Orthodoxie: Kein Primas ohne Konzil, kein Konzil ohne Primas

Metropolit Kallistos (Ware) traf bei der ersten Konferenz der neugegründeten „International Orthodox Theological Association“ (IOTA) in Iasi Aufsehen erregende Feststellungen zum Fragenbereich „Synodalítät und Primat“

0
421
Foto: © Narsil (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Bukarest, 15.01.19 (poi) Aufsehen erregende Feststellungen zum Fragenbereich „Synodalität und Primat“ traf Metropolit Kallistos (Ware), einer der führenden orthodoxen Theologen der Gegenwart, in seinem Hauptvortrag bei der ersten Konferenz der neugegründeten „International Orthodox Theological Association“ (IOTA), die von 9. bis 13. Jänner im rumänischen Iasi stattfand. Es gebe in der orthodoxen Kirche keinen Primat ohne Konzil und kein Konzil ohne Primas. Dies folge aus der eucharistischen Natur der Kirche. Denn auch bei jeder Eucharistiefeier (Messe) gebe es einen, der als liturgischer Vorsitzender fungiere.

Zwischen dem Primas und seinen Mitbischöfen gebe es eine wechselseitige Beziehung. Die Bischöfe könnten nicht ohne den Primas handeln, aber auch nicht der Primas ohne die Bischöfe, unterstrich Metropolit Kallistos. Die zentrale Funktion des Primats sei es, die gegenseitige Konsultation zu fördern und die Einheit der Kirche zu wahren. Der Metropolit zitierte den bedeutenden Theologen Alexander Schmemann, demzufolge der Primat in der heutigen Orthodoxie in vielfältiger Form existiere. Die Patriarchate von Moskau und Konstantinopel seien sich darüber einig, dass Konstantinopel der erste Rang in der Orthodoxie zukommt, aber sie seien uneins darüber, welche praktischen Implikationen dieser erste Platz habe. Konstantinopel beanspruche die Gewährung der Autokephalie (Selbständigkeit) an eine Ortskirche als sein Vorrecht, Moskau gehe davon aus, dass dies Verantwortung der Mutterkirche sei. So habe Moskau 1970 der „Orthodox Church in America“(OCA), die aus der russischen Metropolie in den USA hervorgegangen ist, die Autokephalie zuerkannt, Konstantinopel habe dies bis heute nicht akzeptiert.

Viel brisanter sei jetzt der Konflikt in Sachen Ukraine, betonte Metropolit Kallistos. Mehrere orthodoxe Kirchen seien der Ansicht, dass der Bruch zwischen Moskau und Konstantinopel auf panorthodoxer Ebene geheilt werden müsse, entweder durch Wiedereinberufung des Konzils von Kreta oder durch eine „Synaxis“ (Versammlung) aller Oberhäupter der autokephalen orthodoxen Ortskirchen.  „Bei allem Respekt“ vor den beiden Patriarchaten seien viele Orthodoxe durch die Aktionen beider Parteien „in diesem komplexen und unglücklichen Disput“ beunruhigt. Das Ökumenische Patriarchat sehe sich als Mutterkirche der Ukraine, man müsse aber anerkennen, dass die Ukraine 330 Jahre lang integraler Teil der russischen Kirche war. Das sei ein „Faktum der Geschichte“, unterstrich Metropolit Kallistos und zitierte das Aristoteles-Wort, dass „nicht einmal Gott die Vergangenheit verändern kann“. Man könne Bedenken im Hinblick auf die Politik Konstantinopels zum Ausdruck bringen, aber es gebe auch Gründe, über die Entscheidung Moskaus, die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel abzubrechen, beunruhigt zu sein. Erzbischof Anastasios von Tirana und ganz Albanien habe im Hinblick auf die Ukraine-Krise erklärt, es sei undenkbar, die Heilige Eucharistie, das Mysterium der unendlichen Liebe, als Waffe gegen eine andere Kirche zu verwenden.

