Orthodoxe erinnern an das antigriechische Pogrom vor 65 Jahren in Konstantinopel

Türkischer nationalistischer Politiker Bahceli will am 9. September in Izmir einen „Siegesmarsch“ durchführen, der für die Griechen wegen der „Katastrophe von Smyrna“ im Jahr 1922 eine unerträgliche Provokation bedeutet

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Foto: © Christis: Diderot (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Konstantinopel, 08.09.20 (poi) In vielen orthodoxen Gottesdiensten in Griechenland und auf Zypern wurde der Septembereignisse des Jahres 1955 („Septemvriana“) gedacht, bei denen am 6./7. September vor 65 Jahren in Konstantinopel griechische und armenische Christen getötet oder verletzt und 5.300 Wohnungen, Geschäfte und Werkstätten von Christen zerstört wurden. Das Pogrom dauerte neun Stunden, die türkischen Sicherheitsorgane schauten zu, ohne einzugreifen, bis die Regierung den Ausnahmezustand in Konstantinopel erklärte und die Armee zum Einsatz kam, um die Unruhen niederzuschlagen. In der Folge wanderten die meisten der damals noch an die 200.000 griechischen Bewohner der Bosporus-Metropole aus. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. erinnerte jetzt  bei einem Gedenkakt in der Aula der Theologischen Hochschule auf der Insel Chalki an die schrecklichen Ereignisse des September 1955. Das 65-Jahr-Gedenken an die „Septemvriana“ ist durch die aktuellen griechisch-türkischen Spannungen besonders aufgeladen, aber auch durch die am 9. September bevorstehenden Gedenkakte beider Seiten an den Einmarsch der kemalistischen Truppen in die damals noch überwiegend christliche Metropole Smyrna (heute: Izmir) im Jahr 1922, der zunächst zu einer ungeheuren Brandkatastrophe und dann zu einer furchtbaren Flüchtlingstragödie führte.

Als Drahtzieher des Pogroms in Konstantinopel im September 1955 gilt der damalige türkische Ministerpräsident Adnan Menderes (1899-1961). Die Türkei befand sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Das Verlangen der Griechen im damals noch britisch beherrschten Zypern nach der „Enosis“, der Vereinigung mit Griechenland, bot türkischen Politikern einen willkommenen Anlass, durch nationalistische Parolen von der inneren Krise des Landes abzulenken. Menderes behauptete zum Beispiel öffentlich am 28. August 1955, die griechischen Zyprioten würden Massaker an ihren türkischen Mitbewohnern organisieren. In der aufgeheizten Atmosphäre löste dann ein Bombenanschlag auf das im Geburtshaus von Kemal Atatürk untergebrachte türkische Konsulat in Saloniki in der Nacht zum 6. September das Pogrom in Konstantinopel aus. Der – möglicherweise von einem der türkischen Geheimdienste inszenierte – Anschlag verursachte zwar nur minimalen Sachschaden, aber die von Politikern aus dem Kreis von Menderes „inspirierte“ türkische Presse startete eine Gräuelkampagne. Zeitungen erschienen mit der Schlagzeile „Griechische Terroristen zerstören Atatürks Elternhaus“, gefakte Fotos wurden verbreitet. Um 17 Uhr versammelte sich „spontan“ ein Mob von rund 50.000 Leuten auf dem Taksim-Platz; sie stürzten sich dann auf die vielen griechischen und armenischen Geschäfte, Büros und Wohnungen in Pera (der Bezirk wird heute meist als Beyoglu bezeichnet).  Taxis beförderten die Täter gratis zu ihren „Einsatzorten“, auf LKWs standen Hacken, Schaufeln, Stemmeisen, Benzinkanister usw. bereit. Die entfesselte Menge schrie Slogans wie „Tod den ungläubigen Giauren“, „Schlachtet die griechischen Verräter“, „Nieder mit Europa“. Die Ausschreitungen zogen sich bis in die Morgenstunden des 7. September 1955 hin. Mindestens 16 Griechen wurden getötet, wesentlich mehr teils schwer verletzt. Der Sachschaden war ungeheuer, zugleich raubten die Nationalisten die griechischen und armenischen Geschäfte total aus, alles, was nicht niet- und nagelfest war, fand Abnehmer. Kirchen und Klöster wurden gestürmt, im Kloster Balukli, wo sich die Patriachengräber befinden, wurden die sterblichen Überreste der Patriarchen aus den Grüften gerissen.

Menderes spielte die Karte des Kalten Krieges und erklärte, die „Kommunisten“ hätten das Pogrom organisiert, eine Theorie, der aber auch im Westen kein Glauben geschenkt wurde, da die Mitverantwortung der Behörden an den Ausschreitungen allzu offensichtlich war. Aber weil man die geopolitische Position der Türkei an den „Meerengen“ (Dardanellen, Bosporus) schon schätzte, gab es auch kaum internationale Proteste. In jetzt erschienenen griechischen Artikeln über die „Septemvriana“ ist vom „eisigen Desinteresse“ im Jahr 1955 die Rede. Der Journalist Nikolaos Manginas zitiert im Blog „Phos Phanariou“ (Licht vom Phanar) den Aufschrei des damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I.: „Alle haben uns verraten. Wir sind ganz allein“. Der Weltkirchenrat war die einzige internationale Organisation, die Haltung zeigte: Ankara wurde aufgefordert, zu erklären, wieso 90 Prozent der orthodoxen Kirchen in Konstantinopel zerstört oder beschädigt worden seien.

