Orthodoxer Theologe und Katholische Theologinnen: Soziale Sendung der Kirchen in Theorie und Praxis vertiefen

Stiftung PRO ORIENTE lud zu theologischer Tagung über Orthodoxes Sozialschreiben "Für das Leben der Welt"

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Foto: © Klearchos Kapoutsis from Santorini (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Wien, 09.06.21 (poi) Mit dem Dokument „Für das Leben der Welt“, das das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel 2020 veröffentlichte, liegt ein bedeutendes Sozialschreiben der Orthodoxen Kirche vor, das innerorthodox und auch im ökumenischen Gespräch weitere Beachtung und Rezeption verdient, und das vor allem auch noch einer Umsetzung in die Praxis harrt. – Das war der Tenor der Veranstaltung „Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche – Ökumenische Perspektiven“, zu der die Stiftung PRO ORIENTE am 8. Juni geladen hatte. Die Fribourger Ökumene-Expertin Prof. Barbara Hallensleben, der Wiener rumänisch-orthodoxe Theologe Prof. Ioan Moga und die Wiener katholische Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel beleuchteten das Dokument aus verschiedenen Blickwinkeln.

Prof. Hallensleben bezeichnete „Für das Leben der Welt“ u.a. als einen „geistlichen Text mit großer Kraft“. Hallensleben, die das Dokument ins Deutsche übersetzt hat, ging auch auf dessen Entstehungsgeschichte ein: „Für das Leben der Welt“ wurde zwar vom Ökumenischen Patriarchat und seiner Synode approbiert und zur Veröffentlichung freigegeben, es trage aber sehr deutlich die lokalen Züge der nordamerikanischen Diaspora. Es sei auch kein offizielles Dokument des Ökumenischen Patriarchats.

Neu und auch aus katholischer Perspektive sehr reizvoll sei die Wahl des Terminus „Sozialethos“. Ein christliches Sozialethos sei die Weise, wie der Glaube im Hinblick auf die soziale Verfasstheit der Welt praktisch werde. Das habe eine ganz einschneidende Konsequenz: Das Sozialethos sei „heilsrelevant“, betonte Hallensleben.

Die Ökumene-Expertin würdigte zudem die Offenheit, die das gesamte Dokument durchziehe, und sprach von einer Einladung zum Dialog. „Gesucht wird eine Lebensform für die heutige Welt“, so Hallensleben. Zugleich sei das Dokument zutiefst rückgebunden an das Evangelium. Jedes Kapitel beginne zudem mit einem Zitat aus der Liturgie. In Summe bilde der Text einen erfrischenden Impuls, der auch der Katholischen Soziallehrer guttue, die einer gewissen „Wiederbelebung“ bedürfe, wie es Hallensleben ausdrückte.

„Die beste theologische orthodoxe Nachricht“

Prof. Moga bezeichnete „Für das Leben der Welt“ als „die beste orthodoxe theologische Nachricht des Jahres 2020“. Coronabeding sei die Rezeption noch nicht in ausreichendem Maße erfolgt, vor allem auch noch nicht innerorthodox. Auch Moga hob hervor, dass die sozialethischen Fragen in eine liturgische und spirituelle Dimension eingebettet seien. Das Dokument setzte dabei einige neue Akzente. Der orthodoxe Theologe hob u.a. den offenen dialogischen Stil sowie eine neue Sicht auf Pluralität, Säkularisierung und Menschenrechte hervor. Zudem gebe es neue Akzente im Bereich von Homosexualität oder Suizid. Sehr präzise und stark sei das Dokument etwa im Bereich der Wirtschafts- und Arbeitsethik. Weniger beeindruckend falle hingegen das Ökumene-Kapitel aus.

Moga würdigte u.a. aber auch, dass das Dokument im Kapitel über den interreligiösen Dialog um Vergebung für die Verbrechen in orthodoxen Ländern an jüdischen Menschen bitte. Wie der Theologe weiter sagte, werde in dem Dokument jedenfalls die neue Vielfalt bzw. Multikulturalität der Orthodoxie deutlich. Da es in einer sehr „westlichen“ Sprache verfasst sei, müssten manche Begrifflichkeiten für eine intensivere Rezeption in den orthodoxen Stammländern erst näher erläutert werden, räumte er ein.

Menschenrechte, Demokratie, Religionsfreiheit

Großes Lob für das Dokument kam auch von Prof. Gabriel, die u.a. die gute theologische Fundierung des Textes hervorhob. Sie würdigte die Positionen zu Menschenrechten, Demokratie und Religionsfreiheit. Mit dem Dokument werde eine Brücke zur säkularen Welt geschaffen, so Prof. Gabriel weiter. Das werde etwa in dem großen Respekt deutlich, den das Dokument den verschiedenen Lebensformen gegenüber an den Tag lege.

