Osterdatum: Wiener Ostkirchen-Expertin Riedl bringt sich in Debatte ein

PRO ORIENTE-Vorstandsmitglied Andrea Riedl sieht Vorschlag des Jerusalemer Benediktiners P. Schnabl, Ostern am Pessach-Sonntag zu feiern, skeptisch

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Foto ©: Makarios75 (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)
Rom, 09.04.21 (poi) Seit sich der orthodoxe Erzbischof Job (Getcha), Ständiger Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel beim weltweiten Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), vor einigen Wochen für einen gemeinsamen Ostertermin von Ost- und Westkirche ausgesprochen hat, reißt die Debatte darüber nicht ab. Zuletzt hatte der in Jerusalem wirkende Benediktiner P. Nikodemus Schnabel gegenüber „Radio Vatikan“ mit dem Vorschlag aufhorchen lassen, Ostern künftig gemeinsam am Pessach-Sonntag (also am Sonntag nach dem jeweiligen Beginn des jüdischen Pessach-Festes, das auf jeden Wochentag fallen kann) zu feiern.

Nun hat sich die österreichische Ostkirchenexpertin Andrea Riedl – sie hat derzeit den Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und Patrologie der Universität Regensburg inne – dazu kritisch geäußert und in die Debatte eingebracht. Andrea Riedl ist u. a. Mitglied des PRO ORIENTE-Vorstandes und für den PRO ORIENTE-Summer Course mitverantwortlich.

P. Schnabel hatte im Gespräch mit „Radio Vatikan“ dazu geraten, bei der Suche nach einem gemeinsamen Osterdatum für die gesamte Christenheit vom „Sieger-Verlierer-Denken“ wegzukommen. Statt einer Übernahme des Osterdatums nach Gregorianischem Kalender durch die Ostkirchen oder umgekehrt des Osterfests nach Julianischem Kalender durch die Kirchen im Westen, schlug der frühere Prior-Administrator der Jerusalemer Dormitio-Abtei ein Zugehen auf das Judentum und ein gemeinsames Osterfest am Pessach-Sonntag vor. In diesem Fall „müssten sich alle Christen bewegen“ und man könne wieder klarmachen, dass das christliche Osterfest ganz eng mit dem jüdischen Pessach in Verbindung steht, so Schnabel.

Historische Abgrenzung vom Judentum

Riedl wies nun gegenüber „Radio Vatikan“ darauf hin, dass – historisch betrachtet – die Feier von Ostern am Sonntag nach dem Pessach-Fest (oder Paschafest) genau das Gegenteil gewesen sei: „Keine Verneigung vor und kein in-Ehren-Halten von jüdischen Wurzeln, sondern eine bewusste und dezidierte Abgrenzung der Christusanhänger/innen (die man ja erst allmählich als ‚Christen‘, d.h. als eine vom Judentum getrennte religiöse Gemeinschaft wahrnahm).“

Man habe sich zunehmend und gewollt von dem abgegrenzt, „was das Gegenüber und den Kern seiner Identität ausmachte – und dies durchaus wechselseitig“. Deutlich trete eine solche liturgische Profilierung vonseiten des Christentums in einem Text auf, der um das Jahr 100 verfasst wurde und die erste erhaltene Gemeindeordnung darstellt: die sogenannte Lehre (griech. Didache) der Zwölf Apostel. Riedl: „Darin wird erkennbar, dass Christusanhänger/innen an der Wende zum 2. Jahrhundert in der Liturgie, die ja in vielem in der Tradition des jüdischen Gottesdienstes stand, konkrete Signale setzten, durch die sie sich von den (anderen) Juden bewusst abgrenzten.“ Ein solches Signal sei unter anderem das Ersetzen des jüdischen Pessach-Festes durch das christliche Osterfest gewesen, wie auch generell die Christianisierung des liturgischen Wochen- und Jahreszyklus.