Die Kirchenväter hätten die Auslösung eines Schismas für schlimmer als Mord gehalten, erinnerte der britische orthodoxe Metropolit, der in Oxford lebt. Schismen seien leicht auszulösen, aber schwer zu heilen. Der Metropolit verwies auf das Schisma zwischen Konstantinopel und der bulgarischen Kirche, das 1870 begann und bis 1945 dauerte und fügte hinzu: „Beten wir, dass das derzeitige Schisma zwischen dem zweiten und dem dritten Rom keine 75 Jahre dauert“.

Die Unfähigkeit der Orthodoxie, eine Übereinkunft über die Ukraine zu erzielen, habe einige – „vor allem römisch-katholische Theologen“ – veranlasst, für einen stärkeren orthodoxen Primat auf universaler Ebene zu plädieren. Damit könne er sich nicht anfreunden, so der Metropolit. Wenn es um ein tieferes Verständnis des Primats gehe, sollte das nicht aus negativen Gründen geschehen, sondern ausgehend von einer positiven Vision der Realität der Kirche. Der – auch für alle anderen kirchlichen Dienstämter gültige – entscheidende Punkt sei die Feststellung Jesu im 20. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“. Als ein Reich „nicht von dieser Welt“, als eucharistische Gemeinschaft, sei die Kirche einmalig. Die „in der gefallenen Welt“ vorherrschenden Modelle von Macht und Regierung passten nicht für sie: „Der Bischof ist kein feudaler Oberherr oder gewählter parlamentarischer Repräsentant. Der oberste Bischof oder Primas ist weder ein Diktator noch ein konstitutioneller Monarch noch der Vorsitzende eines  Aufsichtsrats“. Der Primas habe der Diener aller zu sein. Unter den Titeln des römischen Papstes gebe es einen, der den Orthodoxen sofort gefalle, hob Metropolit Kallistos hervor: „Servus servorum Dei, Diener der Diener Gottes“.

 

Kreta war „etwas enttäuschend“

Zuvor hatte Metropolit Kallistos dargelegt, dass Synodalität mehr bedeutet als die Summe von individuellen Meinungen: „Wenn wir uns im Konzil versammeln, werden wir Sünder ‚etwas mehr‘ als wir als isolierte Individuen wären: Dieses ‚etwas mehr‘ ist die Präsenz Christi, der unter uns durch die Gnade des Heiligen Geistes wirksam ist“. Das sei auch der Grund für den Gebrauch des „wir“ anstatt des „ich“ im Gebet wie auch in allen konziliaren oder synodalen Feststellungen. „Das entscheidende synodale Wort ist ‚wir‘“, betonte der britische Metropolit. Synodalität bedeute nicht Monolog, sondern Dialog, nicht Selbstgenügsamkeit, sondern Austausch, nicht Konzentration auf das eigene Ich, sondern Gemeinschaft („communio“).

Die Orthodoxen hätten sich angewöhnt, von ihrer Kirche als der „konziliaren Kirche“ zu reden, der „Kirche der sieben Heiligen Konzilien“, sagte Metropolit Kallistos. Aber mit „Demut und Realismus“ müsse man feststellen, dass die Praxis nicht der Theorie entsprochen habe. Zwar habe es nach den sieben Konzilien noch weitere orthodoxe Kirchenversammlungen gegeben, vom Konzil der Hagia Sophia von 879/80  über das Konzil von Konstantinopel 1872, bei dem der Nationalismus in der Kirche („Ethnophyletismus“) verurteilt wurde, bis zum Moskauer Konzil von 1917/18, „radikal und innovativ wie das Zweite Vaticanum, aber abgewürgt von der bolschewistischen Machtergreifung“. Aber wie viele Jahre der Vorbereitung und Verschiebung seien vergangen, bis das Konzil von Kreta 2016 tagen konnte, erinnerte der Metropolit. In der römisch-katholischen Kirche habe Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil am 25. Jänner 1959 angekündigt, am 11. Oktober 1962 sei es zusammengetreten. In der Orthodoxie habe der Ökumenische Patriarch Joachim III. 1902 eine Enzyklika an alle orthodoxen Kirchen mit der Einladung zu intensiveren Kontakten und mehr Zusammenarbeit gerichtet. Es habe positive Reaktionen, vor allem seitens der russisch-orthodoxen Kirche, gegeben. 1923 habe der Ökumenische Patriarch Meletios IV. eine panorthodoxe Konferenz nach Konstantinopel eingeladen; weitere Versuche seien gescheitert. Erst als Patriarch Athenagoras 1965 die 1. Panorthodoxe Konferenz nach Rhodos einberief, sei die Idee des „Heiligen und Großen Konzils“ wiederbelebt worden. Und doch habe es noch ein weiteres halbes Jahrhundert gedauert, bis das Konzil von Kreta zusammentreten konnte.