Dass in „Für das Leben der Welt“ jeglicher christlicher Nationalismus scharf verurteilt wird, sei ebenfalls sehr zu würdigen, so Gabriel. Ähnlich wie Prof. Moga zeigte sich auch Prof. Gabriel vor allem von den Ausführungen zu sozialer Gerechtigkeit besonders beeindruckt. Dafür fehle ihr aber der direkte Konnex zur Ökologie, wie dies etwa Papst Franziskus immer wieder hervorhebe. Soziale und ökologische Gerechtigkeit seien zutiefst miteinander verbunden.

Das auf Zukunft ausgerichtete Dokument könne angesichts der zahlreichen globalen wie regionalen Herausforderungen als Kompass für alle Christinnen und Christen und darüber hinaus gesehen werden, so Prof. Gabriel.

Einsatz für globale Gerechtigkeit

Die Beschäftigung mit sozialethischen Fragen und das Engagement für das Heil der Welt seien der Orthodoxie in ihre DNA eingeschrieben, betonte Metropolit Arsenios (Kardamakis) in seinem Grußwort. Er ging in diesem u.a. auf die Pandemie ein, „die die Welt noch immer fest im Griff hat“. Auch wenn es in Europa berechtigte Hoffnung auf Entspannung gebe, seien viele ärmere Länder immer noch dramatisch von Covid betroffen. „Das darf uns als Menschen und Christen nicht gleichgültig lassen“, so Metropolit Arsenios wörtlich. Es gehöre zum innersten Auftrag der Kirche, sich für globale Gerechtigkeit einzusetzen „und jenen eine Stimme zu geben, die keine haben oder nicht gehört werden“. Der griechisch-orthodoxe Metropolit hob in seinem Grußwort zugleich die Menschenwürde und das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung und Freiheit hervor.

Oft werde die Orthodoxe Kirche nur über ihre Liturgie bzw. prachtvolle Gottesdienste wahrgenommen, so der Metropolit weiter. Das sei freilich nur ein Teil des Ganzen: „In der Feier der Liturgie haben wir Anteil an der Herrlichkeit Gottes, wir feiern auf Erden bereits die himmlische Vollendung.“ Doch diese dürfe nicht auf die Innenräume der Kirchen beschränkt bleiben, sondern müsse Auswirkungen auf den Alltag, die Beziehungen zu den Mitmenschen in Nah und Fern haben. „Aus der Liturgie und der Begegnung mit Gott erfahren wir Heilung, Heil und Kraft, um uns für die Welt einzusetzen“, so Metropolit Arsenios.

PRO ORIENTE-Präsident Botschafter Alfons Kloss hob in seinen Begrüßungsworten u.a. hervor, dass alle Christinnen und Christen bzw. Kirchen angesichts der komplexen Herausforderungen der modernen Welt gleichermaßen zum gemeinsamen sozialen Engagement gefordert seien. Dem fühle sich auch die Stiftung PRO ORIENTE verpflichtet; in dieser Hinsicht wolle man auch künftig Akzente setzen, so Kloss.

Ausgaben in 15 Sprachen

Das im vergangenen Jahr veröffentlichte Sozialwort des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel liegt inzwischen in rund 15 Sprachen vor. Es ist unter dem Titel „Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ auch auf Deutsch erschienen. In dem umfassenden Dokument werden Themen wie Umwelt, Sexualität und Familie, Missbrauch, Bioethik, aber auch Ökumene und Religionsfreiheit aus orthodoxer Sicht behandelt. Unterschiede zur katholischen Lehre gibt es etwa im Bereich des Zugangs von Wiederverheirateten zu den Sakramenten oder zur Geburtenkontrolle und künstlichen Befruchtung.

An prominenter Stelle, im letzten Paragraphen, eröffnet das Dokument Perspektiven auf die Neubelebung der Diakonatsweihe für Männer und Frauen. „Weiterhin muss die Kirche darüber nachdenken, wie Frauen am besten am Aufbau des Leibes Christi mitwirken können; dazu gehört eine Erneuerung der Ordnung des weiblichen Diakonats für heute“, heißt es an anderer Stelle. Wie Prof. Hallensleben bei der PRO ORIENTE-Veranstaltung erläuterte, gehe die Intention des Textes aber darüber hinaus: „Vorrangig geht es nicht um Diakoninnen, sondern um eine diakonische Kirche.“

Patriarch Bartholomaios I. betont im Geleitwort zur deutschen Ausgabe, der Text biete keine Gesamtdarstellung der Soziallehre der Orthodoxen Kirche. „Er ist eine gute Vorlage für einen ernsthaften Dialog über das christliche Sozialethos und seine Gegenwärtigkeit – mit den anderen Kirchen und den Religionen, mit der Welt von heute, den Institutionen, den Politikern, mit den sozialen, humanistischen und ökologischen Bewegungen, mit den Menschenrechten, mit der Jugend und mit allen interessierten Individuen und Gruppen.“ Das Dokument könne auch dazu beitragen, Vorurteile über die Orthodoxe Kirche, über ihre Spiritualität und ihren Weltbezug zu überwinden.