Zwar sei man im christlichen Milieu noch lange weiterhin jüdischen Bräuchen gefolgt, doch die Gemeindeleitungen hätten mehr und mehr Maßnahmen ergriffen, um die Abgrenzung vom Judentum voranzutreiben, so Riedl: „Vor diesem Hintergrund – das heißt einer gewollten zunehmenden Entfremdung – gingen viele christliche Gemeinden dazu über, Ostern nicht mehr direkt am jüdischen Paschafest in der Nacht des Frühjahrvollmondes zu feiern, sondern jeweils am Sonntag danach.“

Da andere Gemeinden aber die Paschafest-orientierte Praxis beibehielten, sei es im 2. Jahrhundert und auch später immer wieder zu Konflikten um den Ostertermin gekommen. Das Konzil von Nizäa (325) stellt schließlich den ersten gesamtkirchlichen Versuch dar, eine einheitliche Entscheidung für den Sonntagstermin zu treffen bzw. diesen verbindlich vorzuschreiben – eine Praxis, die sich letztlich und auf lange Sicht in der Alten Kirche durchgesetzt habe.

Den Vorschlag, das gemeinsame christliche Osterfest zur Überwindung der Kalenderfrage wieder am Sonntag nach dem Paschafest zu feiern, als „Zugehen auf das Judentum“ oder gar als Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog zu bezeichnen, müsse daher mindestens von jüdischer Seite als „unsensibel“ empfunden werden, folgert Riedl. Und auch die Rede von einer „ganz urkirchlichen Haltung“, an die angeknüpft werden solle auf der Suche nach einem gemeinsamen Osterdatum, übersehe, „dass es die Urkirche – das heißt den Mythos eines am Beginn harmonischen und in sich geschlossenen Systems, das sich erst später ausdifferenzierte – so nicht gegeben hat“, so Riedl: „Was wir heute von den frühchristlichen Prozessen und Entwicklungen in jedem Fall lernen können ist, wie man gutes – oder bisweilen weniger gutes, aber lehrreiches – Konfliktmanagement betreibt.“

P. Schnabel nimmt Stellung

P. Schnabel hat in Replik auf Riedls Beitrag nun gegenüber „Radio Vatikan“ seinen Vorschlag präzisiert und in seiner Stellungnahme (mit Datum vom 8. April) eingangs festgehalten: „Nichts ist mir ferner als eine verträumte Romantisierung einer vermeintlich geeint-harmonischen Urkirche, welche es, wie es ja Andrea Riedl zu Recht betont, so nie gegeben hat. Auf der anderen Seite ist mir als Mönch der Dormitio-Abtei im Herzen Jerusalems mehr als schmerzhaft bewusst, welchen bitteren Beigeschmack die Feier des österlichen Triduums, hier insbesondere des Karfreitags, für nicht wenige Jüdinnen und Juden bis heute hat. Gerade heute am Jom Haschoa, an dem in ganz Israel für 120 Sekunden das gesamte Leben stillsteht, gehört es zur Redlichkeit jedes christlich-theologischen Nachdenkens, sich immer wieder selbstkritisch zu fragen, wie weit anti-jüdische Affekte immer noch unheilvoll in unserem Glaubensleben präsent sind. In diese Richtung verstehe ich übrigens auch die Bedenken, welche Riedl anmeldet.“

Er habe in seinem Vorschlag nicht ausführlicher auf die verschiedenen Osterfeststreitigkeiten in der frühen Kirche eingehen können. Fakt sei aber, dass diese ein bis heute als verbindlich anerkanntes universalkirchliches Ende mit den Beschlüssen des Ersten Ökumenischen Konzils von Nicäa im Jahr 325 gefunden hätten, so Schnabel: „Die Frage, die sich heute zwischen West- und Ostkirchen stellt, ist ja nicht die, ob die Konzilsbeschlüsse von Nicäa weiterhin gültig sind, sondern doch die, ob man hierfür auch denselben Kalender verwenden muss, den die damaligen Konzilsväter verwendet haben, also den vom römischen ‚Kaiser‘ Julius Caesar in Auftrag gegebenen ‚Julianischen Kalender‘, oder ob man die Regelung zwar grundsätzlich beibehält, diese aber an einen die Naturphänomene exakter abbildenden Kalender, den Papst Gregor XIII. 1582 eingeführt hat, den ‚Gregorianischen Kalender‘, adaptieren darf.“

„Pro Naturphänomene“ oder „Pro Tradition“

Die Westkirchen hätten sich hierbei im Laufe der Geschichte eine nach der anderen immer mehr für die zweite Option entschieden. Er wolle diese Option als „Pro Naturphänomene“ bezeichnen, so der Benediktiner. Die überwältigende Mehrzahl der Orthodoxen und Orientalisch-Orthodoxen Kirchen hätten hingegen an der ersten Option festhalten, die er „Pro Tradition“ nennen wolle.