Leider seien die Vorgänge des Konzils von Kreta „etwas enttäuschend“ gewesen, bedauerte Metropolit Kallistos. Das Konzil sei nicht panorthodox gewesen, weil aus unterschiedlichen Gründen von den 14 autokephalen Kirchen nur zehn teilgenommen hätten. Die „Orthodoxe Kirche in Amerika“ sei gar nicht eingeladen gewesen. Zudem sei die Vorgangsweise in Kreta signifikant anders gewesen als bei den klassischen sieben Konzilien. Bei diesen Versammlungen waren jeweils alle Bischöfe eingeladen, weil sie alle in gleicher Weise geweiht waren. In Kreta sei die Prozedur anders gewesen, „nicht so sehr sakramental, sondern administrativ-bürokratisch“. Jede autokephale Kirche habe 24 Bischöfe entsenden können. Das hätte 336 Bischöfe ergeben, tatsächlich waren es nur 150 (auch deshalb, weil einige Kirchen wie die von Zypern, Albanien, Polen, Tschechien und der Slowakei gar nicht 24 Bischöfe haben). Ein weiterer Unterschied sei der Entscheidungsmodus gewesen. Im ersten Jahrtausend entschied die Mehrheit der Stimmen, in Kreta galt die Konsens-Regel.

Kritisch äußerte sich der britische Metropolit auch zu den sechs Themen des Konzils, die für eine gründliche Bearbeitung bei der auf kaum mehr als eine Woche beschränkten Sitzungsdauer zu viel waren. In der römisch-katholischen Kirche habe das Konzil von Trient 16 Jahre gedauert, das Zweite Vaticanum habe sich über vier Jahre erstreckt. Von den sechs Themen seien nur zwei von großer Bedeutung gewesen: Die kanonische Situation der Diaspora und die Beziehungen der orthodoxen Kirche mit der nichtorthodoxen Welt. Aber in beiden Fällen hätten die Entwürfe nichts Neues gebracht. Im Hinblick auf die Diaspora sei – wie seit jeher in den letzten 100 Jahren – bedauert worden, dass es nicht gelinge, das kanonische Prinzip „eine Stadt – ein Bischof“ durchzusetzen. Und die angeregte Bildung von orthodoxen Bischofskonferenzen in der Diaspora sei schon 2009 bei der Panorthodoxen Konferenz beschlossen und seither auch überall verwirklicht worden. Metropolit Kallistos bedauerte, dass auf Kreta nichts über Autokephalie gesagt wurde, aber auch nichts über die Kalenderfrage („vielleicht war das weise, weil zB Russland sicher nicht zugestimmt hätte, den neuen Kalender einzuführen“). Auch die Frage der Konvertiten sei nicht behandelt worden. Die russisch-orthodoxe Kirche habe vor der Revolution Konvertiten aus der römisch-katholischen Kirche durch Glaubensbekenntnis und Absolution aufgenommen; heute verlange die russische Auslandskirche (ROCOR) – ebenso wie der Athos – die Wiedertaufe. Dabei gehe es nicht um eine administrative Frage, sondern um ein lehrmäßiges Problem: Ist die Taufe in nichtorthodoxen Kirchen gültig? Manche Orthodoxe seien der Ansicht, dass es außerhalb der sichtbaren Grenzen der orthodoxen Kirchen keine göttliche Gnade und keine gültigen Sakramente gebe. Metropolit Kallistos ironisch: „Persönlich finde ich es buchstäblich unglaublich, wenn der Papst nicht nur als Laie, sondern als ungetaufter Heide betrachtet wird“.

