Ordensmann in Aleppo: „Wir sind gefangen und isoliert vom Rest der Welt“

Oberer des Franziskanerklosters P. Ibrahim Alsabagh: "Wir erleben gerade einen Hungerkrieg" - Warnung vor neuerlicher Aufrüstung islamistischer Milizen in Rebellenhochburg Idlib

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Foto: © (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Aleppo, 31.03.21 (poi) „Wir sind gefangen und isoliert vom Rest der Welt.“ – Mit diesen drastischen Worten hat der Obere des Franziskanerklosters von Aleppo, P. Ibrahim Alsabagh, die Stimmung und Lage in der nordsyrischen Metropole Aleppo zusammengefasst. Im Interview mit dem französischen katholischen Wochenmagazin „Famille Chrétienne“ sprach Alsabagh von einer dramatischen humanitären Situation, die von den westlichen Wirtschaftssanktionen, dem immer noch andauernden Krieg und Covid noch verschärft würden. Die Situation sei nun wieder so schlimm wie vor 2016, als in Aleppo ein erbitterter Krieg zwischen islamistischen Rebellen und Regierungstruppen tobte. „Wir erleben gerade einen Hungerkrieg.“

Der Franziskanerobere warnte zugleich davor, dass der militärische Konflikt noch nicht zu Ende sei. In der Rebellen-Hochburg Idlib würden die verschiedenen islamistischen Milizen gerade wieder aufgerüstet.

Aleppo besonders schlimm betroffen

In Aleppo sei die Situation noch schlimmer als in anderen Landesteilen Syriens, führte Alsabagh weiter aus. Während des Krieges seien 60 Prozent der Stadt zerstört worden. Aleppo war einst die wichtigste nordsyrische Wirtschaftsmetropole. Fast alle Wirtschaftsbetriebe wurden zerstört und geplündert. Trotz aller Bemühungen vonseiten der Regierung sei der Wiederaufbau bisher kaum vorangekommen.

Die Wirtschaftssanktionen würden die ärmsten Teile der Bevölkerung am härtesten treffen, so Alsabagh weiter. Die Preise für Lebensmittel stiegen stündlich, Elektrizität gebe es nur eine Stunde am Tag. Treibstoff sei streng limitiert, vor den Tankstellen würden sich kilometerlange Schlangen bilden. „Väter wissen nicht, wo sie das Geld hernehmen sollen, um für ihre Kinder Brot zu kaufen. Viele Frauen sind in Depressionen verfallen, Herzerkrankungen haben stark zugenommen“, berichtete der Franziskaner.

Die Krise treffe vor allem auch die Kinder und Jugendlichen, die keine Zukunftsperspektiven haben: „Die Kinder wachsen in einer Atmosphäre der Verzweiflung und bitterer Armut auf.“ Viele Eltern könnten die Kosten für die Schulbildung ihrer Kinder nicht mehr tragen, „oft können sie nicht einmal mehr Kleidung oder Schuhe für ihre Kinder kaufen, damit diese in die Schule gehen können“.

Freilich treffe die Krise genauso die ältere Bevölkerung, die nicht mehr imstande sei, sich selbst zu versorgen. Die schon vom Krieg schwer getroffene medizinische Infrastruktur werde nun durch die Wirtschaftssanktionen und die neue Herausforderung Covid-19 nochmals schwer in Mitleidenschaft gezogen. „Wie viel Leid mussten wir schon sehen? Wie viele Menschen sind zu Hause an Covid gestorben? Wie viele von jenen, die überlebten, leiden nun an den Folgen der Erkrankung?“

Muslime interessieren sich für das Christentum

Zur Frage nach den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in Aleppo meinte Alsabagh, dass dieses Verhältnis vor der Krise und auch aktuell friedlich sei. Der Ordensmann berichtet zudem davon, dass es immer mehr Muslime gebe, die sich aufgrund der Erfahrungen des Krieges für das Christentum und seine Botschaft des Friedens interessieren würden.

P. Alsabagh ist nicht nur Oberer der Franziskaner, sondern zugleich auch Pfarrer der örtlichen römisch-katholischen Pfarre. Gemeinsam mit seinem Team ist Alsabagh in der Seelsorge und im sozialen Bereich tätig. Die Pfarre bzw. das Kloster haben zahlreiche Hilfsprojekte für die Not leidende Bevölkerung initiiert.