Seines Erachtens, so Schnabel weiter, bringt ein Einschwenken aller Kirchen auf „Pro Naturphänomene“ oder eben auf „Pro Tradition“ Sieger und Verlierer hervor, was wieder nur neue Wunden in den Bemühungen um die Einheit aller Christen schlagen würde. Daher habe er einen völlig neuen Vorschlag ins Spiel gebracht.

So hilfreich die Beschlüsse von Nicäa gewesen waren, um die Osterfeststreitigkeiten unter den Christinnen und Christen beizulegen, „so klar muss man benennen, dass diese Beschlüsse eine hohe Mauer zum Judentum aufgerichtet haben“. Die Beschlüsse würden mit der astronomischen Formel des ersten Sonntags nach dem ersten Frühlingsvollmond eben ganz bewusst jeden Bezug zum jüdischen Pessach-Fest vermeiden „und betonen sogar zusätzlich, dass Ostern um einen Sonntag nach hinten verschoben werden muss, falls der errechnete Sonntag mit dem jüdischen Pessach zusammenfallen sollte – dies ist ja übrigens auch der Grund, warum das östliche Ostern recht häufig eine Woche nach dem westlichen liegt, da die Ostkirchen sich dieser Zusatzregelung bis heute verpflichtet fühlen, der Westen jedoch nicht mehr“.

„Anti-jüdische Stoßrichtung“

P. Schnabel legt nochmals „schonungslos“ nach: Die Berechnung des christlichen Osterfests hatte auf dem Konzil von Nicäa eine „anti-jüdische Stoßrichtung“, die das jüdische „alte“ Pascha durch das christliche „neue“ Pascha abgelöst und ersetzt hat. Schnabel: „Auch wenn sich heute die katholische Kirche, wie auch viele andere Kirchen mit ihr, mit größter Klarheit gegen jede Form der Substitutionstheologie positioniert, schwingt doch eben leider genau diese Theologie subkutan im christlichen Osterdatum mit.“

Deshalb schlägt Schnabel vor: „Wenn wir Christen uns im 4. Jahrhundert gemeinsam auf ein Osterdatum einigen konnten, und zwar leider auf Kosten unserer jüdischen Geschwister, wäre es nicht jetzt 1.700 Jahre später an der Zeit, gemeinsam mit unseren jüdischen Geschwistern nach einem neuen christlichen Osterdatum zu suchen, das eben nicht durch Abgrenzung zum Judentum, sondern im gemeinsamen Dialog mit ihnen gefunden wird?“

Und dies könnte konkret bedeuten: „Wie wäre es, wenn die Jüdinnen und Juden uns erlauben würden, wenn wir uns ihrer Pessach-Berechnung anschließen dürften und am jeweiligen Pessach-Sonntag Ostern feiern würden, das dann auch ein ganz bewusstes Osterfest mit und nicht gegen unsere jüdischen Geschwister wäre?“

Er sei der tiefen Überzeugung, so P. Schnabel, dass Papst Paul VI. 1974 eine visionäre Entscheidung getroffen habe, als er die „Päpstliche Kommission für die Religiösen Beziehungen zum Judentum“ beim heutigen „Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen“ angesiedelt hat. „Meines Erachtens wird die innerchristliche Ökumene nur eine Zukunft haben, wenn sie im ständigen Austausch mit dem Judentum steht. In diesem Sinne möchte ich auch meinen Vorschlag verstanden wissen“, so P. Schnabel.

Die Wiener Ostkirchen-Expertin Andrea Riedl lehrt zurzeit Alte Kirchengeschichte und Patrologie der Universität Regensburg