Leider sei auf Kreta auch kein Beschluss über ein nächstes Konzil gefasst worden, stellte der britische Metropolit fest. Die Vorbereitungen für Kreta hätten 114 Jahre – von 1902 bis 2016 – gedauert: „Sollen wir noch einmal 114 Jahre warten müssen?“. Zum Glück habe es in Kreta wenig oder gar keine politische Einmischung gegeben, merkte Metropolit Kallistos positiv an. Für die Zukunft müsse man aber ein Plakat aufrichten: „Politiker raus“. In byzantinischer Zeit hätten die christlichen Kaiser eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Konzilien gespielt: „Aber weder ist Putin Konstantin der Große noch Poroschenko der Kaiser Justinian“.

„Synodalität von der Basis her“

Die „International Orthodox Theological Association“ (IOTA) wurde im Februar 2017 gegründet – im Nachhall zum Konzil von Kreta (2016), das einerseits die Bedeutung der Synodalität für die Kirche deutlich machte, andererseits aber auch die Belastung durch die geopolitischen Konflikte aufzeigte. Ziel der IOTA ist es, die Synodalität, den Geist des Konzils, von der Basis her zu beleben. Die Gründer wählten die Abkürzung IOTA, weil das „iota“ der kleinste Buchstabe des griechischen Alphabets ist: Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass sie in aller Demut einen „kleinen Beitrag“ zum Leben der Kirche leisten wollen. Zugleich beginnt der Name Jesus im Griechischen mit dem „iota“. Das hebräische und phönizische Äquivalent des „iota“, das „iod“ (yod) ist der erste Buchstabe des heiligen Gottesnamens im Ersten Testament, Yahwe. Diese Symbolik erinnere stets daran, dass Christus, das menschgewordene Wort Gottes, im Mittelpunkt der Arbeit der Theologen stehen muss.

Seit Februar 2017 ist IOTA rasch gewachsen und umfasst derzeit mehrere hundert orthodoxe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 30 Ländern: Theologen, Philosophen, Historiker, Soziologen, Politologen, auch Leute aus der politisch-gesellschaftlichen Praxis. Ausdrücklich lädt IOTA auch kirchliche Führungspersönlichkeiten zur Mitgliedschaft ein. Organisiert ist IOTA in 25 Fachbereiche;  dabei geht es um klassische theologische Disziplinen wie Bibelwissenschaft, Dogmatik, Moraltheologie, Liturgie etc. ebenso wie um neuere Wissensgebiete wie Missionswissenschaft, Internationale Beziehungen, Orthodoxie und Medien, Religion und Naturwissenschaft usw. Angestrebt ist ein „freier, ehrlicher und respektvoller“ Austausch von Ideen und Erfahrungen, um der Kirche in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart zu helfen.

Die erste IOTA-Konferenz in Iasi wurde von der Leitung der rumänisch-orthodoxen Kirche und verschiedenen internationalen Organisationen unterstützt. 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leisteten dem „call for papers“ Gefolge, die Beiträge wurden in insgesamt 70 Sessionen präsentiert. Damit wurde die Konferenz in Iasi zur größten Versammlung von Kirchenführern, Wissenschaftlern und  „Professionals“ in der jüngeren Geschichte der Orthodoxie.

Orientieren will sich IOTA an der „spirituellen Kühnheit“ und dem „intellektuellen Mut“ der Kirchenväter, deren Dienst die schrittweise Konversion des Römischen Reiches mit sich gebracht habe. Die Umformung der Gesellschaft durch das Evangelium sei ein „dynamischer Prozess“, der nach einer Sammlung der intellektuellen, spirituellen und missionarischen Ressourcen verlange. Wenn dies mit entsprechender Entschlossenheit geschehe, könne eine solche Sammlung eine neue Renaissance des orthodoxen Denkens und der orthodoxen missionarischen Aktivität mit sich bringen. IOTA will mit allen orthodoxen Bischöfen konstruktiv zusammenarbeiten, ohne den Führungsanspruch irgendeiner der autokephalen Kirchen zu unterstützen.