Orthodoxer Theologe: „Religiös“ begründete Gewalt ist Missbrauch

Grazer Theologe Grigorios Larentzakis betont, dass die orthodoxen Kirchen verpflichtet sind, sich mit Gläubigen anderer Religionen gemeinsam für den Frieden einzusetzen

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Foto: © Vladimir Pecikoza (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Graz, 6.11. 20 (poi) Für die orthodoxe Kirche gibt es zum Dialog der Religionen keine Alternativen. Das hat der Grazer orthodoxe Theologe em. Prof. Grigorios Larentzakis angesichts der Wiener Terrornacht vom 2. November im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Kathpress“ betont. Die Orthodoxie verurteile auf das schärfste jede Gewalt, „insbesondere wenn sie pseudoreligiös begründet wird, indem man die Religion missbraucht“. Larentzakis: „Keine Religion an sich hat gewalttätige und verbrecherische Ziele“. Umso mehr habe der interreligiöse Dialog eine friedenstiftende Bedeutung. Larentzakis – der seit Jahrzehnten in der Stiftung „Pro Oriente“ engagiert ist, derzeit als stellvertretender Vorsitzender der Grazer „Pro Oriente“-Sektion – ist Mitglied des Interreligiösen Beirats der Stadt Graz.

Die orthodoxe Kirche führe und fördere auf vielfältige Weise diesen Dialog, denn er basiere auf der grundsätzlichen theologischen orthodoxen Position der Gleichwertigkeit aller Menschen. Der Theologe verwies in diesem Zusammenhang u.a. auf die Panorthodoxe Synode von Kreta 2016, wo es in einer Erklärung hieß: „Die Orthodoxe Kirche bekennt, dass jeder Mensch unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft, Geschlecht, Nationalität oder Sprache nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist und gleiche Rechte in der Gesellschaft genießt.“

Die Ausbrüche von Fundamentalismus, die sich in verschiedenen Religionen beobachten lassen, seien „Ausdruck einer krankhaft verzerrten Religiosität“. Ein nüchterner interreligiöser Dialog trage hingegen wesentlich zu gegenseitigem Vertrauen, Frieden und Versöhnung bei. Prof. Larentzakis verwies in seinen Ausführungen auch auf den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. Dieser habe etwa in einem Grußwort an eine interreligiöse Konferenz in Graz 2013 die Bedeutung des Dialogs der Religionen hervorgehoben: „Die harmonische und friedliche Koexistenz aller Menschen muss zu den Hauptaufgaben nicht nur des Staates und einer Stadt, sondern auch unserer christlichen Kirchen, aller Religionen und aller Menschen guten Willens gehören“, zitierte der Theologe den Patriarchen. Deshalb seien auch alle orthodoxen Ortskirchen verpflichtet, sich gemeinsam mit den Gläubigen aus anderen Weltreligionen für den Frieden einzusetzen.