wichtigsten ukrainischen Klöster: Das Kiewer Höhlenkloster und das Kloster von Potschajew.

Die Klöster und Kirchen seien auf Grund der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft nach wie vor in der Hand des Staates und nicht Eigentum der Kirche, erinnert Erzbischof Mark. Jetzt wolle der ukrainische Staat zu eigenen Zwecken über die „Nutzer“ bestimmen. Es gebe eine Einschüchterungskampagne. Der Berliner orthodoxe Erzbischof zählt einige ihm bekannt gewordene Vorfälle auf: Am 29. November 2018 wurden die Gebäude durchsucht, die dem Abt des Kiewer Höhlenklosters, Metropolit Pawel, unterstehen. Am 5. Dezember 2018 wurden die Diözesanbüros in Schitomir, Korosten, Owrutsch und Kiew von Agenten des SBU (der Nachfolgeorganisation des ukrainischen KGB) „besucht“. Gotteshäuser würden von Radikalen gewaltsam besetzt und die bisherigen Nutzer vertrieben.

Erzbischof Mark geht in seinem „Offenen Brief“ aber auch auf die Auswirkungen auf die Gesamtorthodoxie ein. Der zu Beginn der 1990er-Jahre zunächst laisierte und später sogar exkommunizierte Filaret (Denisenko) – „dessen Verurteilung ja mehrfach vom Patriarchat Konstantinopel und persönlich von Patriarch Bartholoaios I. anerkannt und bestätigt wurde“ – sei knapp 30 Jahre später durch einen einseitigen, mit den anderen autokephalen Kirchen nicht abgestimmten Verwaltungsakt „wieder eingesetzt“ worden. Die sogenannte „Wiedereinsetzung“ habe Folgen: Sie dehne sich aus auf alle unkanonischen Weihen von „Bischöfen“ und „Priestern“, die von Personen durchgeführt wurden, die unter einem gesamtorthodox anerkannten Kirchenbann standen. Auf diese Weise seien ungültige Weihen gültig geworden, dies spreche jedwedem gesunden Rechtsempfinden Hohn, so der Erzbischof. Diese Vorgangsweise bedeute einen Bruch mit den „Regeln der Väter“ und schlage den synodalen, auf gegenseitiger Anerkennung der jeweiligen Verwaltungsakte gründenden Gepflogenheiten der orthodoxen Schwesterkirchen ins Gesicht. Dem Chaos werde damit Tür und Tor geöffnet.

Ähnliches gelte für die Anerkennung von „Erzbischof“ Makarij (Maletytsch), der nie eine rechtmäßige Bischofsweihe erhalten habe, sondern sogar von dem damals noch rechtmäßigen Kiewer Metropoliten Filaret (Denisenko) 1989 Zelebrationsverbot erhielt, sich jedoch „verselbständigte“. Erzbischof Mark stellt die rhetorische Frage: „Soll die Gesamtorthodoxie solche ‚Verselbständigungen‘ und ‚Unabhängigkeiten‘ hochachten, gar zur Norm erklären?“

Das Verhältnis der neuen „quasi-kirchlichen Struktur“ in der Ukraine zum ukrainischen Staat könne „bedauerlicherweise“ wohl kaum anders denn als Servilismus bezeichnet werden, betont der Berliner orthodoxe Erzbischof. Dem „Oberhaupt“ der neuen Struktur sei offiziell der altehrwürdige Titel des „Seligsten Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine“ verliehen worden – „so  als hätte sich der rechtmäßig so bezeichnete Metropolit von Kiew und der ganzen Ukraine, Metropolit Onufrij, mit seinen 95 Bischöfen, 258 Klöstern (in denen 4.501 Mönche und Nonnen leben) und mehr als 12.000 Pfarrgemeinden mit ihren 11.421 Priestern und 988 Diakonen plötzlich in Luft aufgelöst“. Erzbischof Mark: „Dies kommt in unseren Augen einem unglaublichen Etikettenschwindel gleich. Ein Skandal ohnegleichen“. Erstaunlich sei, wie all dies in Europa – das sich der Menschenrechtspolitik rühmt – ignoriert wird. Der Tenor laute immer: Es gab keine ukrainische Kirche – jetzt endlich gibt es sie, und Moskau ist wütend! Diese Verzerrung der Sachlage habe mit der Wahrheit nichts zu tun. Dank der Völkerverständigung habe Europa nach 1945 keinen Krieg gehabt. Keinesfalls sei dies auf dem Wege einer Politik der Ausgrenzung und einer radikalen Völkertrennung erfolgt – „wie sie in der Ukraine zur Zeit vorangetrieben wird und in die man jetzt auch noch die Kirche hineinzieht“.

Abschließend wendet sich Erzbischof Mark den Auswirkungen auf die orthodoxe Kirche in Deutschland zu. Die Gemeinsamkeit der Orthodoxie in Deutschland, „bislang repräsentiert durch die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland“ (OBKD), sei ein „teures Gut“. Der Weg des Zusammenschlusses der Orthodoxie in der Diaspora sei vielversprechend und auf manchen Gebieten der einzig gangbare. Der gemeinsame Auftritt gegenüber dem deutschen Staat und seinen globalen wie lokalen Strukturen sei unersetzlich. Wörtlich fügt der Erzbischof aber hinzu: „Doch widerspricht es der Aufrichtigkeit, wenn wir ‚gute Miene zum bösen Spiel machen‘, so als ginge uns die zerstörerische Kirchenpolitik der heutigen Staatsmacht in der Ukraine und die unbrüderlichen Handlungen des Patriarchats von Konstantinopel nichts an“. Die Mitarbeit der Vertreter der Eparchie der ROCOR in allen Gremien, in denen Geistliche des Patriarchats von Konstantinopel den Vorsitz haben, werde daher bis auf weiteres ruhen müssen, auch in die Theologische Kommission und in die Bildungskommission der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland würden keine Repräsentanten mehr entsandt.

Erzbischof Mark betont aber auch seine Überzeugung, dass der Informations- und Meinungsaustausch unter den in Deutschland wirkenden orthodoxen Hierarchen – bei aller Zurückhaltung – auch weiterhin notwendig sei. Dieser Austausch müsse notwendigerweise in einem anderen Format als bisher erfolgen – „solange bis es zu einer Klärung der grundsätzlichen Fragen und Positionen im Aufbau der orthodoxen Diaspora kommt“. Hier gebe es unterschiedliche Auffassungen zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel, das seit 1922 der Theorie anhänge, die gesamte orthodoxe Diaspora sei nur ihm untergeordnet, und den anderen autokephalen orthodoxen Ortskirchen. Die Kirche Christi dürfe nicht für geopolitische Interessen instrumentalisiert werden, sondern sei aufgerufen, in der Krise einen offenen internen Dialog zu führen.