Die Erinnerung an die Vorgänge vor 65 Jahren in Konstantinopel ist heuer noch dramatischer durch die Verbalattacken des nationalistischen Politikers Devlet Bahceli, der für 9. September einen „Siegesmarsch“ in Erinnerung an die Wiedereroberung von Izmir 1922 angesetzt hat: „Dort haben wir die Feinde ins Meer geworfen“. Bei dem „Siegesmarsch“ will Bahceli die Forderung nach „Unabhängigkeit“ des Dodekanes mit Rhodos stellen, um dort „das griechische Joch“ zu beenden. Der Dodekanes wurde 1912 im Zug des italienisch-türkischen Krieges von Italien besetzt und dann annektiert; die Inselgruppe war bis 1947 eine italienische Provinz, seither ist sie ein Teil Griechenlands. Bahceli erklärte, der Dodekanes sei eine „blutende Wunde“ für die türkische Nation, die Inseln seien „ungerecht, schamlos und illegal“ der Türkei entrissen worden.

Für die Griechen ist der „Siegesmarsch“ in Izmir eine unerträgliche Provokation. Denn die „Katastrophe von Smyrna“ 1922 bedeutete das Ende der jahrtausendealten griechischen Präsenz am Ostufer der Ägäis und des Christentums auf kleinasiatischem Boden. Durch die „Katastrophe von Smyrna“ wurden am Ende des griechisch-türkischen Krieges im September 1922 die  griechischen, armenischen und levantinischen Viertel der Hafenmetropole zerstört; bis heute ist unklar, wie viele Menschen bei der Katastrophe ums Leben kamen. Auf den Kais von Smyrna drängten sich die verzweifelten Bewohner der Stadt und des Umlandes, vor dem Hafen ankerten Dutzende französische, britische, italienische, US-amerikanische Kriegsschiffe, deren Besatzungen aber von der Politik ihrer Heimatländer das humanitäre Eingreifen untersagt worden war.

Smyrna war am Vorabend des Ersten Weltkriegs eine der glanzvollsten und hochentwickelten Industrie- und Handelsmetropolen des Mittelmeerraums. Die Stadt war kosmopolitisch und deshalb sowohl den Angehörigen der osmanischen Nomenklatura als auch den Anhängern des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve terakki) verhasst. Die Stadt wurde auf Türkisch als „Gavur Izmir“ (ungläubiges Izmir) bezeichnet. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Vertrag von Sevres (dem ersten Friedensvertrag mit dem in Auflösung befindlichen Osmanischen Reich 1919) wurde Smyrna von Griechenland besetzt, eine griechische Zivilverwaltung wurde eingerichtet. Im griechisch-türkischen Krieg, der mit zunehmender Erbitterung und Grausamkeit auf beiden Seiten geführt wurde, bildete Smyrna die Basis für die militärischen Unternehmungen der griechischen Truppen in Anatolien. Am 30. August 1922 brach der Widerstand der griechischen Truppen in der Schlacht bei Dumlupınar zusammen und die griechischen Truppen zogen sich in wilder Flucht über Izmir nach Griechenland zurück. Am 9. September marschierten die Truppen der „Befreiungsarmee“ Kemal Paschas (später „Atatürk“) in Smyrna ein, es kam sofort zu furchtbaren Gräueltaten. Das Massaker an der christlichen Zivilbevölkerung wurde gerechtfertigt als „Racheaktion“ für angebliche Gräuel der griechischen Invasionsarmee. Am 12. September 1922 loderten Flammen im armenischen Viertel auf, wohin zuvor Benzinfässer gebracht worden waren. Wer die Täter waren, ist bis heute umstritten.  Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch Hunderttausende Menschen in der Stadt, die verzweifelt auf die Kais flüchteten und auf Schiffe warteten. Aber erst ab dem 24. September konnten Schiffe der hellenischen Flotte Überlebende abholen und sie ins sichere Griechenland bringen.

Schon einen Tag nach dem türkischen Einmarsch erfolgte das Martyrium des orthodoxen Metropoliten der Stadt, Chrysostomos (Kalafatis). Am 10. September drang ein türkischer Offizier mit zwei Soldaten in das Metropolitanpalais ein, „verhaftete“ den Metropoliten und schleppte ihn zum türkischen Oberbefehlshaber Nureddin Pascha. Der Pascha übergab den Metropoliten einem türkischen Mob. Nach dem Augenzeugenbericht von französischen Soldaten, denen von ihrem Kommandeur strikt jedes Eingreifen untersagt worden war, wurde Metropolit Chrysostomos in einen Friseurladen geschleppt, wo die Täter den Bischof marterten, ihm die Augen ausstachen, Nase und Ohren abschnitten. Dann schleiften sie ihn mit einem LKW durch die Straßen, bis er starb.

In seiner letzten Predigt  hatte der Metropolit in der mit Flüchtlingen überfüllten St. Fotini-Kathedrale mit ihrem prachtvollen Glockenturm zum Aushalten aufgerufen: „Meine Kinder, die Situation ist kritisch…Wir werden geprüft, aber wir dürfen uns nicht von unserem Glauben abwenden“. Mehrfach war dem Metropoliten nahegelegt worden, sich nach Griechenland in Sicherheit zu bringen, aber er lehnte es ab, seine Herde im Stich zu lassen.

1992 wurde der Märtyrer-Bischof durch den Heiligen Synod der Kirche von Griechenland heiliggesprochen – ebenso wie vier andere orthodoxe Bischöfe und viele Priester, die ebenfalls Opfer der „Befreiungsarmee“ geworden waren.